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Premiere des Jungen Theaters Bonn: "Malala - Mädchen mit Buch": Bildung gegen Barbarei

Premiere des Jungen Theaters Bonn: "Malala - Mädchen mit Buch" : Bildung gegen Barbarei

Die Bühne im Kuppelsaal ist inszeniertes Chaos. Umgekippte Stühle, ein Tisch, eine Staffelei, zerknüllte Zeitungen. Holzkiste, Laptop und Globus, alles durcheinander.

Der Raum, den Bühnenbildnerin Jule Dohrn-van Rossum geschaffen hat, spiegelt das Chaos im Kopf der Studentin Lena (Mona Mucke). Sie arbeitet an ihrer Bachelorarbeit über die pakistanische Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai, die 2012 einen Mordanschlag der Taliban schwer verletzt überlebte. Lena leidet an einer akuten Schreibblockade, denn sie beschäftigt sich mit einer Welt die sie sich erst erschließen muss.

Sie tut das in Nick Woods Einpersonenstück "Malala - Mädchen mit Buch" stellvertretend fürs Publikum. Gewiss, seit dem Attentat der Taliban auf Malala 2012, seit dem Friedensnobelpreis 2014 ist das 1997 geborene Mädchen eine Berühmtheit. Aber wer kennt die Verhältnisse in ihrem Land, gegen die sie unter anderem in einem Internet-Tagebuch für die BBC aufbegehrte? Wer weiß um die privaten Motive für ihr todesmutiges Engagement? Mona Mucke verkörpert in Konstanze Kappensteins Inszenierung des Jungen Theaters Bonn (JTB) im Kuppelsaal der Buchhandlung Thalia Am Markt eine westliche Perspektive.

Die Studentin Lena stellt Fragen, recherchiert und problematisiert. Sie thematisiert unter anderem die Rolle internationaler Medien, die gleichsam mit dem Leben des Mädchens spielten, als sie Bilder von Malala veröffentlichten. Mona Mucke und ihre Regisseurin machen das fabelhaft. Die Schauspielerin absolviert ein permanentes Rollenspiel, mal ist sie Lena, mal Malala, mal ein Mädchen aus der 10. Klasse, mal Busfahrer und Attentäter. Sie erscheint aufgeweckt, auch mal kokett, wenn sie nachdenkt über Religion, Kopftuch und Burka. Konstanze Kappenstein erlaubt Momente von komödiantischer Leichtigkeit. Wenn Mucke eine Schublade herauszieht, öffnet sich - Lichtregie und Musik machen's möglich - eine andere Welt, die des Orients.

Doch das Fundament der Geschichte und der Inszenierung gerät nie aus dem Blick: die alltägliche Barbarei einer Kultur, die weit davon entfernt ist, Frauen als gleichberechtigt zu betrachten, und aus Angst vor "Verwestlichung" Mädchen den Schulbesuch verweigert. Die Welt der pakistanischen Taliban machen Projektionen erfahrbar, Gräueltaten und Grausamkeiten bleiben dem Publikum (ab zwölf Jahren) nicht erspart. Dagegen setzt Kappenstein dokumentarische Szenen mit Malala und ihrem ebenso mutigen Vater Ziauddin, in denen das enge Verhältnis der beiden zu beobachten ist - und die absolute Eigenständigkeit der wortgewandten Tochter.

"Bildung ist die einzige Lösung", hat Malala Yousafzai einmal bemerkt. Die Inszenierung nimmt diesen Gedanken auf. Am Schluss regnet es Buchseiten vom Bühnenhimmel. Das Publikum im Kuppelsaal war begeistert.

Nachsatz aus aktuellem Anlass: Zweieinhalb Jahre nach dem Attentat der Taliban auf Malala hat ein pakistanisches Anti-Terror-Gericht jetzt zehn Männer zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht in Swat habe die Beschuldigten der "Verschwörung" für schuldig befunden, Malala Yousafzai töten zu wollen, hieß es aus Kreisen der Staatsanwaltschaft. Die Beschuldigten hätten gestanden, den Angriff im Auftrag des heutigen Chefs der pakistanischen Taliban (TTP) ausgeführt zu haben.

Die nächsten Aufführungen: zahlreiche Vorstellungen (10 Uhr, 15 Uhr und 19.30 Uhr) im Mai und Juni. Karten: (0228) 46 36 72. Für Nachmittags- und Abendvorstellungen gibt es Karten auch in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen. www.jt-bonn.de