Beethovenfest Bonn 2019: Intendantin Nike Wagner im Interview

Interview mit Intendantin : Das sagt Nike Wagner über das Beethovenfest 2019 in Bonn

Intendantin Nike Wagner sprach mit GA-Redakteur Bernhard Hartmann über das Beethovenfest 2019, den Zwist mit den "Bürgern für Beethoven" und ihre Nachfolge.

Nach dem Beethovenfest ist vor dem Beethovenfest. 2020 erwartet das Publikum ein Frühlingsfestival, im Herbst dann wieder das reguläre Beethovenfest. Mit Intendantin Nike Wagner sprach Bernhard Hartmann.

Sie hatten, bevor 2020 der große Rummel um Beethoven losgeht, für das diesjährige Beethovenfest einen lyrischen Grundton angekündigt. War Ihnen das Festival nun ruhig genug?

Nike Wagner: Es war durchaus eine lyrische Saison mit vielen Nocturnes, Serenaden und Nachtmusiken. Das heißt aber nicht, dass uns künstlerische Aufregungen und Überraschungen erspart blieben. Etwa bei der Mischung von Beethoven mit Luigi Nono, bei den Uraufführungen oder bei neuen Produktionen wie Stephanie Thierschs Tanztheaterabend "Bilderschlachten". Und es bleibt immer wieder eine Freude, am Abend selbst zu erleben, wie gut ein Ensemble wirklich ist. Zum Beispiel beim Kammermusik- und Liederabend mit der Geigerin Viviane Hagner. Da hat ein junger Bariton aus Madagaskar den "Liederkreis" von Robert Schumann unvorstellbar gut gesungen. Auch der Abend für Clara Schumann mit den Klavierkonzerten, der noch in letzter Minute ermöglicht werden konnte, hat sich wunderbar gestaltet.

Es gab im vergangenen Jahr einigen Wirbel um Ihre Intendanz. Wegen des Defizits im vergangenen Jahr, wegen Ihrer Haltung zu Siegfried Mauser, wegen Ihres Verzichts auf eine Vertragsverlängerung und Ihrer Äußerungen in Bezug auf das Bonner Publikum, für die Sie sich entschuldigt haben. Waren Sie deshalb vor dem Start des Beethovenfests nervöser als sonst?

Wagner: Das muss ich zugeben - ich war ein bisschen nervöser. Ich habe aber eine interessante Erfahrung gemacht. Publikum und Medien funktionieren offenbar auf zwei ganz verschiedenen Ebenen. Ich habe bei den Konzerten und in den Pausen nirgendwo im Publikum ein Ressentiment wahrgenommen. Die Besucher waren alle ausnehmend freundlich, manche fragten sogar, ob ich alles gut überstanden hätte. Die Turbulenzen, die über die Presse gelaufen sind, haben sich nicht in Feindseligkeit von Seiten des Publikums niedergeschlagen.

Es sind deshalb auch nicht weniger Leute zu den Konzerten gekommen?

Wagner: Nein. Wir haben die Auslastung in diesem Jahr wieder steigern können. Das kann ja nicht nur am lieblichen "Mondschein" gelegen haben...

Mit welcher Auslastung rechnen Sie am Ende?

Wagner: Wir freuen uns über eine vorläufig gemessene, durchschnittliche Auslastung von 80 Prozent. Das sind fast 21 000 Konzertbesucher in den vergangenen drei Wochen. Besonders schön ist, dass fast 40 Prozent aller Veranstaltungen ausverkauft waren.

Hat sich das Publikum mittlerweile eher an den Spielort WCCB gewöhnt?

Wagner: Die Leute beginnen, sarkastische Späße darüber zu machen. Und viele sagen, dass es doch eigentlich gar nicht so schlecht ist. Wir haben akustisch noch ein bisschen nachgebessert, und es ist sicher auch ein gewisser Gewöhnungseffekt festzustellen. Die Klagen sind jedenfalls auffallend weniger geworden. Außer wenn Einzelne im kalten Luftstrom sitzen...

Können Sie ausschließen, dass es wieder ein Defizit geben wird?

Wagner: Wir haben allen Grund, vorsichtig optimistisch zu sein. Das Beethovenfest ist ein Kunstunternehmen und abhängig von vielen Unwägbarkeiten.

Eine Größe im Kartenverkauf, mit der sie fest rechnen können, bilden die "Bürger für Beethoven". Wie sieht es mit den Spannungen zwischen dem Verein und Ihnen aus?

Wagner: Ich habe mich mit dem Vorsitzenden Stephan Eisel besprochen. Wann immer die Bürger für Beethoven mich um einen Willkommensgruß vor den Konzerten bitten, bin ich gerne für sie da. Es gibt ja auch wunderbar aufgeschlossene Menschen unter den "Bürgern", und Ich kritisiere um Gottes Willen nicht ihr Eintreten für Beethoven. Was mich geärgert hat, sind die politischen Einflussnahmen dieses Vereins. Sie müssten jedes Beethovenfest, welches auch immer, unterstützen, wenn es denn so schwer ist, Beethoven in dieser Stadt durchzusetzen.

Ist es nicht grundsätzlich sehr wichtig, dass das Beethovenfest mit den anderen Kulturinstitutionen in Bonn eng zusammenarbeitet?

Wagner: Das ist wahnsinnig wichtig. Mit der Oper und dem Beethoven Orchester funktioniert alles bestens. Auch mit den Museen, dem Kammerchor Vox Bona und den Schülermanager-Projekten. Wir sind überall mit Bonn verbunden. Insofern ist es schon merkwürdig, dass es Unstimmigkeiten nur mit den Bürgern für Beethoven gab.

Im nächsten Jahr werden Sie noch zwei weitere Festivals verantworten. Vor dem regulären Beethovenfest kommt im März 2020 das zehntägige Frühjahrsfestival. Was bieten Sie an?

Wagner: Da haben wir den Zyklus mit allen neun Sinfonien Beethovens. Der Zyklus ist schon ausverkauft. Und dann haben wir den schönen europäischen Orchesterzyklus, in dem wir alle Uraufführungen der letzten Jahre noch einmal hören können, die als Hommage für Beethoven komponiert wurden - kombiniert mit Meisterwerken aus den jeweiligen Ländern: Berlioz für Frankreich, Verdi für Italien, Mozart für Österreich, Brahms für Deutschland und Tschaikowsky für Russland. Die beiden Zyklen geben zusammen ein dichtes Orchesterpaket.

Das Motto lautet im Frühjahr "Seid umschlungen!". Und welches steht dann im Herbst über dem Beethovenfest?

Wagner: Ich wollte die Herbstsaison gern mit Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 2 abschließen. Die ersten Worte der Klopstock-Ode, die darin vertont erscheinen, sind "Auferstehn, ja auferstehn wirst du". Das Ganze ist also noch einmal Nachfolge und Übergipfelung Beethovens. Deshalb dieses Motto, das ja auch ein freudiges ist.

Nachdem das Referenzwerk, die neunte Sinfonie Beethovens, ja am Anfang des Festivals erklingen wird?

Wagner: Ja, gespielt vom Orchester der Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele. Da wird mancher familiengeschichtlich schmunzeln. Aber die Idee ist schön und plausibel: Wagner und Beethoven gehören ja zusammen. Und ich freue mich sehr darüber, dass Marek Janowski die Aufführung dirigieren wird.

Was erhoffen Sie sich für die Zeit nach der Ära Nike Wagner?

Wagner: Zunächst einmal, dass mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin bis spätestens Ende dieses Jahres oder Anfang des nächsten Jahres gefunden sein wird. Ich programmiere noch für das Jahr 2021, dazu bin ich verpflichtet. Ich lasse aber Lücken, um meiner Nachfolge die Gelegenheit zu geben, dem Festival die eigene Note hinzuzufügen. 2021 wird in jedem Fall nicht mehr "mein" Jahr sein. Es ist ein Zwischenjahr.

Wie optimistisch sind Sie, dass jemand gefunden wird, der das Bonner Beethovenfest trotz der Widrigkeiten wie der langwierigen und teuren Sanierung der Beethovenhalle weiter entwickelt und auf einen guten Weg bringt?

Wagner: Es würde mir gefallen, wenn es jemand sein wird, der es in meinem Geiste fortführt. Denn wir haben, was die Profilierung des Beethovenfests angeht, schon eine kleine Bresche geschlagen.

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