Drei Stunden Sprechtheaterkunst: Becketts "Warten auf Godot" in der Werkstatt überzeugt

Drei Stunden Sprechtheaterkunst : Becketts "Warten auf Godot" in der Werkstatt überzeugt

Samuel Becketts „Warten auf Godot“ in der Bonner Werkstatt ist ein Erfolg. Die Schauspieler Klaus Zmorek, Roland Riebeling, Daniel Stock und Alois Reinhardt gehen an ihre Grenzen.

Vier Schauspieler, ein Befund. Was Klaus Zmorek, Roland Riebeling, Daniel Stock und Alois Reinhardt dem Werkstatt-Publikum anbieten, lässt sich mit Adjektiven beschreiben wie präzise und kristallklar, magisch und intensiv, virtuos und unwiderstehlich. Kurz: Sie sind nicht übel in Samuel Becketts „Warten auf Godot“.

Luise Voigts Inszenierung ist eine Feier des Sprechtheaters, die es den Akteuren erlaubt, an ihre Grenzen zu gehen. Mit einer darstellerischen Tour de Force stoßen sie ins Herz des 1953 erstmals aufgeführten Dramas vor.

Thema des auf Französisch geschriebenen Stückes ist nicht weniger als die „condition humaine“, die sich in dem Satz ausformuliert: „Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick und dann von Neuem die Nacht.“ Religiöse oder politische Erlösungshoffnungen – Fehlanzeige. Das macht das Stück zeitlos und gegenwärtig zugleich.

Becketts Hauptfiguren sind zwei Clochards, Wladimir und Estragon, die warten und sich vom Warten etwas versprechen: Rettung und Erlösung, Glück, echtes Leben. Bis sich diese private Utopie erfüllt, vertreiben die beiden sich die Zeit, opponieren gegen die drohende Langeweile mit zänkischen, philosophischen, religiösen – oder aber komischen Debatten. Das komplexe Stück besitzt Züge einer Beziehungskomödie. Wladimir und Estragon verhalten sich zueinander wie ein altes Ehepaar.

Verkörperung auf geradezu archaische Weise

Als Gegenbild zu den beiden lässt der Autor Pozzo, den Herrn, und Lucky, den Knecht, auftreten. Sie verkörpern das jeder Gesellschaft zugrunde liegende Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Menschen auf geradezu archaische Weise.

Der Intellektuelle Beckett hat dem Intellektuellen und Künstler Lucky einen Monolog geschrieben, dessen absurde und beziehungslose Wortfetzen er gleichsam erbricht. Auch vom Künstler, so legt die Symbolik dieser Szene nahe, ist keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu erhoffen. Luise Voigt (Regie und Raum) hat dem Ensemble eine Spielfläche vor einem dunklen Vorhang gebaut. Auf einer Projektionsfläche werden immer wieder szenische Anweisungen des irischen Dramatikers lesbar, zum Beispiel „Schweigen“. Stefan Bischoff ist für Video (und Raum) verantwortlich. Friederike Bernhardt hat Becketts Dialoge in ein ausgeklügeltes Sounddesign eingepasst. Es funktioniert nach den Gesetzen des Comics: mit „Plopp“, „Ding!“ und „Raschel“.

Wirken wie gesteuerte Puppen

Die Schauspieler tragen Mikroports, manchmal wirken sie wie von außen belebte und gesteuerte Puppen. Dann wieder schaltet die Regie sie in den Stand-by-Modus. Expressionistische Gesten, chaplineske Reflexe und zombiehafte Verrenkungen gehören zum Repertoire der Akteure. Voigt fügt ihrem Godot-Cocktail so ironische und verfremdende Zutaten hinzu. Das könnte manieriert und selbstverliebt erscheinen, doch die Spielleiterin weiß ihre Regietheater-Schöpfungsakte bekömmlich zu dosieren.

Die Bühne gehört den Schauspielern. Sie treffen alle Tonlagen des Stückes, von der kleinlichen Streiterei einfacher Leute bis zur düsteren philosophischen Betrachtung von Leben, Lebensüberdruss und Selbstmord. Roland Riebeling (von 2002 bis 2007 Ensemblemitglied in Bonn) stellt als Estragon eine sanfte Verzweiflung aus, einen unstillbaren Hunger und, manchmal, ein aufbrausendes Temperament. Klaus Zmorek als Wladimir ist der Reflektierte, Fragende, alles ewig gedanklich Durchkauende. An der Welt, wie sie ist, droht er irrezuwerden. Riebeling und Zmorek sind ein tolles Clochard-Paar. Sie genießen nicht jede Minute miteinander, aber sie können ohne einander nicht sein.

Ein brüllender Psycho mit monströsen Zügen

Daniel Stock als Pozzo weiß mit der Peitsche umzugehen: ein brüllender Psycho mit monströsen Zügen, der aber auch den koketten Augenaufschlag beherrscht und die selbstmitleidige Pose. Alois Reinhardt lässt sich als sabbernder Lucky nicht in die Karten gucken. Bedeutet Unterwerfung Lustgewinn für ihn, oder versteckt er unter aller Servilität ein Gefühl von intellektueller Überlegenheit? Mit seinem Monolog fügt er den anderen regelrecht körperliche Schmerzen zu. Könnte die Rache des Denkers sein.

Als jugendlicher Bote fügt sich Moritz Hamelmann in das inspirierte Darstellerteam ein. Es wird nach drei Stunden (einschließlich Pause) vom Publikum gefeiert.

Die nächsten Aufführungen: 6. und 16. Februar (jeweils ausverkauft), 8., 21. und 30. März. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops des General-Anzeigers unter www.ga-bonn.de/tickets.

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