August Macke Haus in Bonn: Ausstellung zeigt expressionistische Arbeiten in Bonn

August Macke Haus in Bonn : Ausstellung zeigt expressionistische Arbeiten in Bonn

Das Bonner August Macke Haus stellt in der aktuellen Ausstellung "Gratwanderung" expressionistische Arbeiten aus der eigenen Sammlung zeitgenössische Werken gegenüber.

Der geheimnisvolle Reiz, der im Mittelalter die Erfindung des Druckens umfloss, wird auch heute noch von jedem verspürt, der sich ernsthaft und bis ins Detail des Handwerks mit Grafik beschäftigt.“ Der Satz stammt von Ernst Ludwig Kirchner, und wahrscheinlich ist er heute noch genauso wahr, wie Kirchner dies 1921 empfand. Nach einem Besuch der aktuellen Ausstellung „Gratwanderung“ im August Macke Haus ist man davon jedenfalls überzeugt, denn hier wurde ein spannungsvoller Dialog zwischen expressionistischen und zeitgenössischen Künstlern über das Medium des Holz- und Linolschnittes inszeniert. Eine Begegnung, die beiden Seiten gerecht wird.

Zu den Kernstücken der Ausstellung gehört das druckgrafische Werk von August Macke, das erstmals vollständig und mit vielen noch nie ausgestellten Arbeiten zu sehen ist. Das ist auch seinem Enkel Til Macke zu verdanken, der dem Museum ein großes Konvolut von Linolschnitten des Künstlers geschenkt hatte. Hinzu kommen Leihgaben aus dem Bonner Kunstmuseum, etwa der Druckstock zu Mackes Linoldruck „Begrüßung“ von 1912. Insgesamt 26 Expressionisten sind mit Holz- und Linoldrucken in der Ausstellung vertreten und treffen auf die Arbeiten von acht zeitgenössischen Künstlern. Die sind zwar in der Unterzahl, machen dies aber, salopp gesagt, durch raumfüllende Großformate wett.

Ornamentale Tapete

So wie die Expressionisten den Holzschnitt einst von der Funktion als Buchillustration und reinem Reproduktionsmittel befreiten und ihn als eigenständiges künstlerisches Medium etablierten, so nehmen sich auch heute Künstler technische und thematische Freiheiten. Selbstbewusst und von den Kuratorinnen Ina Ewers-Schultz und Birgit Kulmer mutig unterstützt, tapezierte der Leipziger Künstler Christoph Ruckhäberle die Wände des ersten Raumes mit einer ornamentalen, aus einzelnen Holzschnitten zusammengesetzten Tapete. Das Motiv der Tänzerin geht auf eine Arbeit Mackes von 1910 zurück. Auf Ruckhäberles farbiger Tapete behaupten sich expressionistische Porträts wie Marie von Malachowskis Medusa und Athene (1922/24). Auch im hervorragenden Katalog taucht das Tapetenmotiv wieder auf, dieses Mal sogar als eingebundene Originalgrafik.

Den Themen des Alltags ist ein Raum gewidmet, in dem die überaus detailreichen Holzschnitte von Gabriela Jolowicz den Badezimmerszenen und Aktdarstellungen von Evarist Adam Weber gegenüberstehen. In beiden Fällen sind es intime Einblicke, die dem Betrachter erlaubt werden. Träumerisch-mystisch geht es weiter mit der „Versöhnung“ (1912) von Franz Marc, dem passenden Gedicht von Else Lasker-Schüler und einem samtweichen großformatigen Holzschnitt von Gert & Uwe Tobias.

Wo das expressionistische Pathos den Kitsch streift, kommen die Brüder Tobias ganz ohne Harfen aus und huldigen dennoch einer geheimnisvollen Schönheit. Als „Sehnsuchtsort und Konfliktfeld“ ist das Thema Landschaft in der Ausstellung besetzt. Hier wird deutlich, zumindest in den großen Darstellungen landwirtschaftlicher Maschinen von Georg Winter, wie sehr uns Zeitgenossen der harmlose Blick auf die Natur verloren gegangen ist. Anders sieht es aus bei den politischen Themen, denn Künstler wie Franz M. Jansen, die nach dem Ersten Weltkrieg den gesellschaftlichen Aufbruch mitgestalten wollten, nutzten besonders im Holzschnitt eine plakative Bildsprache, deren sozialkritische Aussage keiner Interpretation bedarf.

Der Künstler Barthélémy Toguo aus Kamerun steht hier stellvertretend für unsere aktuelle „zerrissene Welt“, die zwar andere Themen hat, aber dieselben Diskussionen führt. Seine Holzbüsten sind zugleich die Druckstöcke für stempelartige Worte, die sich mit dem bürokratisch gesteuerten Transit von Menschen beschäftigen.

Museum August Macke Haus, Hochstadenring 36, bis 15. September. Di, Mi, Fr-So 11-17, Do 13-21 Uhr, Katalog Lubok Verlag 24,80 Euro im Museum. Am 16. Mai um 19.30 Uhr sprechen die Künstlerinnen Christiane Baumgartner und Gabriela Jolowicz über den Holz- und Linolschnitt.