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State of the Arts: Ausstellung in der Bundeskunsthalle nach Corona-Pause

State of the Arts : Ausstellung in der Bundeskunsthalle nach Corona-Pause

Neustart nach dem Corona-Lockdown: Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt die Ausstellung „State of the Arts“ über die Verschmelzung der Künste.

Mit einer Prise Symbolik und einem Eröffnungs-Marathon meldet sich die Bundeskunsthalle nach dem Corona-Lockdown zurück und fährt zur bewährten Betriebstemperatur hoch, die dem Haus in guten Zeiten ein Kaleidoskop unterschiedlicher, parallel laufender Ausstellungen und Veranstaltungen bescherte. Bald brummt der Laden wieder.

Auf die neue Ära nach dem Ende 2019 nach Amsterdam gewechselten Rein Wolfs stimmte am Dienstag vor der Presse schon mal die designierte neue Intendantin Eva Kraus ein. Aus Nürnberg kommend tritt sie offiziell am 1. August in Bonn an. Sie freue sich riesig auf den Start, „hinter den Kulissen haben wir schon viel gearbeitet, haben durch Corona viel schieben müssen“, sagte sie. Und zeigte sich begeistert von dem interaktiven und interdisziplinären Ansatz der aktuellen Schau. Das sei genau ihre Richtung.

Im Wochentakt präsentiert die Bundeskunsthalle nun drei neue Ausstellungen, die die bis 30. August laufende, exakt einen Tag vor dem Lockdown eröffnete Schau „Wir Kapitalisten“ flankieren sollen: „State of the Arts. Die Verschmelzung der Künste“ macht mit aktueller Kunst an der Schnittstelle zwischen bildender und darstellender Kunst den Anfang; es folgt in der kommenden Woche „Doppelleben“, eine Schau, die einen Bogen vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart spannt und bildende Künstler von Yves Klein bis Pipilotti Rist präsentiert, die auch musikalisch unterwegs waren oder sind; Ausstellung Nummer drei stellt 14 Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung vor, die Zukunftsfragen ventilieren.

Selbsterfahrung via Kunst: Besucher können in Werken wie „Forced“ von Rachel Monosov ihre Grenzen testen. Foto: Benjamin Westhoff

Die wilden 1960er

Gleichermaßen Vergangenheit wie Zukunft stecken in der von Johanna Adam und Miriam Barhoum konzipierten Ausstellung „State of the Arts“, wobei die Kuratorinnen auf einen Exkurs in die wilden 1960er Jahre verzichten, in denen die Grenzen etlicher Kunstgattungen gesprengt wurden, sich bildende Kunst, Film, Musik, Theater, Performance, Aktion zu einem quirligen Amalgam mit mehr oder weniger revolutionärem Impetus verwandelten – und man en passant etwa die Malerei totsagte.

Dafür präsentieren Adam und Barhoum 13 Positionen der Gegenwartskunst, die sich völlig selbstverständlich des Crossovers bedienen. Dass einem beim Gang durch die Ausstellung vieles bekannt vorkommt, liegt in der Natur der Sache: Der Fluxus der 1960er war in Nachfolge von Dada die geniale und in ihrer Radikalität kaum zu überbietende Blaupause für eine gattungsübergreifende Kunst.

Intermediale Kunst, der Begriff wurde bereits 1966 von Dick Higgins geprägt, zieht den Betrachter mit ins Werk. So im Aktionsraum „Solo“, den Christian Falsnaes für jeweils fünf Minuten zur Verfügung stellt: Vor dem Spiegel kann man tun, was man will. Mit Rachel Monosovs Objekten kann der Besucher seine (Schmerz-)Grenzen austesten, zum Beispiel die Hand zwischen zwei Kakteen in der Schwebe halten. Hannah Weinbergers Liveprojektion mit Sound holt den Besucher buchstäblich ins Bild und multipliziert ihn bis ins Unendliche.

Der zeichnende Roboter

Das Konzept ist alles, die Handschrift des Künstlers zählt nicht: Neu ist auch dieser Ansatz nicht, aber selten kam das so originell daher, wie in der Arbeit „The Artist“ von David Shrigley, der einen Roboter mit Menschengesicht, Perücke und Stiften in den Nasenlöchern hin und her über das Papier fahren lässt. Dries Verhoeven hat in der Bonner Fußgängerzone einen Bettler interviewt. Das Tondokument scheppert nun vor der Bundeskunsthalle aus einem alten Rekorder, auf dem eine Schale fürs Geld steht. Ein echter Obdachloser dürfte hier wohl nicht sitzen. Gisèle Gonon sieht auch die Arbeitswelt kritisch: Da werden Schlagworte und Euphemismen aus der Welt des Personalmanagements mit einem hamsterradartigen Wasserrad aus Espressobechern konfrontiert.

Geradezu konventionell präsentiert sich Raphaela Vogels arg gedrängtes, konfuses Sammelsurium in einem klaustrophobisch engen Raum, der, von Schreien durchwabert, einem Rieseninsekt zum Auftritt verhilft, ängstlich beäugt von gefesselten Puppen. Im Video sieht man die rotgewandete Künstlerin auf einer Klippe in einem durch Computertricks aufgewühlten Meer. „Tränenmeer“ lautet der Titel.

Mit feinem Witz kommen dagegen die Metall-Frauen und -Männer von Laure Prouvost im zentralen Raum daher, der ohnehin seine Stärken hat: An der Wand sieht man Nora Turatos verfremdete Textbotschaften; Isabel Lewis hat sich zusammen mit Dirk Bell die postmoderne Rotunde von Bundeskunsthallen-Architekt Gustav Peichl vorgenommen und in eine spätarkadische Erlebnislandschaft verwandelt; einige Schritte entfernt kämpft sich Simnikiwe Buhlungu im Video durch drei Drehbücher von Spike Lee und versucht sich dabei ähnlich erfolglos einen Joint zu drehen. Mit Abstand die schönste Arbeit.

Ob das alles aber unterm Strich „State of the Art“, Stand der Dinge ist, darf bezweifelt werden. Die Debatte ist eröffnet.