Ausstellung im Museum August Macke Haus: Orpheus-Mythos im Fokus

Museum August Macke Haus : Ausstellung zeigt Orpheus-Mythos in der modernen Kunst

Das Museum August Macke Haus beleuchtet den Orpheus-Mythos in der modernen Kunst. Die Ausstellung zeigt die Verbindung der griechischen Sage mit den Werken Beethovens und dem Künstler Markus Lüpertz.

Er ist der Größte: "Ich bin ein Genie", verriet Markus Lüpertz der "Süddeutschen Zeitung" und fügte dann hinzu: "Das ist das Einzige, was mir nicht nachgesagt wird, das muss ich selbst behaupten." Was weniger bekannt ist: Der Maler ist nicht nur ein selbst ernanntes Genie, er ist auch Orpheus, jene mythisch-tragische Inkarnation des Künstlertums. 1995 brachte er ein Künstlerbuch mit dem Titel "Ich Orpheus" heraus, 1983 gab er in dem gleichnamigen Gedicht der Orpheus-Geschichte eine neue Wendung. Das endet so: "Denn die Erfahrung/ Stört die Liebe/ Und stört das Lied/ Und dies bedenkend alles/ Drehte ich mich/ Abrupt/ Und floh allein ins Leben." Der Sänger lässt also die Geliebte in der Unterwelt zurück, um sich selbst und seine Kunst zu retten.

Elfriede Jelinek hatte übrigens auch Einwände gegen die durch Ovid überlieferte Orpheus-Saga: Ihre Eurydike wehrt sich gegen die aufgenötigte Auferstehung und plädiert für ihr selbstbestimmtes Nicht-Sein als Schatten. Lüpertz hat Jelineks Gedicht sehr verklausuliert illustriert. Und den Bonnern hat er ein Rätsel in den Hofgarten gestellt: Ist die leidende, armlose Aktfigur seiner bronzenen "Hommage an Beethoven" Orpheus? Und das Konterfei Beethovens ihm zu Füßen eine stilisierte Leier, auf der er zu spielen pflegte? Lüpertz hat dieses Rätsel nie aufgelöst.

Das Museum August Macke Haus nützt die Verbindung Orpheus-Beethoven-Lüpertz als Steilvorlage für eine hochkarätig bestückte Schau, die, von der Jubiläumsgesellschaft BTHVN gefördert, den Reigen der Bonner Ausstellungen zu Beethoven 2020 eröffnet. Dass der zweite Satz von Beethovens 4. Klavierkonzert op. 58 von der Orpheus-Sage inspiriert sei, soll hier noch ergänzt werden. Das jedenfalls wird kolportiert, der Meister selbst hat sich nicht dazu geäußert.

Bloß nicht umdrehen

Die Orpheus-Sage geht stark verknappt so: Dem schönen Orpheus, Sohn des Apolls und der Muse Kalliope, wurde die Leier quasi in die Wiege gelegt. Es spielte und sang sich durchs Leben, Felsen weinten, Menschen und Tiere scharten sich um ihn. Er verliebte sich in Eurydike, man heiratete, die Geliebte starb schon am Hochzeitstag am Schlangenbiss. Orpheus' Trauergesänge, die er am Ufer des Flusses zur Unterwelt intoniert, toppen alles bislang Dagewesene. Sie erweichen das Herz des Fährmanns, der in mitnimmt, und des Höllenhundes Zerberus, der ihn passieren lässt. Auch die Götter haben ein Einsehen: Orpheus darf seine Eurydike wieder zurück ins Leben nehmen, er darf sich beim Aufstieg aus der Unterwelt nur nicht nach ihr umdrehen. Er tut's. Sie muss zurück in die Finsternis, er in die Welt.

Der singende Kopf im Fluss

Er singt nicht mehr, entsagt allen Frauen, gründet einen Männerorden und erfindet, so die Legende, die Knabenliebe. "Die Damenwelt war darüber sehr erbost", schreibt Elke Heidenreich in ihrem hinreißenden Katalogtext über Orpheus und die Musik. Und sie erzählt die Geschichte weiter: Wie die Erinnyen Orpheus im orgiastischen Rausch zerfleischten und köpften, wie der Kopf im Fluss trieb und zu singen begann, wie die Leier am Himmel zum Sternbild wurde und der Kopf ausgerechnet an die Küste von Lesbos getrieben wurde, die Insel der Frauenliebe. Gott Apoll persönlich brachte schließlich den singenden Schädel zum Schweigen. Der Mythos vom liebenden Künstler, der einerseits den Tod überwinden kann, andererseits grandios scheitert, der mit seiner Kunst Grenzen überschreitet, die Ambivalenz von Kreativität und Tragik haben immer wieder Maler und Bildhauer inspiriert.

Davon erzählt die Bonner Ausstellung "Orpheus - Traum und Mythos in der modernen Kunst" in schöner Ausführlichkeit mit rund 100 Exponaten. Die Aneignung der berührenden Geschichte um Liebe und Tod und über den Zauber der Kunst lief sehr unterschiedlich. August Macke etwa interessierte sich schon bevor er 1904 an die Düsseldorfer Akademie ging für die Vorstellung von Orpheus im Paradies, im Einklang mit der Natur, umgeben von Tieren. Ein vergleichbar naiver Blick auf den Mythos, der sich in einer Reihe von Zeichnungen, vor allem aber im Entwurf für eine Stickerei manifestiert: Elisabeth Macke und Katharina Koehler sticken das Motiv mit dem Leier spielenden Orpheus, umringt von lauschenden Tieren, für einen Sesselbezug.

Die große Bronzeskulptur von Ossip Zadkine (1948) verkörpert jedoch am ehesten die Orpheus-Interpretation der Moderne: als gleichermaßen triumphale wie tragische Figur. Zadkines Orpheus ist eine zerrissene Gestalt, deren aufgebrochener Körper zur Lyra wird, die Beine schreiten voran, der Oberkörper aber wendet sich verdreht nach hinten, das Gesicht wirkt entsetzt. Man ahnt einen Schrei, oder ist es der Gesang, der alles Irdische und Unterweltliche überwindet? Ein spannendes Werk.

Sage beschäftigte viele namhafte Künstler

Die Ausstellung hat weitere herausragende Arbeiten zu bieten: Etwa Max Beckmanns Lithografien zu Johannes Guthmanns "Eurydikes Wiederkehr in drei Gesängen" (1909), einen kompakten, sehr malerischen Orpheus von Horst Antes, der vor dessen Kopffüßler-Phase entstand, oder Picassos feinlinige Radierungen, die den Todeskampf Eurydikes nach dem Schlangenbiss und die Mänaden zeigt, wie sie über den armen Sänger herfallen, um ihn zu töten. Picassos Botschaft: Das Sterben der Muse bedeutet den Tod des Künstlers. Ein Thema, das er wiederholt aufgenommen hat.

Von Picassos feinem Strich zur betörend sicheren Umrisslinie seines Freundes Jean Cocteau ist nur ein Katzensprung. Der Zeichner, Dichter und Dramatiker sah sich selbst als Orpheus und als Verkörperung einer allumfassenden, unfassbaren Poesie, die wie die Musik des mythischen Sängers alle Grenzen überwand. Im Museum Macke liegt das Künstlerbuch "Orphée", hängen Orpheus-Lithografien an der Wand, in der Vitrine stehen von Cocteau mit dessen berühmtem schwerelosem Schwung bemalte Keramiken. Im Rahmenprogramm der Schau wird Cocteaus cineastisches Meisterwerk "Orphée" (1950) gezeigt. Der Meister benutzte den Orpheus übrigens mitunter als Signet: Im Profil mit Schlafzimmerblick und aufgeworfenen Lippen - die erhabene Mythenfigur als schmollender Toyboy.

Auch Oskar Kokoschka hatte seinen persönlichen Blick auf die Gestalt des Sängers. Während des Ersten Weltkriegs schrieb er ein Orpheus-Drama, später entstanden Bühnenbildentwürfe. Er verarbeitete damit seine Trennung von Alma Mahler. Kokoschkas Orpheus verliert seine Eurydike/Alma nicht, weil er sich umdreht, sondern weil diese ein Kind von Hades erwartet. Alma brachte 1916 ein Kind vom späteren Bauhaus-Gründer Walter Gropius auf die Welt.

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