"Traurigkeit & Melancholie" in der Werkstatt: Aus dem Leben einer einsamen Schildkröte

"Traurigkeit & Melancholie" in der Werkstatt : Aus dem Leben einer einsamen Schildkröte

Der lange Titel des Stückes steht in keinem Verhältnis zur Länge des Theaterabends. "Traurigkeit & Melancholie oder der aller aller einsamste George aller aller Zeiten" hat der junge Autor Bonn Park sein theatralisches Fragment genannt, das Mina Salehpour in der Werkstatt des Theaters inszeniert hat. Nach 80 Minuten ist Schluss.

Beim titelgebenden einsamen George handelt es sich um "Lonesome George", die berühmte, 2012 im Alter von 100 Jahren dahingeschiedene Galapagosschildkröte. George galt als letzter Vertreter seiner Art. Bonn Park hat sich "in einer dieser einsamen Internetnächte" vom Schicksal des Reptils inspirieren lassen, vertraute er der Dramaturgin Johanna Vater an. "Man sitzt zu Hause, kein Geld, keine Freunde, niemanden zum Küssen, nur das Internet" - da rührt die Geschichte des gepanzerten Einzelgängers natürlich besonders.

Ein Detail hat den Autor offenbar speziell beeinflusst. Verkupplungsversuche von George mit Weibchen einer verwandten Unterart sind immer wieder gescheitert. Mina Salehpours Inszenierung in der Werkstatt erzählt vom vergeblichen Bemühen, zueinander zu kommen, körperliche Nähe herzustellen, sich fortzupflanzen. Hajo Tuschy und Daniel Breitfelder schlüpfen auf Maria Anderskis fantasiebunter, poppiger Bühne mit roten Riesenblumen und Kunstrasen abwechselnd in die Rolle der Riesenschildkröte George. In einer Szene lässt Maya Haddad als Artgenossin nichts unversucht, um Breitfelders George zum Sex zu bewegen. Es klappt nicht: Paarung als Vergeblichkeits-Slapstick.

Daniel Breitfelder beglaubigt danach in einem Monolog den Titel des Dramas: "Traurigkeit & Melancholie". Von einer Familie erzählt er, die er mit einer Schildkröte gegründet habe. Geht also doch? Ja und nein, denn der Faktor Zeit zerstörte die Gefühle, am Ende stand er wieder allein da, mit nichts als seiner Selbstliebe.

George hat ein Jahrhundert durchlebt, er kennt den Lauf der Welt, die Entwicklung der Zivilisation, am Ende wünscht er sich nur noch eines: "Ich würde gerne sterben. In der Sandmulde, in der ich geboren wurde. Mit Blick auf das Meer. Ganz friedlich und bei Sonnenuntergang."

Es sind pessimistische, mitunter depressive Töne, die Bonn Park in seinem parabelhaften Fragment anschlägt. Der einsame George mag ein Reptil sein, er empfindet doch ganz menschlich. Die Inszenierung nimmt diese Molltöne auf. Aber sie nutzt auch die anderen Angebote des Textes, der märchenhafte, surreale, parodistische und komödiantische Elemente enthält. Den Lauf der Zeit spiegelt ein Potpourri mit Hits aus der Musikgeschichte, gipfelnd in Pharrell Williams' "Happy". Immer wieder drückt eine Figur auf einen Buzzer und nimmt das Publikum mit in eine überdrehte Rapunzel-Soap. Satzwiederholungen gehören zum szenischen Programm wie ein Tänzchen mit dem Rollator und eine refrainhaft wiederkehrende Frage à la Samuel Beckett: "Und was wollen wir jetzt machen?"

Antwort: Sie beginnen immer wieder von vorn, suchen die Auseinandersetzung mit einem Universum, das wenig Trost und noch weniger Glück im Angebot hat. Selbst das Märchen von Rapunzel endet hier unglücklich, nämlich tödlich.

Die drei Schauspieler Maya Haddad, Daniel Breitfelder und Hajo Tuschy, für die Maria Anderski gelbe, floral gemusterte Kostüme entworfen hat, fühlen sich in alle Stimmungen des Stückes ein: von depressiv bis durchgeknallt. Sie transportieren die dunkel eingefärbte Poesie und die wortwitzmächtige Fabulier- und Reflexionskunst des Autors. Viel Beifall in der Werkstatt.

Auf einen Blick

  • Das Stück: Bonn Parks "Fragment" vereint düstere Poesie und wortwitzmächtige Fabulierkunst.
  • Die Inszenierung: Sie erweckt die Vorlage zu facettenreichem Leben.
  • Die Schauspieler: Sie fühlen sich in alle Stimmungen des Stückes ein.

Die nächsten Aufführungen: 16., 19. und 24. Juni. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.

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