Teodor Currentzis mit dem SWR-Symphonieorchester in der Kölner Philharmonie: Atemberaubend

Teodor Currentzis mit dem SWR-Symphonieorchester in der Kölner Philharmonie : Atemberaubend

Genau 872 Tage dauerte die Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Die Einwohner der Stadt lebten vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 unter Dauerbeschuss, froren, hungerten und starben zu Hunderttausenden. Der Komponist Dmitri Schostakowitsch wollte den Menschen in seiner Heimatstadt helfen, meldete sich zum Militär. Vergebens.

Die Künstler sollten nicht kämpfen, befahlen die sowjetischen Machthaber. Weil Schostakowitsch aber hartnäckig weiterdrängte, kommandierten sie ihn für eine Weile immerhin zur Feuerwehr ab.

In dieser Zeit begann er, an seiner siebten Sinfonie zu arbeiten, die als "Leningrader" bekannt werden sollte und seit ihrer Uraufführung im März 1942 zu einem Denkmal des Kampfes und des Leidens wurde. Und zugleich einen Siegeszug rund um die Welt feierte.

Die traurige Episode aus der Geschichte des heutigen Sankt Petersburg ist dem griechischen Dirigenten Teodor Currentzis, der das Werk mit dem SWR-Symphonieorchester in der Kölner Philharmonie aufführte, sehr bewusst.

Immerhin hat der heute 47-jährige Musiker in dieser Stadt sein Handwerk studiert und ist danach weiter in Russland geblieben, wo er in den vergangenen Jahren als künstlerischer Leiter an der Oper in Perm und als Chef des von ihm gegründeten Orchesters MusicaAeterna die Klassikszene aufmischte.

Den Posten als künstlerischer Leiter will er indes abgeben. Dies teilte die Oper am Freitag mitteilte.

Schostakowitschs "Leningrader" ist ihm eine Herzensangelegenheit: In der ausverkauften Philharmonie erlebte das Publikum eine Aufführung, die in ihrer Intensität und expressiven Wucht niemanden kalt ließ.

Currentzis, der mit enger schwarzer Röhrenhose, schwarzem Hemd und den nach hinten gekämmten und an den Seiten ausrasierten Haaren schon rein äußerlich nicht dem gewohnten Bild des klassischen Maestros entspricht, sperrt sich gegen jede Form der Routine.

Das wird schon in den ausladenden Gesten seines Dirigierstils deutlich. Die Kraft, die er in das erste auftrumpfende Thema hineinlegt, kommt aus dem Orchester mit voller Wucht zurück.

Dass er auch das genaue Gegenteil kann, zeigt er zu Beginn des Variationenabschnitts, wo er der kleinen Trommel nur knapp das Tempo vorgibt und dann die Arme sinken lässt.

Umso überwältigender wirkt dann die Steigerung mit ihrem ersten Kulminationspunkt, wenn fast das komplette Orchester zum Fortissimo aufspringt und im Stehen weiterspielt. Man mag das als theatralischen Schnickschnack abtun, doch das akustische Ergebnis dieses Effekts war atemberaubend.

Currentzis choreografiert diesen gewaltigen, fast halbstündigen ersten Satz regelrecht, lässt keinem Musiker des riesig besetzten Orchesters den Hauch einer Chance, sich in die Komfortzone zurückzuziehen. Und man hat den Eindruck, dass die Stuttgarter ihrem Chef, der Anfang der Saison sein Amt antrat, mit Leidenschaft und Hingabe folgen.

Das hört man nicht nur im Tutti, sondern auch in den Solostellen der Sinfonie, bei den hohen Holzbläsern ebenso wie in der Melodie des Fagotts im ersten Satz oder der Bassklarinette im zweiten.

Currentzis versteht es auch, die tiefer liegenden Emotionen aus dieser Sinfonie hervorzuholen, wie etwa die an Mahler erinnernde Melancholie im Adagio oder auch im Finale, wo der Dirigent die wilden Klangexzesse genüsslich zelebriert, um dann die ruhigeren Phasen subtil herauszuarbeiten.

Nach der gewaltigen Schlusssteigerung sprang das Publikum im Saal aus den Sitzen und machte seiner Begeisterung lautstark Luft. Eine solche Reaktion erlebt man selten.

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