Joan Baez in Köln: Alles lauscht der Stimme einer Generation

Joan Baez in Köln : Alles lauscht der Stimme einer Generation

Ohne Übertreibung: Sie ist die Stimme einer Generation. Seit Ende der 50er singt Joan Baez und hat dabei eine ganz besondere Gabe: Man hört ihr zu. Teestuben-Romantik in der Kölner Philharmonie.

Sie singt klar, aber nicht überakzentuiert; nachdrücklich, aber nicht predigend. Und so lauschen die Menschen (vor allem) dieser Generation andächtig dem Konzert in der ausverkauften Kölner Philharmonie.

Ein schicker Ort, den Baez schnell zu ihrem Zuhause macht: Beim dritten Song zieht sie die Schuhe aus und singt - unterstützt vom Multiinstrumentalisten Dirk Powell und ihrem Sohn Gabriel Harris an den Percussions - barfuß viele Lieder, die sie seit Jahrzehnten im Repertoire hat, vor allem die klassischen Folksongs ihrer allerersten Platten wie "Railroad Boy" oder "Lily of the West".

Freude und Würde gehen bei Joan Baez Hand in Hand und machen den Abend zu einem Erlebnis. Mit ihren 72 muss sie nichts mehr beweisen. Dass ihre Stimme nicht mehr die höchsten Höhen erklimmt, weiß Baez und kommentiert sie vor "Swing low, sweet Chariot": "Das habe ich früher sehr hoch gesungen, aber das mache ich nicht mehr, die Stimmbänder sind einfach geschlaucht." Aber Baez hat das Glück, dass ihre ältere Stimme ein ganz wunderbares Timbre bekommen hat und sie ihr kaum den Dienst versagt.

Und sie hat keine Scheu, einer jungen Kollegin ein Forum zu bieten: Für ein paar Songs kommt die Französin Marianne Aya Omac auf die Bühne, singt spanische Folklore mit vokal-akrobatischer Wucht und so viel Verve, dass es die Gastgeberin vom Sitz reißt, um mitzutanzen. Und in wunderbar harmonischen Duetten wie "Gracias a la Vida" und "Cucurrucucú Paloma" überlässt die Ältere der Jüngeren stimmlich den Vortritt.

In Sachen Mitsingen durchweht den Saal gen Ende des gut 100 Minuten langen Abends aber etwas arg viel friedensbewegte Teestuben-Romantik: Wenn das Publikum bei "Sag mir wo die Blumen sind", "Donna, Donna" oder Baez' einzigem Nummer-eins-Hit "The Night they drove Old Dixie down" mit einstimmt, mag das noch angehen - gerade weil letzteres Lied dem deutschen Zuhörer durch "Conny Kramer" so geläufig ist. Bei John Lennons "Imagine" allerdings geht das gar nicht.