Beethoven Orchester hat abgestimmt: 98 Prozent für Märkl

Beethoven Orchester hat abgestimmt : 98 Prozent für Märkl

Von dieser Einigkeit können die Berliner Philharmoniker nur träumen: Bei einer Abstimmung darüber, wer denn 2016 Nachfolger ihres Chefs Stefan Blunier werden solle, machten 98 Prozent der hundert Musikerinnen und Musiker des Beethoven Orchesters ihr Kreuzchen neben den Namen Jun Märkl.

"So einig waren wir uns noch nie", sagt einer von ihnen, der nicht genannt werden möchte. Doch anders als bei den Philharmonikern, die als einziges großes Orchester weltweit ihren Chef selbst bestimmen, scheint das Votum der Musiker aus Bonn bei der Berufung des neuen Generalmusikdirektors (GMD) nichts wert zu sein.

Offiziell sollte die Meinung des Orchesters im Verfahren zwar berücksichtigt werden, doch stimmberechtigt ist es nicht. Das ist aus Sicht der Musiker umso betrüblicher, als sich die von Bonns Kulturdezernent Martin Schumacher moderierte Findungskommission für den Mitbewerber Marc Piollet entschieden hat. Schumacher habe sich völlig unbeeindruckt gezeigt, als man ihm das Hundert-Prozent-Ergebnis für Märkl vorlegte, hieß es aus Musikerkreisen. "Das ist ein Skandal", kommentierte ein Bonner Kulturpolitiker gestern, der ebenfalls nicht genannt werden möchte. Die Findungskommission besteht aus der Intendantin des Beethovenfestes, Nike Wagner, dem Generalintendanten des Bonner Theaters, Bernhard Helmich, und dem Dirigenten und Musikwissenschaftler Peter Gülke.

Im Orchester brodelt es, die aufgeheizte Stimmung hat Schumacher auch gestern in einem Gespräch mit den Orchestermitgliedern nicht abkühlen können. "Für uns gibt es keinen nachvollziehbaren Grund für eine solche Entscheidung", sagte einer, der dabei war. Insgesamt vier Kandidaten hatten sich bei Probedirigaten in Bonn vorgestellt, darunter eben auch Piollet und Märkl, wobei Letzterer das Orchester am meisten überzeugte. Die Referenzen der fast gleichaltrigen Finalisten, die sich in Bonn auf eine mit 160 000 Euro pro Jahr dotierte Stelle bewerben, können sich sehen lassen. Beide hatten feste Positionen in Deutschland inne, und beide sind auch auf internationalem Parkett zu Hause.

Der 1962 in Paris geborene Piollet war von 2004 bis 2012 Generalmusikdirektor am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden. Darüber hinaus dirigierte er Klangkörper wie das Gewandhausorchester Leipzig, das Orchestre National de Lyon, die Münchner Philharmoniker und das Tokyo Symphony Orchestra. Er wurde vom Königlichen Theater Kopenhagen, der Opéra National de Paris und der Wiener Staatsoper eingeladen, darüber hinaus verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit mit dem Teatro Real in Madrid. 2012 debütierte er an der Bayerischen Staatsoper in München.

Und Jun Märkl? Der 1959 in München geborene Sohn einer japanischen Pianistin und eines deutschen Geigers war unter anderem Operndirektor und Generalmusikdirektor am Nationaltheater Mannheim (1994-2000), Musikdirektor des Orchestre National de Lyon (2005-2011) und bis 2012 Chef des MDR Sinfonieorchesters. Auch Märkl reist viel um die Welt: Als Gastdirigent arbeitete er unter anderem mit dem Orchestre de Paris, dem City of Birmingham, den Münchner Philharmonikern und dem NHK Symphony Orchestra Tokyo sowie den Sinfonieorchestern von Chicago, Boston, Cleveland und Philadelphia. Das Londoner Royal Opera House Covent Garden hat ihn ebenso eingeladen wie die New Yorker Met. Und mit der Bayerischen Staatsoper München verband ihn ein Vertrag als ständiger Gastdirigent.

Zur Frage, warum Piollet offenbar gegen den erklärten Willen des Orchesters durchgesetzt werden soll, will die Verwaltung nicht kommentieren. Das sagte Stadtsprecherin Monika Hörig gestern auf Anfrage. Spätestens in der nächsten Sitzung des Kulturausschusses am 17. Juni wird man sich aber erklären müssen.