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Ausstellung in der Bundeskunsthalle: Parcours des Schreckens

Ausstellung in der Bundeskunsthalle : Parcours des Schreckens

Die Ausstellung des Jahres: Gregor Schneiders „Wand vor Wand“ in der Bundeskunsthalle zeigt 20 Räume des Künstlers in einem düsteren Labyrinth.

Es kostet Überwindung: Auf allen vieren krabbelt der Autor dieser Zeilen durch einen engen Schacht. Es geht scharf nach links. Innehalten. Angst. Soll ich weiter? Helles Licht. Weiterkrabbeln auf Händen und Knien. Ich gelange in den Raum durch ein schmales Küchenmöbel – über meinem Kopf die Spüle, links Töpfe und Pfannen, vor mir öffnet sich ein enger, klinisch weißer Raum mit Bett und Badewanne. „Liebeslaube“ hat ihn Gregor Schneider genannt. Dabei: von Erotik keine Spur.

„Die 'Liebeslaube' ist ein Ort für den Vollzug verwalteter Sexualität“, schreibt der Kurator Ulrich Loock. Die begehbare Verrichtungsbox war einst ein Raum des „Haus u r“, jener Urzelle Schneiderscher Raumkunst. Das „Haus u r“, Schneiders Haus in der Unterheydener Straße 12 in Mönchengladbach-Rheydt, ist Ort frühkindlicher Ängste wie pubertärer Träume, für klaustrophobische Zustände und Tabubrüche, eine Zone großer Intimität und zugleich absoluter Verunsicherung.

Geisterbahn und Selbsterfahrungs-Trip

Die „Liebeslaube“ wanderte 2001 zur Kunst-Biennale in Venedig, wo Schneider Teile seines „Hauses u r“ in den Deutschen Pavillon verpflanzt hatte – die Hauptattraktion. Und jetzt steht das sterile Liebesnest mit weiteren Räumen aus der Rheydter Urzelle in der Bundeskunsthalle. Schwarze, verwinkelte Gänge und 20 einzelne Zimmer umfasst der Parcours „Wand vor Wand“, Schneiders erste umfassende Retrospektive. Das ist ein wenig Geisterbahn, ganz viel Selbsterfahrungs-Trip, spannende Raumerkundung mit hohem Gruselfaktor. Und zumindest in Bonn die Ausstellung des Jahres.

2010 zeigte man in genau diesen Räumen den damaligen Biennale-Vertreter Liam Gillick – was nicht überzeugte. 2013 war dort die fantastische Werkschau von John Bock zu sehen – die beim Publikum floppte. Und nun Schneider in einer Ausstellung, die den gebauten Raum der Bundeskunsthalle völlig ignoriert und dagegen die bizarre Struktur verwirrend verästelter Erinnerungsräume setzt, die der 47-Jährige aus seinem Fundus nach Bonn transferiert hat.

Skandal um den "Sterberaum"

Wir betreten Schneiders Labyrinth durch einen engen Gang mit Zellentüren, ein Zitat aus „Camp V“ in Guantánamo, wo die „Weiße Folter“ praktiziert wird, eine Quälerei, die ohne sichtbare Spuren abläuft. Es geht durch eine schwüle Zelle in eine Kühlkammer, von dort führt ein Gang an einem Zimmer mit Parkettboden vorbei. Durchs Fenster blickt man in den „Sterberaum“ – der Nachbau eines Zimmers aus Mies van der Rohes Museum Haus Lange in Krefeld. In einem solchen Zimmer, im Museum, wollte Schneider 2008 einen Menschen sterben lassen. Ein Skandal, der Künstler erhielt Todesdrohungen. „Für mich ist das der zentrale Raum“, sagt Schneider. „Sterben bedeutet die Auflösung, der Tod ist das absolut Unsichtbare.“

Gebückt durch ein Rohr mit 1,6 Metern Durchmesser gelangt man in das karge, freudlose Kinderzimmer aus dem sterbenden Dorf Garzweiler. Man fühlt sich an das Verlies von Natascha Kampusch erinnert. Einen Raum weiter liegt bäuchlings Schneiders Alter Ego Hannelore Reuen, die „Alte Hausschlampe“ – während der Ausstellung im Wechsel eine reale Person und eine Nachbildung. Der Parcours wird intensiver: Man betritt einen müffelnden Schlafraum, eine Tür weiter ist das zugehörige Badezimmer, die Dusche rauscht, der Vorhang ist zugezogen, vielleicht ein Zitat aus Hitchcocks „Psycho“ – man wartet förmlich auf die gellenden Schreie des Opfers. Die Räume stammen aber aus der Londoner Walden Street No. 14 und der Aktion „Die Familie Schneider“ (2004).

Man will raus

Und dann nähern wir uns den Fragmenten aus dem „Haus u r“. Zunächst betreten wir die Garage, deren Tor sich nicht öffnen lässt. Es geht in den düsteren, klammen Keller und eine winzige Wunderkammer, in die „Liebeslaube“ und ein enges Verlies. Überall Spuren von Leben und Anzeichen des Todes – das beklemmende Gefühl, ein Eindringling, nicht willkommen zu sein, macht sich breit. Und dann der „German Angst“ betitelte feucht-kalte Matschraum: Man will raus.

Rechtzeitig öffnet sich ein musealer Raum mit Zeichnungen und schwarz-weißen Dokumentationsfotos. Doch dann geht es weiter: Im Video sieht man Schneider in kindlicher Pose Suppe löffeln, der andere Film zeigt ihn schlummernd. Er ist in die Rolle des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels geschlüpft, dessen Geburtshaus Schneider in der Rheydter Odenkirchener Straße 202 ausmachte und kaufte. Dort filmte er sich als Klein-Goebbels, dann entkernte er das Haus, ließ das Material pulverisieren und karrte es zu den Hauptorten der braunen Barbarei, Warschau und Berlin, um den Schutt schließlich auf eine Deponie fahren zu lassen.

Es ist vielleicht diese Arbeit, die am deutlichsten den Kern seiner Kunst trifft: Es geht ihm um Orte der Verdrängung, des Unbewussten, nicht Verarbeiteten, um Abgründe in uns.

Bundeskunsthalle; bis 19. Februar 2017. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr. Katalog (Distanz) 64 Euro