Zum großen Teil gratis im Foyer: Museum Ludwig in Köln eröffnet „Transcorporealities“

Zum großen Teil gratis im Foyer : Museum Ludwig in Köln eröffnet „Transcorporealities“

Im fünften Projekt der Reihe „Hier und Jetzt“ geht es in der neuen Schau „Trancorporealities“ im Museum Ludwig in Köln um die Durchlässigkeit von Körpern. Gemeint sind menschliche Leiber, Geschlechtergrenzen, – aber auch der Organismus des Museums.

Sie machen sich ganz schön breit auf drei Holztribünen, die korpulenten Figuren von Oscar Murillo. Meist schauen sie aus ihren Pappmacheegesichtern gen Himmel. Ein friedliches Bild, wenn manche der Damen und Herren nicht durch ein Ofenrohr in der Brust gepfählt wären. Der kolumbianische Künstler hat die Gestalten einigen Bekannten aus seinem Geburtsort La Paila nachempfunden, die in einer Süßwarenfabrik arbeiten. Apropos süß: Auf den Tribünen liegen Sitzkissen mit Motiven aus Hans Haackes Zyklus „Der Pralinenmeister“, der sich kritisch mit dem Mäzen Peter Ludwig auseinandersetzt.

Das nach ihm benannte Museum hat nun im Foyer drei Murillo-Tribünen zu einer halbrunden Diskurs-Arena gruppiert, die Zentrum der neuen Schau „Trancorporealities“ werden soll. Im fünften Projekt der Reihe „Hier und Jetzt“ geht es um die Durchlässigkeit von Körpern, so Kuratorin Leonie Radine. Gemeint sind menschliche Leiber, Geschlechtergrenzen, – aber auch der Organismus des Museums. Der bekommt hier eine offenporige Membran, durch die Reizthemen einsickern sollen.

Für Paul Maheke gleichen Körper Archiven, die Prozesse speichern. Dass er dabei an fließende Gewässer denkt, zeigen seine sieben halbtransparenten Vorhänge mit Motiven seiner Videoarbeit „As the Waters recall“. Im flüssigen Element leben auch die Tiefseewesen, die man auf den in Kunstharz eingesargten Foliendrucken von Flaka Haliti erkennt. Sind sie dem Voyeurismus preisgegebene Präparate, oder schauen sie im Gegenzug vielmehr uns an?

Sondra Perry aus New Jersey stellt zwei eiserne Geräte mit vertrackten Videobotschaften in die Eingangshalle. Der schrottreife Bagger hat sich am New Yorker Immobilienboom müde geschuftet („digging holes, digging holes“) und darf nun über das Problem der Gentrifizierung nachdenken. Und das bockige Fitnessfahrrad gilt eben nicht der Idealfigur, sondern deckt auf dem Bildschirm Diskriminierung durch verordnete Körperideale auf. Die Werke der acht eingeladenen und vor Ort anwesenden Künstler/innen haben fast alle so einen kritischen Stachel. Der pseudo-massive Kunststoffblock von Park McArthur etwa erweist sich als höchst sensibel, da sich die Haut in feinen Schichten ablöst.

Die länglichen Garderobenschränke im Foyer bespielt Jesse Darling mit ihrem Reflex auf die Kölner Ursulalegende. Wie in einem makabren Setzkasten drapiert sie Kunstrosen, Kreuze oder herausgebrochene Klaviertasten – eine herausfordernde Arbeit über Märtyrertum und Reliquienkult. Die Berliner Künstlerin freut sich, dass man ihre Installation im Foyer sehen kann, „ohne Eintritt zahlen und ein ,Kunstmensch' sein zu müssen“.

Zwei Teile der sinnlich-hintersinnigen Schau aber liegen hinter der Bezahlschranke. Im Souterrain reagiert der vielseitige US-Künstler Traja Harrell auf seine Auszeichnung als „Tänzer des Jahres“. Sein „Dancer of the Year Shop“ versammelt allerlei persönliche Devotionalien – vom Marmorkopf „mit Mutters Perücke“ bis zum „Hochzeitstortengemälde meines verstorbenen besten Freundes“. An bestimmten Tagen will Harrell den Laden öffnen und Objekte verkaufen.

Der vielschichtigste Eingriff in die Sammlung gelingt dem New Yorker Nick Mauss: Max Ernsts schlagkräftige Muttergottes und eine Artistenszene von Erich Heckel konfrontiert er mit eigenen Hinterglasbildern, einer Technicolor-Diaschau von Tänzer-Posen und beschwingten Skulpturen von Inge Schmidt, George Brecht und Lucio Fontana. Kein Wunder, dass dieser rhythmisch pulsierende Raum zur Bühne einer Choreografie wird, die Mauss mit Studenten der Hochschule für Musik und Tanz kreiert hat.

Bis 19. Januar 2020. Di-So 11-20, 1. Do bis 22 Uhr. Heinrich -Böll-Platz. www.museum-ludwig.de

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