Beluga-Wal im Rhein: Moby Dick narrt seine Häscher

Beluga-Wal im Rhein : Moby Dick narrt seine Häscher

Vor 50 Jahren schwamm ein weißer Wal den Rhein bis Rolandseck hinauf und mischt sogar die Bonner Bundespressekonferenz auf. Erst nach einem Monat kehrte er zurück ins Meer.

Am Morgen des 18. Mai 1966 melden Bernd Albrecht und Willi Dethlevs, Besatzungsmitglieder des Tankschiffs „Melani“, um 9.30 Uhr den Beamten der Duisburger Wasserschutzpolizei eine denkwürdige Beobachtung. Die beiden Rheinschiffer wollen bei Stromkilometer 118,5 in Höhe von Duisburg-Neuenkamp einen weißen Wal im trüben Wasser gesichtet haben.

Ein Wal? Im Rhein? Die Beamten unterziehen die beiden Männer erst mal einem Alkoholtest: Vielleicht sind es ja von weißen Mäusen bis zum weißen Wal nur ein paar Korn mehr. Der Test verläuft negativ, die erfahrenen Rheinschiffer sind stocknüchtern und zudem im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Also begeben sich die Beamten der Wasserschutzpolizei selbst auf die Suche – und werden wenige hundert Meter flussaufwärts fündig: Da schwimmt tatsächlich ein Wal und erscheint in regelmäßigen Abständen an der Oberfläche, um zu atmen.

Natürlich kein 30 Meter langer und 200 Tonnen schwerer Blauwal, auch kein Pottwal, kein Finnwal; nur ein etwa vier Meter langer Weißwal, von Zoologen auch Beluga genannt – mehrere tausend Kilometer entfernt von seinem natürlichen Lebensraum, den arktischen Gewässern.

"Niemand wollte uns das abnehmen"

Belugas sind größer und schwerer als Delfine und von diesen leicht zu unterscheiden: durch die weiße Haut, die sie an der Packeisgrenze vor Eisbär-Angriffen schützen kann, das Fehlen einer Rückenfinne, den bulligeren Kopf und eine bemerkenswerte Eigenschaft: Belugas sind in der Lage, ihre Gesichtszüge zu verändern. Sie können ihre Mundwinkel nach oben oder nach unten ziehen und außerdem die Lippen spitzen. Kluge, kommunikationsfreudige Tiere.

Der damalige Leiter der Wasserschutzpolizei hat ebenfalls seine liebe Not, nicht für verrückt erklärt zu werden: „Niemand wollte uns das abnehmen. Als ich das Innenministerium in Düsseldorf verständigte, fragte man zurück: Wer spricht denn eigentlich da?“ Nur einer glaubt die Geschichte gleich aufs Wort: Wolfgang Gewalt, damals Direktor des Duisburger Zoos. Denn der Beluga war für einen englischen Zoo bestimmt, das Frachtschiff mit dem Meeressäuger an Bord geriet in einen Orkan, das Schiff krängte in schwerer See, die meterhohen Wellen spülten schließlich den Wal über Bord.

Belugas halten sich gern in flacheren Küstengewässern und vor Flussmündungen auf. Aber dieser hier schwimmt immer weiter flussaufwärts. Ein Wal gehört nun mal nicht in den Rhein, und weil alles seine Ordnung haben muss (und der Direktor seine Chance wittert, einen Beluga für seinen Duisburger Zoo einzuheimsen), bläst Herr Gewalt alsbald zur Jagd; nicht mit Schrot und Korn, aber mit Schnellbooten, Stangen, Netzen und einem Betäubungsgewehr. Doch die gnadenlose Hatz bleibt ohne Erfolg. Weil der Wal viel zu clever ist, um sich fangen zu lassen. Und weil niederländische Biologen und zunehmend auch die deutsche Bevölkerung auf die Barrikaden gehen.

Direktor Gewalt beugt sich schließlich dem öffentlichen Druck und beendet die Jagd – wohl auch, weil der Wal überraschend kehrtmacht, bei Wesel zum letzten Mal gesichtet wird und zunächst spurlos verschwindet. Da hat die Nation den kleinen, klugen Beluga schon adoptiert und getauft: auf den Namen „Moby Dick“, nach Herman Melvilles weltberühmtem Roman (s. Info-Text unten). Manche behaupten, das Ereignis habe dem Umwelt- und Naturschutz in Deutschland erstmals einen politischen Schub verpasst. Damals werden die Abwässer der Städte und Chemieunternehmen vielfach noch ungefiltert in den Rhein geleitet.

Da wird der Weißwal in der Ijssel gesichtet und schwimmt weiter bis ins Ijsselmeer. Die Niederländer nennen ihn nicht „Moby Dick“, sondern „Willi de Waal“, und sie jagen ihn nicht, sondern öffnen die Schleuse, um ihm den Weg in die Nordsee zu ebnen. Aber „Willi de Waal“ dreht wieder ab – und wird am 11. Juni in Köln gesichtet.

Zwei Tage später sprengt „Moby Dick“ die Bonner Bundespressekonferenz zur Nato-Politik: Die offensichtlich spannendere Nachricht verbreitet sich im Saal am Tulpenfeld wie ein Lauffeuer, Journalisten und Politiker rennen wie der geölte Blitz ans nahe Rheinufer, um den Beluga in Augenschein zu nehmen. Aber „Moby Dick“ nimmt keine Notiz von der Medienmeute, schwimmt unbeirrt weiter, macht schließlich bei Rolandseck kehrt – und wird nur drei Tage später, am 16. Juni 1966 um 18.42 Uhr, zum letzten Mal bei Hoek van Holland gesichtet, bevor er nach einmonatiger Rhein-Tour auf Nimmerwiedersehen im offenen Meer verschwindet. Niemand weiß, was aus ihm geworden ist.

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