2020 jährt sich Gründung: LVR-Landesmuseum Bonn rüstet sich für 200. Geburtstag

2020 jährt sich Gründung : LVR-Landesmuseum Bonn rüstet sich für 200. Geburtstag

Das LVR-Landesmuseum Bonn bekam vor 125 Jahren ein prächtiges Gebäude. Ehrgeizige Pläne für das Jubiläumsjahr 2020. Bis dahin soll das ganze Museum neu geordnet werden.

Angesprochen auf die Eröffnung des Museumsneubaus des LVR-Landesmuseums vor 125 Jahren, muss Museums-Pressesprecherin Stephanie Müller erst mal nachdenken. Sie hat ein anderes Jubiläum im Blick, ähnlich wie das ganze Team um Museumschefin Gabriele Uelsberg und die Ausschüsse des Landschaftsverbands Rheinland (LVR): 2020 jährt sich die Gründung des Museums zum 200. Mal.

Am 4. Januar 1820 hob der preußische Staatskanzler Karl August von Hardenberg das „Museum Rheinisch-Westfälischer Altertümer“ aus der Taufe. Die Gründung des eigentlichen Provinzialmuseums fand 1874 statt. Grund genug, sich auf dieses Ereignis mit aller Kraft zu fokussieren. Da fällt der Eröffnungstermin für das Gebäude an der Colmantstraße nicht so ins Gewicht. 1889 bis 1892 war daran gebaut worden, im Juli 1893 fand die Eröffnung statt.

Unter dem Titel „Die Eröffnung unseres Provinzial-Museums“ berichtete der General-Anzeiger ausführlich. „Eine auserlesene Gesellschaft durch Stellung und Verdienste hervorragender Herren aus dem Rheinlande“ hatte sich eingefunden. Gelobt wurde in dem Artikel die „solide und geschmackvolle Pracht des ganzen Baues und aller Theile desselben“. Ebenfalls die „ebenso übersichtliche wie schöne Ausstellung der bereits vorhandenen Alterthümer“.

Schwere Schäden durch alliierte Bombardements

Museumsmitarbeiterin Heidi Gansohr legt ein schweres Fotoalbum mit historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf den Tisch. Schon 1907/08 gab es den ersten Erweiterungsbau zur Bachstraße hin, ein Dreiflügelbau. Der sollte insbesondere die Schätze des Sammlerehepaars Otto und Mathilde Wesendonck mit einem Schwerpunkt auf niederländischer Malerei des 17. Jahrhunderts in einer klassischen Gemäldegalerie aufnehmen. 1934/35 erfolgte eine sachliche, purifizierende Umgestaltung des Erweiterungsbaus. Die Dauerausstellung bekam unter den Nazis einen völkischen Tenor, die Schau wurde germanisiert, wie Uelsberg erläutert. Damals hat man das Haus in „Rheinisches Landesmuseum Bonn“ umbenannt.

„In dem zum 'Volks- oder Erziehungsmuseum' umformulierten Selbstverständnis wurde die Sammlung um große Teile geschmälert und wiederum mit Raubkunst erweitert“, liest man auf der Homepage des Landesmuseums. Fotos aus dem Jahr 1943 zeigen Schutzmaßnahmen im Haus. Transportable Exponate wurden in Sicherheit gebracht, unverrückbare zum Schutz eingemauert oder ausgepolstert.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Gründungsbau an der Colmantstraße insbesondere durch das Bombardement der Alliierten vom 18. Oktober 1944 stark beschädigt und 1953 abgerissen, was Uelsberg heute kritisiert. Fotos dokumentieren zwar erhebliche Schäden, aber die hätte man beheben können, meint sie. Der Trakt an der Bachstraße konnte gerettet werden.

Zwischen 1963 und 1967 entstand unter Einbeziehung dieses Trakts ein Neubau von Rainer Schell. 30 Jahre später wurde mit dem durchgreifenden Umbau durch die Architektengruppe Stuttgart um Kurt Lohrer begonnen. 80 Millionen Euro kostete letztlich die Maßnahme. 2003 wurde der Bau mit der markanten Holzoptik und dem Themenparcours eröffnet.

Und jetzt sei wieder Zeit für eine Revision, meint Museumschefin Uelsberg. Sie will das Haus komplett barrierefrei erschließen, die Räume und Geschosse neu strukturieren und die Sammlung neu präsentieren. „Es ist ein ehrgeiziges Projekt“, sagt sie, „man muss jedes Teil anfassen und umstellen, muss komplett neu mischen“. Bei rund 6000 Quadratmetern und mehreren Tausend Exponaten ist das eine sportliche Aufgabe.

Schlechte Orientierung, mangelnde Barrierefreiheit, eine suboptimale Raumnutzung – Uelsberg kennt die Schwachstellen des Hauses: „Das Gebäude ist anstrengend mit all den Rampen und Treppen.“ Und die Erschließung der Dachterrasse sei auch nicht glücklich.

Mit dem geplanten Aufzug barrierefrei durchs Haus

Der Landschaftsausschuss des LVR hat jetzt die „Planung zur inhaltlichen Weiterentwicklung für das LVR-Landesmuseum Bonn“ beschlossen. Die Gesamtsumme liegt bei 8,3 Millionen Euro. Kernstück ist der 2003 bereits geplante, aus Kostengründen jedoch nie realisierte zentrale Doppelaufzug bis zur obersten Etage. Ziel ist eine barrierefreie Erschließung des Museums.

Das Foyer soll durch die Schließung des Luftraums zwischen Unter- und Erdgeschoss großzügiger und übersichtlicher werden. Der Shop wird reduziert, stark optimiert und soll sich am Empfangstresen befinden. Dort, wo heute der Museumsshop ist, soll eine „Lounge mit Aufenthaltsqualität“, so die Konzeption, eingerichtet werden. Mit dem Ziel der Inklusion hat der LVR ein umfangreiches Paket beschlossen, das reicht vom barrierefreien Zugang über ein Leitsystem und einem taktilen Lageplan bis zu rutschhemmenden Bodenbelägen.

Der Wechselausstellungsbereich soll in das dritte Obergeschoss verlagert werden. Stock eins und zwei sind der Dauerausstellung gewidmet, wobei Uelsberg leicht vom Prinzip der Themenausstellung abweicht und wieder stärker die Chronologie ins Spiel bringen will. Sie nennt das eine „kontextualisierte Chronologie“. Wichtig sei ihr auch ein „Brückenschlag in die Gegenwart“.

Paradebeispiel ist der Neandertaler, der vor 42.000 Jahren lebte und sich mit 20 Jahren so stark verletzte, dass sein Arm steif wurde. „Er ist deutlich über 40 geworden“, sagt Uelsberg. Dass das möglich gewesen sei, lasse auf ein hohes Sozialverhalten in der damaligen Gesellschaft schließen, das dem unserer Zeit ähnlich sei. „Ein frühes Beispiel für Inklusion.“ „Wir wollen Geschichten von Menschen erzählen, nicht nur historische Fakten“, erklärt die Direktorin. „Das schafft Emotionen.“

Die "Mona Lisa des Landesmuseums"

Die „Mona Lisa des Landesmuseums“, das Skelett des Neandertalers, soll einen prominenteren Ort finden, wünscht sich Uelsberg. Geplant ist eine Art runde Insel gleich beim Start der Dauerausstellung im Erdgeschoss. Dort sollen die Neandertal-Funde und aktuelle Forschungsergebnisse präsentiert werden.

Der Besucher betritt das Rondell, sieht im Zentrum auf einem runden Podest das Skelett des Neandertalers und an den runden Wänden Details zu seiner Geschichte und zur Evolution des Menschen. Texte, Grafiken, Monitore, Tastobjekte, Mitmachstationen und Videoprojektionen werden in dem Rund – acht Meter Durchmesser – zu finden sein. Weitere Projektionen schließen sich im umgebenden Raum an.

Außer in Umbauten und die Umorganisation investiert der LVR auch in die Medientechnik des Veranstaltungssaals, in ein inklusives Leitsystem, Infostelen und ein neues, WLAN-basiertes Mediaguide-System. Das alte entsprach nicht mehr den aktuellen Anforderungen. Geplant ist, dass der Wechselausstellungsbereich im Herbst 2018 fertig ist sowie zwischen Anfang und Herbst 2019 die Bauarbeiten für den Aufzug laufen – bei geöffnetem Haus. Ende 2019 soll die Neupräsentation des Neandertalers fertig sein. Im Januar 2020 soll gefeiert werden. Die Neuordnung der Dauerausstellung wird sich bis 2022 hinziehen.

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