Kunstmuseum Bonn klinkt sich 2020 ins Beethoven-Jubiläum ein

Programm vorgestellt : Das bietet das Kunstmuseum Bonn im Jahr 2020

Mit einem sehr attraktiven Ausstellungsprogramm geht das Kunstmuseum Bonn ins Jahr 2020. GA-Redakteur Thomas Kliemann gibt einen Programmüberblick.

Mit junger Malerei unter dem Titel „Jetzt!“ hat das Kunstmuseum Bonn offenbar den Nerv der Zeit und den Geschmack des Publikums getroffen: Zur Halbzeit der Schau, die noch bis Mitte Januar 2020 läuft, verbucht das Haus 20 000 Besucher. Und Freunde der Malerei freuen sich über den imaginären Brückenschlag zur Ausstellung gegenüber in  der Bundeskunsthalle mit Bildern Martin Kippenbergers. Zur einer echten Kooperation mit dem Nachbarn sei es in der Ära Rein Wolfs nicht gekommen, bedauert Kunstmuseums-Intendant Stephan Berg. Und hofft auf die Bekanntgabe des neuen Bundeskunsthallenchefs in den kommenden Tagen.

Immerhin auf der Beethovenschiene reicht man sich im Jubeljahr 2020 über den Museumsplatz die Hand: Auf die Biografie des Komponisten in der Bundeskunsthalle reagiert das Kunstmuseum mit „Sound and Silence“ mit einer vielversprechenden Ausstellung, die Philosophie und Politik, Existenzielles und Experimentelles, Musik und Kunst im Windschatten Beethovens vereint. Es gibt Gegenwartskünstler, die sich explizit auf den Bonner Tonsetzer beziehen, aber auch vom Klang der Stille bis zum absoluten Krach wird diese groß angelegte Schau in einem Raumdisplay von Ruth Lorenz (Videonale) mit 54 Künstlern erzählen. „Eine der ambitioniertesten Ausstellungen, die wir je gemacht haben“, sagt Berg, der seit vier Jahren zusammen mit Volker Adolphs an diesem Projekt arbeitet.

Stipendiatenschau „ausgezeichnet #5“

Berg folgt nach einem sehr inspirierenden und erfolgreichen Ausstellungsjahr 2019 auch im kommenden Jahr den drei zentralen Programmachsen des Hauses: Er hat mit der wunderbar sperrigen und prägnanten Videoküstlerin Candice Breitz eine hervorragende Position der Gegenwartskunst auf dem Zettel; er widmet sich mit dem  diesmal der Schweiz gewidmeten Dorothea von Stetten Kunstpreis und der Stipendiatenschau „ausgezeichnet #5“ (Sung Tieu) junger Kunst; und er bespielt mit einer Werkschau des vor zehn Jahren gestorbenen Malers Martin  Noël und dem Bonner Kunstpreis (Nico Joana Weber) die lokale Bühne.

Bleiben noch die riesigen Origami-Figuren, die Frank Bölter unter dem Titel „all inclusive“ für Kinder und Jugendliche ins Kunstmuseum stellt und ein neues Kapitel in der aus Kostengründen nur unregelmäßig realisierbaren Reihe der Ausstellungen zur klassischen Moderne. Auf dem Programm steht eine Werkschau von Alexej von Jawlensky (1864-1941), von dem das Kunstmuseum eigene Bestände mit der umfangreichen Sammlung des Museums Wiesbaden und weiteren Leihgaben mischt. „Gesicht Landschaft Stillleben“ ist das Bonbon zum  Jahresausklang.

Schau des ungeheuer beliebten und kreativen Noël

Die Bonner werden sich wohl vor allem auf die Schau des ungeheuer beliebten und kreativen Noël (1956-2010) freuen, die dessen Witwe Margret zusammen mit Wenzel Jacob, dem ehemaligen Intendanten der Bundeskunsthalle, aus dem Nachlass kuratiert. Berg wünscht sich ausdrücklich keine „pathetische Erinnerungsschau“, er will Noël als Künstler fassen, der mit einer eher düsteren Malerei begann, dann erst den Holzschnitt für sich entdeckte und die Druckstöcke selbst zum Kunstwerk machte, sich schließlich – den Tod vor Augen – quasi mit einer hellen, duftigen und luftigen Malerei befreite. Insbesondere die frühen Gemälde der 1980er seien bislang kaum gezeigt worden, sagt Berg, der ausführlich auch Noëls politische New-York-Bilder (die beiden World-Trade-Center-Reihen) der mittleren Phase präsentieren will.

Bei Noël war das Politische nur eine Phase, die in Deutschland lebende weiße Südafrikanerin Candice Breitz (1972 geboren) definiert sich zunehmend als politisch engagierte, aktionistische, feministische Künstlerin. In der Michael-Jackson-Ausstellung der Bundeskunsthalle konnte man unlängst ihr Video sehen, in dem 16 Menschen parallel den Song „Thriller“ intonieren  – in der Pop-kulturellen Aktion löst sich  individuelle Identitätssuche im kollektiven Mainstream auf.

„Nur nichts anbrennen lassen“

Das war 2005. Inzwischen ist Breitz’ Sprache politischer und prägnanter geworden: „TLDR“ von 2017 etwa widmet sich in einer 13-Kanal-Installation dem Schicksal von Sexarbeiterinnen, in „Labour“, der aktuellsten und wahrscheinlich kontroversesten Arbeit der Schau, wird der gefilmte Geburtsprozess von sechs Frauen Rückwärts gezeigt. Die sechs Filme sind mit Namen wie Putin, Trump oder Bolsonaro betitelt.

Das wird für Diskussionen sorgen. Wie übrigens auch die Neupräsentation der Bonner Sammlung, die Berg unter dem Titel „Nur nichts anbrennen lassen“ (nach einem Werktitel von Georg Herold) zeigt. Berg kombiniert das „städtische Tafelsilber“ mit einem halben Dutzend ganz neuer, hochkarätiger, aufregender Positionen.

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