Buchtipp: John Grishams Roman "Das Bekenntnis"

Buchtipp : John Grishams Roman "Das Bekenntnis"

Vielschichtiges Familiendrama: John Grishams Roman „Das Bekenntnis“ ist ein Sittengemälde der noch von weißer Vorherrschaft geprägten Südstaaten

Pete Banning hat das Grauen gesehen. Als Gefangener im Pazifik-Krieg überstand er den „Todesmarsch von Bataan“ und unzählige andere Bestialitäten der Japaner. Als man ihn in seiner Heimatstadt Clanton/Mississippi schon für tot hielt, ließ den Baumwollfarmer nur der Gedanke an seine Frau Liza und die Kinder Joel und Stella durchhalten. Schließlich kam er nach Hause. Verletzt, traumatisiert, aber glücklich. Und der Ort verehrte ihn als Kriegshelden.

Dann ging irgendetwas, nein alles schief. Denn an einem Morgen im Oktober 1946, Liza sitzt da schon in der Nervenklinik, nimmt Pete seinen Colt, geht in die Methodistenkirche und erschießt den allseits beliebten Reverend Dexter Bell. Von einem Justizthrillerspezialisten wie John Grisham würde man nun die Schilderung eines Mammutprozesses voll taktischer Winkelzüge und überraschender Wendungen erwarten. Doch der Bestsellerautor erstickt im neuen Werk „Das Bekenntnis“ anfangs jedes Glimmen der Spannungslunte. Pete bekennt sich zwar nicht schuldig, verweigert aber jede Erklärung.

Mag da auch der Verdacht kursieren, der als Frauenheld geltende Pfarrer hätte sich womöglich in Abwesenheit des Hausherrn an Liza herangemacht – der Angeklagte hüllt sich in völliges Schweigen und boykottiert so jede Strategie seines Anwalts.Und obwohl Grisham den gemächlichen Kleinstadttakt spürbar macht und sogar das sorgsame Beheizen des Gerichtssaals in seiner liebevollen Genremalerei verewigt: Nach 200 Seiten fällt das Todesurteil. Und wenig später stirbt Pete Banning qualvoll auf „Old Sparky“, dem elektrischen Stuhl, der damals je nach Bedarf durch Amerikas Süden gekarrt wurde.

Was also noch erzählen auf den restlichen 350 Seiten? In gewissem Sinn beginnt das Buch jetzt erst richtig. Der Autor blickt zurück auf die rauschhafte Liebe zwischen Pete und Liza, auf ihr Liebäugeln mit den Lichtern der Großstadt, die man dann doch der Plackerei auf der Farm opferte, auf Kinderglück und vor allem auf den Krieg.

Hunger, Durst, Folter, endloses Marschieren

„Knochenacker“ heißt dieser (über)lange, schonungslos realistische Mittelteil. Hunger, Durst, Folter, endloses Marschieren mit den Bajonetten der Peiniger im Rücken – Pete litt Höllenqualen, die seine seelische Verhärtung erklären. Doch längst geht es nicht mehr nur um den Veteranen, der zum Mörder wurde. Seine Kinder müssen dank der rach- und raffsüchtigen Witwe Jackie Belle um ihr Erbe fürchten, womit der Fall dann doch noch zum spannenden Justizscharmützel wird. Vor allem aber wollen sie herausfinden, was ihre Mutter in die Irrenanstalt und ihren Vater zu seiner Tat gebracht hat. So ist dieser Roman vieles zugleich: vielschichtiges Familiendrama, unerbittliche Kriegschronik, ein Sittengemälde der noch von weißer Vorherrschaft geprägten Südstaaten und ein mysteriöses Melodram.

Am besten erzählt „Das Bekenntnis“ vielleicht von den Schmerzen des Erwachsenwerdens. Joel und Stella müssen zwar nicht Petes Torturen erleiden, aber den Untergang des Hauses Banning. Zu Pete und dessen patriarchalischem Umgang mit den schwarzen Lohnsklaven hält Grisham spürbare Distanz. Lieber fühlt er mit jenen, die von der falschen Herrlichkeit und dem Klassen- wie Rassendünkel des alten Südens fast erdrückt werden.

Der Autor muss den Erzählstrom gar nicht durch reißerische Strudel beschleunigen, ihm reicht jener dunkle Sog, der uns immer stärker dorthin zieht, wo schließlich alle Motive enthüllt werden. Mögen solche Geständnisse auf dem Sterbebett auch literarisch konventionell sein – ihr Inhalt überrascht gleich doppelt: mit dramaturgischer Finesse und tragischer Wucht.

John Grisham: Das Bekenntnis. Roman, deutsch von Kristina Dorn-Ruhl, Bea Reiter und Imke Walsh-Araya. Heyne, 591 S., 24 Euro.

Mehr von GA BONN