„Captain Fantastic“: Interview mit den Fantastischen Vier über ihr neues Album

„Captain Fantastic“ : Interview mit den Fantastischen Vier über ihr neues Album

Die Fantastischen Vier bringen am Freitag dieser Woche ein neues Album heraus und spielen im Sommer auf dem Bonner Kunst!Rasen.

Kaum haben Smudo (50), Michi Beck (50), Thomas D (49) und And.Ypsilon (50) die ausladenden Feierlichkeiten zu ihrem 25-jährigen Bestehen abgeschlossen, da wartet bereits das nächste Jubiläum auf die agilsten Jungsenioren des deutschen Sprechgesangs.

„Captain Fantastic“ ist das zehnte Studioalbum der Fantastischen Vier und eines ihrer stärksten. Unter Mithilfe zahlreicher Weggefährten wie Clueso, Denyo und Samy Deluxe feiern sich die schwäbischen Koryphäen gründlich selbst. Lässige Wortspiele („Zusammen“), Discoknaller („Hitisn“) und fröhlicher Optimismus („Aller Anfang ist Yeah“) gehen einher mit härteren und ungeahnt politischen Liedern („Captain Fantastic“, „Tunnel“). GA-Autor Steffen Rüth traf Smudo und Michi Beck in Stuttgart.

GA: Sie haben die Show zur Veröffentlichung des neuen Albums im Stuttgarter Club Im Wizemann gespielt. Warum dort?

Smudo: Wo hätten wir das denn sonst machen sollen?

Michi Beck: Smudo lebt in Hamburg, Thomas in der Eifel, ich in Berlin, nur Andy ist noch hier in Stuttgart. Aber: Wir sind und bleiben eine Stuttgarter Band!

GA: Sie sind beide unlängst 50 geworden. Wie darf man sich die jeweilige Party vorstellen?

Michi Beck: Ausschweifend. Es gab Käse und Kirschschnaps.

Smudo: Von Michis Party hatte ich die ganze Woche was. Mein Geburtstag war auch geil. Ich habe richtig aufgefahren – mit Champagner, Austern und Jazzband.

GA: Verändert sich etwas, wenn man 50 wird?

Michi: In der Woche vor dem Geburtstag war ich mies drauf.

Smudo: Ich auch.

GA: Warum?

Michi: Du weißt, dass du mehr Zeit hinter dir als noch vor dir hast. Das war definitiv der schwerste Geburtstag bisher.

GA: Ist irgendwas super am Alter?

Michi: Nee.

Smudo: Vielleicht, dass einem manche Sachen egal werden.

Michi: Es ist aber auch kein Drama. Ich finde es bloß blöd, wenn man sich rausredet mit diesem „Ich bin weiser und gelassener geworden.“ Es herrscht nun mal Verfall, und das ist doof. Aber es ist toll, dass wir immer noch so abgehen. Und dass wir ein zehntes Album gemacht haben, das sich absolut hören lassen kann.

GA: „Immer noch die Fittesten, immer noch die Frischesten“ rappen Sie im knackig-fröhlichen Stück „Hitisn“. Was war der Plan bei „Captain Fantastic“?

Michi: Wir haben die klassischen HipHop-Elemente stärker in den Vordergrund gestellt, mit sehr vielen Beats und Rhymes gearbeitet und die Produktion insgesamt minimalistischer gehalten. Für unsere Verhältnisse sind auf der Platte etwas weniger Melodien, dafür viele Punchline- und Poser-Raps drauf.

GA: Sie feiern sich als „vier Dudes mit dem Riesen-Ego“. Selbstironie oder Selbstbeweihräucherung?

Smudo: Beides. Stücke wie „Hitisn“ oder „Aller Anfang ist Yeah“ greifen zum Beispiel Ideen von Samy Deluxe oder Denyo von den Beginnern auf, und diese Jungs feiern uns halt mächtig ab. Wir selbst hätten es nie gewagt, uns so zu beweihräuchern, aber wenn das jemand von außen so sieht, dann denkst du: Wird wohl was dran sein.

Michi: Dieser Input war extrem erfrischend. Dadurch machen wir auf unserem Jubiläumsalbum so dermaßen einen auf dicke Hose wie seit dem Debüt „Jetzt geht’s ab“ nicht mehr.

GA: Ist der Druck beim zehnten Album besonders heftig?

Michi: Der Druck, sich was einfallen lassen zu müssen, ist immer da. Wir haben drei Jahre an diesem Album gearbeitet, eine Pause, die diesen Namen verdient, hatten wir nicht.

GA: Warum denn nicht?

Michi: Auch wenn du nicht schreibst oder im Studio bist, hast du die nächste Platte immer im Kopf. Wir hatten früh festgelegt, dass wir 2018 ein neues Album und auch eine Tour machen, also brauchten wir neue Songs.

GA: Vor welchem Hintergrund entstand der politische Song „Endzeitstimmung“?

Smudo: Wir haben uns nie als politische Band gesehen, höchstens mal gesellschaftliche Themen aufgegriffen und sie humorvoll illustriert. Aber jetzt hat uns speziell das Thema „Schleichender Populismus und die Verrohung der Debattenkultur“ richtig geärgert. Diese Wut hat zum Lied geführt.

Michi: Eine eindimensionale Protestplatte könnten wir nicht machen. „Affen mit Waffen“ zum Beispiel lockern wir auf, indem Smudo aus dem „Dschungelbuch“ zitiert. Trotz deutlicher Aussagen sind das alles immer noch typische Fanta-Songs.

GA: Erklärt das auf diesem Song den Rap „Pop, Pop, Populist“?

Smudo: Ja. Durch mein Engagement bei „Laut gegen Nazis“ habe ich schon früh Wind von diesen Tendenzen bekommen. Die Entwicklung wurde befeuert durch die Flüchtlingskrise und die damit zusammenhängenden Angstszenarien. Alles wurde sehr vereinfacht, die Realitäten simplifiziert, Details weggelassen. Ich finde es ein Riesenproblem, dass durch den Rechtspopulismus die Sprache so verroht ist und die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft so zugenommen hat.

GA: Sind Künstler wie Fanta 4, auf die sich größtenteils alle einigen können, der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält?

Smudo: Ja. Es ist Aufgabe der Kunst, die Gesellschaft zu mobilisieren und ein Gefühl der Solidarität zu vermitteln.

Michi: Wir leben den Zusammenhalt ja praktisch vor, quasi am Mann. Wir vier haben mehr Zeit miteinander verbracht als mit irgendeinem anderen Menschen. Dass wir immer noch als Gemeinschaft funktionieren, ist ein großes, bewegendes Gefühl. Fanta 4 ist nicht nur unser Lebensmodell, das ist unser Leben.

GA: Dem Sie mit der Single „Zusammen“ ein Denkmal setzen?

Michi: In dem Song geht es insgesamt um Freundschaft. Wir hatten beim Texten dieses Bild im Kopf von Freunden, die durch die Nacht ziehen, nach der Devise „Komm, einen noch“.

GA: Versackt Ihr manchmal noch, wenn Ihr privat unterwegs seid?

Smudo: Das kann passieren, darf aber nicht passieren (lacht). Weil am nächsten Morgen um Viertel vor Acht die Kinder in die Schule müssen. Und man sich dann auf den Mittagsschlaf mit dem Baby freut, um feststellen, dass das Baby ausgerechnet heute keinen Mittagsschlaf machen will.

GA: Clueso singt auf „Zusammen“ mit. Wie kam es dazu?

Smudo: Clueso ist ein alter Freund und war eine unserer frühesten Entdeckungen für unser Label Four Music. Er ist also ein langjähriger Wegbegleiter – und noch dazu jemand, der singen kann. Wir wollten den Refrain erst selber singen, aber unser Produzent Thomilla meinte „Interessante Idee, aber das lasst ihr besser bleiben“.

GA: Gibt es noch Karriereziele?

Smudo: Wir spielen noch nicht wie Die Toten Hosen in Stadien, vielleicht schaffen wir das noch auf unsere alten Tage. Und wir hatten noch nicht diesen einen, alles erdrückenden, Megahit. Sondern immer nur Fanta-Hits.

Michi: Was ja auch okay ist.

Smudo: Was das würdevolle Altwerden als Band angeht, hat man in Deutschland nicht viel Anschauungsmaterial. Langfristig müssen wir uns wohl an Karl Lagerfeld orientieren und in Uniformen schlüpfen, die uns alterslos machen.

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