Nachruf: Die keusche Herzensbrecherin

Nachruf : Die keusche Herzensbrecherin

Die Hollywood-Schauspielerin und Sängerin Doris Day ist mit 97 Jahren gestorben. Als Schauspielerin bekam sie nur eine Oscar-Nominierung -- für „Bettgeflüster“

Zum „blonden Gift“ fehlte ihr alles: Marilyn Monroes naiver Sex-Appeal ebenso wie das erotische Feuer, das stets durch Grace Kellys Eispanzer schimmerte. Doris Day schien in ihren romantischen Komödien als blankgeschrubbte Blondine mit unsichtbarem Keuschheitsgürtel herumzulaufen. Was sie freilich nicht daran hinderte, nach unglaublichsten Verwicklungen und Slapstick-Stolperern dann doch männliche Prachtexemplare wie Rock Hudson oder Cary Grant in den Hafen der Ehe zu lotsen.

Offenkundige Sexszenen vermied Hollywood in diesen Kassenschlagern der 1950er und 60er konsequent, doch mit Frivolitäten geizten die Filme keineswegs: In „Bettgeflüster“ spielt Hudson einen skrupellosen Casanova, der in seinem Apartment per Schalttafel sowohl Lichtdimmer, Musiktimer wie herausklappbares Doppelbett als Verführungsinstrumente bedient. Doris Day kommt ihm als Innenarchitektin auf die Spur, rächt sich raffiniert – und landet dann doch in seinen Armen.

Sie ist in diesen Filmen fast immer die verführte Unschuld, die aber seltsamerweise stets vom Verruchten angezogen wird. Als schöne Arbeitslose stößt sie in „Ein Hauch von Nerz“ auf einen Rolls-Royce-Rüpel (Cary Grant), der sie mit eindeutigen Hintergedanken als Sekretärin einstellt. Bevor freilich jenes Unzüchtige passiert, das sich die Keusche offenbar lebhaft vorstellt, bekommt sie einen Hautausschlag, der jede Intimität im Keim erstickt.

Als Doris von Kappelhoff in Cincinnati geboren

Komische Prüderien wie diese haben ihr das Etikett der Unberührbaren eingebracht, über die Groucho Marx freilich spottete: „Ich kannte sie schon, bevor sie eine Jungfrau wurde.“ Als Doris von Kappelhoff in Cincinnati geboren, sollte das Mädchen Ballett-Tänzerin oder Pianistin werden, musste das Tanzen aber nach einem schweren Autounfall aufgeben. Also sattelte sie auf Gesang um, wurde ein Nachtclub- und Big-Band-Star. „Casablanca“-Regisseur Michael Curtiz gab ihr 1948 die Hauptrolle in „Zaubernächte in Rio“, wo sie „It's Magic“ sang und dem Song gleich eine Oscar-Nominierung einbrachte. 1957 glückte ihr in Charles Vidors Musical „Tyrannische Liebe“ eine triumphale Leistung als Sängerin Ruth Etting, die unter ihrer Liaison mit einem Gangster litt.

Doch am berühmtesten wurde ihr Lied in Alfred Hitchcocks „Der Mann, der zu viel wusste“: Als ehemalige Sängerin Jo McKenna ermittelt Day mit „Que sera, sera“ den Aufenthalt ihres entführten Sohns. Pikante Fußnote der Geschichte: Ursprünglich hatte sich die Hauptdarstellerin geweigert, hier ihren Ruhm als Sängerin zu Markte zu tragen. Das Studio blieb hart – und „Que sera, sera“ bekam den Oscar.

Zwar spielte die deutschstämmige Aktrice auch in Thrillern wie „Mord in den Wolken“ oder „Mitternachtsspitzen“, ihr Image zementierten jedoch Liebesromanzen wie „Ein Pyjama für zwei“. Das Publikum glaubte dann allzu gern, dass sein Liebling auch privat auf Happy End abonniert sei. Die rosafarbene Seifenblase ließ Day in ihren Memoiren zerplatzen. Demnach hatte der erste Ehemann mit dem Gewehr auf sie gezielt, der zweite suchte schon nach wenigen Monaten das Weite. Und Ehemann Nummer drei, Martin Melcher, veruntreute als Manager einen Großteil ihrer Millionengagen.

Nach ihrer Scheidung von Barry Comden widmete sich Doris Day vor allem dem Tierschutz. Überraschend feierte sie noch 2011 mit ihrem Album „My Heart“ ein musikalisches Comeback: Als 89-Jährige stürmte sie mit zuvor unveröffentlichten Songs unter die Top Ten der britischen Hitparade.

Als Schauspielerin bekam sie nur eine Oscar-Nominierung (für „Bettgeflüster“), wurde aber von der Golden-Globe-Jury für ihr Lebenswerk geehrt. Nun ist Doris Day mit 97 Jahren in ihrem kalifornischen Wohnort Carmel gestorben.

Mehr von GA BONN