Ausstellung in Bonn: Dialograum Kreuzung zeigt 40 Exilschicksale

Ausstellung in Bonn : Dialograum Kreuzung zeigt 40 Exilschicksale

Der Dialograum "Kreuzung" an St. Helena zeigt Bilder von Exilkünstlern und eröffnet die Debatte um ein Bonner Exilmuseum.

Im Jahr 1900 wird Albert Georg Friedrich Freiherr von Fritsch in Weimar in ein konservatives Elternhaus geboren. Als 16-Jähriger geht er an die Front in Flandern, nach Kriegsende meldet er sich zu einem deutsch-baltischen, in Litauen operierenden Freikorps. Der Adelige will bürgerlich heiraten, die Familie stoppt die Apanage.

Von Fritsch geht ans Bauhaus in Weimar, wo er bei Moholy-Nagy, Kandinsky und Klee Vorkurse belegt und bei Schlemmer in der Bühnenwerkstatt mitarbeitet. Er wendet sich der Linken zu, schreibt für Zeitungen, nennt sich bald René Halkett. Nach der Machtergreifung der Nazis versucht er 1933 zu emigrieren. Erst 1936 gelingt es. Er geht nach London, wird in England Soldat, kehrt 1947 als Übersetzer des US-Militärs bei den Nürnberger Prozessen nach Deutschland zurück, stirbt 1983 in Camelford in Cornwall.

Landschaften und Porträts

Eines von rund 40 Exilschicksalen, die im Bonner Dialograum Kreuzung an St. Helena dokumentiert werden. Im düsteren Kirchenraum von St. Helena hängen 50 Bilder auf der nackten Backsteinwand, daneben kurze Biografien von mehreren Dutzend Künstlern, die ihre Heimat Deutschland verlassen mussten. Halkett ist mit sehr reduzierten, leicht abstrahierten Porträts und einem Stillleben vertreten – von anderen Exilkünstlern sind Landschaften und Porträts, Städtebilder und Stillleben zu sehen. Naturalismus, Neue Sachlichkeit und Realismus sind vorherrschende Stile, Impressionismus und Anklänge an den Expressionismus haben ihre Spuren hinterlassen. Viele eher unbekannte Namen sind dabei, viele Biografien, die mehrfach gebrochen wurden: durch den Ersten Weltkrieg, durch das erzwungene Exil nach 1933. Und die, die die Jahre von Diktatur und Exil überlebten und nach Deutschland zurückehren konnten, trafen auf eine Kunstwelt der Abstraktion und des Informel, in der sie künstlerisch häufig nicht mehr Fuß fassen konnten.

Thomas B. Schumann, der sich seit vielen Jahren mit Exilliteratur befasst und dessen Engagement 2017 mit dem Hermann-Kesten-Preis des PEN-Zentrums Deutschland ausgezeichnet wurde, begann vor 15 Jahren, sich auch mit Bildern von Exilkünstlern zu befassen und deren Werke zu sammeln. „Es geht mir um die vergessenen Künstler und persönliche Schicksale“, sagte Schumann am Donnerstag vor der Eröffnung der Ausstellung, die anlässlich des Jahrestags der Bücherverbrennung gezeigt wird.

„Emigranten haben keine Lobby“

Seine Sammlung sei subjektiv: „Ich habe erworben, was mir gefiel“, erzählt er. 750 Werke von Exilkünstlern hat er bereits zusammengetragen, eher unbekannte Maler und prominentere wie Eduard Bargheer, Heinrich Maria Davringhausen, Rudolf Levy, Ludwig Meidner, Josef Scharl, Eugen Spiro und andere. Bei seinen Recherchen wurde ihm klar: „Es gibt keinen Ort, wo diese Thematik dokumentiert wird, in der Erinnerungskultur ist Exil kein Thema“, sagt er, „Emigranten haben keine Lobby“. 2016 publizierte Schumann eine Reihe „seiner“ Künstler und Teile seiner Sammlung „Memoria“ in einem Bildband. Immer wieder versucht er in Ausstellungen, auf das Thema Exilkunst hinzuweisen.

Ab 14. Juni zeigt er die Hauptstücke seiner Sammlung im Mittelrheinmuseum Koblenz. Ein Grund, weswegen die aktuelle Bonner Schau nicht sehr prominent bestückt ist. Viele Highlights und größere Namen fehlen, werden in Koblenz zu sehen sein. „Eingedenken – Bildende Künstlerinnen und Künstler im Exil 1933-1945“, so der Titel der Schau im Dialograum, ist trotzdem eine bemerkenswerte Ausstellung. Auch weil sie ein Diskussionsbeitrag ist, eine Art Skizze für ein geplantes Exilmuseum in Bonn.

Schumann konnte dafür etwa den Antiquar und kulturpolitischen Sprecher der Linken im Bonner Rat, Jürgen Repschläger, gewinnen, der sich intensiv mit Exilliteratur befasst hat. In der neuen Bonner Sport- und Kulturdezernentin Birgit Schneider-Bönninger habe man eine gute Fürsprecherin für ein Bonner Exilmuseum, sagt Repschläger. Die Planungen seien weit fortgeschritten. Der Wunschort: In der Nähe des neuen Stadtarchivs. In Georges Paul von der „In Situ Art Society“ fanden Schumanns und Repschläger einen starken Partner: Paul hat die Ausstellung kuratiert und zeigt sie in seiner Reihe „Comment Dire“ im Dialograum, hat außerdem ein attraktives Rahmenprogramm konzipiert.

Bis 6. Juni kann man sich in die Werke und in die ergreifenden Biografien vertiefen und dabei zum Beispiel Rudolf Levy kennenlernen. Der wurde 1875 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Stettin geboren, kannte Hans Purrmann und Paul Klee, war Mitglied des Pariser Künstlerkreises des „Café du Dome“ und Schüler von Henri Matisse. Er nahm 1912 an der wegweisenden Kölner Sonderbundausstellung teil, war später Mitglied der „Berliner Sezession“, stellte in der Galerie Flechtheim aus. Levy hat im Ersten Weltkrieg gekämpft. 1933 begann eine Exil-Odyssee durch halb Europa – die Nazis verfemten Levys Kunst als „entartet“. In Italien tauchten 1943 Kunsthändler bei ihm auf. Es waren getarnte SS-Leute, die ihn an die Gestapo überstellten. Levys letztes Lebenszeichen ist ein Brief aus dem Gestapogefängnis in Florenz an Elena Bandini. Vermutlich starb er beim Transport ins Vernichtungslager Auschwitz.

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