"Psycho"-Autor Robert Bloch: Der Mann im Schatten

"Psycho"-Autor Robert Bloch : Der Mann im Schatten

Vor Alfred Hitchcocks cineastischem Meisterwerk „Psycho“ stand der gleichnamige Roman von Robert Bloch. Der geistige Vater von Norman Bates, am 5. April vor 100 Jahren geboren, verdiente so gut wie nichts am Welterfolg in den Kinos.

An einem Aprilmorgen des Jahres 1959 macht Peggy Robertson in ihrem winzigen Büroraum in Hollywood eine interessante Entdeckung. Mit ihrem Füllfederhalter umkringelt sie einen Artikel in der New York Times, die aufgeschlagen vor ihr auf dem Schreibtisch liegt. Die junge Dame mit der strengen Hornbrille studiert die Literaturseite. Markiert hat Peggy Robertson eine überschwängliche Kritik des Schriftstellers und Anthropologen Anthony Boucher, der in dem renommierten Blatt regelmäßig eine Krimi-Kolumne verfasst. In der jüngsten Ausgabe stellt Boucher einen Schocker mit dem Titel „Psycho“ vor, der Autor heißt Robert Bloch.

Peggy Robertson hat eine Vorahnung. Sie arbeitet als persönliche Assistentin für einen erfolgreichen britischen Filmregisseur, der in den Vereinigten Staaten eine ruhmreiche Karriere hingelegt hat. Ein Schwergewicht in jeder Hinsicht, mit einer Vorliebe für gutes Essen, dicke Zigarren, schwarzen Humor und insbesondere für spannende, abgründige Geschichten. Mister H, wie Peggy ihn nennt, trägt in der Filmbranche einen Spitznamen: Master of Suspense.

Miss Robertson muss für ihren Chef gewissermaßen nach Gold schürfen. Von den rund 2400 Exposés, Treatments und Drehbüchern, die pro Jahr in ihrem Büro ankommen, reicht sie bloß 30 an Mister H weiter. Anspruchsvoll ist ihr Chef. Und erfolgsverwöhnt. Zuletzt gelangen ihm Kassenhits wie „Das Fen-ster zum Hof“ (1954), „Der Mann, der zu viel wusste“ (1956), „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958) und „Der unsichtbare Dritte“ (1959). Durch eine TV-Serie, die seinen Namen trägt, ist Mister H nun auch im aufstrebenden Medium Fernsehen präsent. Jetzt aber will er mal etwas ganz anderes wagen. Etwas machen, was niemand von ihm erwartet.

Peggy Robertson führt ihn intuitiv auf die richtige Spur. In dem Zeitungsartikel schreibt Kolumnist Boucher über den Roman „Psycho“: „Bloch zeigt mehr kalte Effizienz, als man von Schriftstellern jeden Ranges erwarten kann – und führt vor, dass seine glaubwürdige Geschichte über Geisteskrankheit mehr Schauder erzeugen kann als alle obskuren Schrecken, zu denen eine Kollaboration zwischen Poe und Lovecraft fähig wäre.“ Der Kritiker der Herald Tribune bezeichnet den Roman als „gewandt und das Blut stockend“, und die Zeitschrift Best Sellers spricht von einer „Furcht einflößenden Geschichte, wahrscheinlich auch die ungewöhnlichste des Jahres“.

Mister H liest erst die Kritik Bouchers, dann zieht er sich mit Blochs Roman für ein Wochenende in seine Villa am Bellagio Drive in Bel Air zurück. Später wird er in einem langen Interview dem französischen Regiekollegen Truffaut anvertrauen, dass der Mord unter einer Dusche für ihn der Auslöser war, den Roman zu verfilmen: „Weil der so plötzlich erfolgte, wie aus heiterem Himmel.“ Der Star-Regisseur weiß, was zu tun ist. Als das Verlagshaus Simon & Schuster im Sommer 1959 Robert Blochs Roman herausbringt, lässt Mister H fast alle Exemplare sofort aufkaufen: Die unglaubliche Pointe der Geschichte will er in seine Kino-Version hinüberretten.

Über Strohmänner, damit sein berühmter Name nicht auftaucht, erwirbt er die Filmrechte – zum Schnäppchenpreis: Die Summe von 9000 Dollar gilt schon damals als auffallend gering. Nachdem Blochs Verlagshaus und sein Agent ihre prozentualen Anteile abgezogen haben, bleiben dem Schriftsteller noch 6750 Dollar – vor Steuern.

Zum Vergleich: Joseph Stefano, der basierend auf Blochs Roman das Drehbuch zur Verfilmung schreibt, erhält für seine Dienste 17.500 Dollar. Bis zum 31. Dezember 1966, nur sechseinhalb Jahre nach der Premiere von „Psycho“, spielt der Film mehr als 14 Millionen Dollar an den Kinokassen ein – der durchschnittliche Preis für eine Kinokarte beträgt in den Vereinigten Staaten damals nur 75 Cents. Auch eine prozentuale Beteiligung an den Einspielergebnissen gibt es für Robert Bloch natürlich nicht.

Bloch erfährt erst nach dem Deal, dass die Filmrechte seines Romans an eine lebende Regie-Ikone Hollywoods gegangen sind. Und dass er über den Tisch gezogen wurde. Denn Mister H ist natürlich Alfred Hitchcock.

In der Produktion und Vermarktung von „Psycho“ bleibt Robert Bloch eine ganz kleine, geradezu unbedeutende Nummer, auch wenn Hitchcock ihn anfangs mit dem Drehbuch beauftragen will, was an Agenturquerelen mit dem Studio scheitert.

Aber nicht nur in finanzieller Hinsicht, auch in der Wahrnehmung und Würdigung seiner literarisch-künstlerischen Arbeit ist Bloch an den Rand gedrängt worden. Der Schöpfer des Romans bleibt der Mann im Schatten. Eine Pulp-Größe für Eingeweihte.

Robert Bloch wird am 5. April 1917 als erstes Kind jüdischer Eltern in Chicago geboren. Die Mutter ist Lehrerin und dann Direktorin des späteren Abraham Lincoln House, der Vater arbeitet als Kassierer in einer Bank. Schon als Kind verschlingt Robert sogenannte pulp magazines, von Erwachsenen als „Schund“ deklariert: comicähnliche Groschenromane mit übernatürlichen, gruseligen und fantastischen Geschichten.

Er ist zehn Jahre alt, als er sich an dem riesigen Zeitschriftenstand in der Northwestern Railroad Station von Chicago eine Ausgabe von „Weird Tales“ (Unheimliche Geschichten) kauft, berichtet Bloch in seinen Memoiren, die 1993 unter dem herrlich irritierenden Titel Once Around the Bloch: An Unauthorized Autobiography erscheinen. „Da waren buchstäblich Hunderte von Magazinen in knalliger Aufstellung. Reihe für Reihe mit grellen, schreienden Covers, die das Auge einfingen“, erinnert er sich an diesen prägenden Moment. „Jede Reihe buhlte um Aufmerksamkeit mit jeder Menge von Titeln von Romanzen, Mystery, Detektivgeschichten, Western und Sport. Ich stand davor und habe sie angestarrt, fasziniert von dieser üppigen Vielfalt.“

Der Teenager beginnt, sich für die furchteinflößenden Geschichten der Genre-Ikone Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) zu begeistern, die regelmäßig auch in den Weird Tales erscheinen. Bloch sammelt die Stories von „H.P.“ und schickt im Alter von 16 Jahren über die Leserbriefseite des Magazins den ersten Brief an sein Idol.

Lovecraft antwortet dem jungen Fan aus Chicago umgehend – und es entsteht nicht nur eine Brieffreundschaft, die bis zum frühen Tod des Horror-Kultautors währt. Bloch wird zu Lovecrafts Protegé. Ihm schickt Bloch seine Manuskripte, und Lovecraft ermutigt ihn, beim Schreiben zu bleiben. Im Alter von 17 Jahren verkauft Bloch seine erste Kurzgeschichte „Lilies“ an das Magazin Marvel Tales.

Insgesamt können Robert Bloch mehr als 400 Kurzgeschichten zugeordnet werden. Nach seinem Romandebüt 1947 mit „The Scarf“ (Das Halstuch) sind 21 weitere Romane entstanden, darunter nicht nur Horror, sondern auch Fantasy, Science Fiction, historische Romane und Hardboiled-Krimis. Die Inspiration für sein Opus Magnum liefert ihm der wahre Fall um den Massenmörder Ed Gein, der im November 1957 vor seinem Farmhaus in Plainfield (US-Bundesstaat Wisconsin) verhaftet wurde.

Die Gräueltaten, die bei Durchsuchung der heruntergekommenen Farm ans Tageslicht kamen, schockierten die Öffentlichkeit nachhaltig. Bloch verarbeitet Elemente des realen Falls (vor allem Geins manisches Interesse an Geschlechtsumwandlung) in die Romanfigur des Norman Bates, im Film unnachahmlich verkörpert von Anthony Perkins.

Den Vornamen wählt Bloch nicht zufällig. Es ist ein Wortspiel: neither woman nor man – weder Mann noch Frau. Wie man aus „Psycho“ weiß, hat Norman als Teenager seine eigene Mutter getötet, sie später aus dem Grab geholt und die Leiche präpariert. Um den Matrizid zu verarbeiten, schlüpft Norman in die Rolle der Mutter, zieht ihre Kleider und eine graue Perücke über, spricht mit ihrer Stimme – immer dann, wenn eine Frau willentlich oder unwillentlich eine erotische Wirkung auf ihn ausübt.

Das schlichte, flache Bates Motel, daneben das hoch aufragende, viktorianisch anmutende Spukhaus auf dem Hügel, der Mord unter der Dusche, der Voyeurismus, die „Mutter“: All die erfolgreichen Zutaten in Hitchcocks Film kommen von Robert Bloch – mit einer einzigen großen Ausnahme: In Blochs Roman ist Norman ein 40-jähriger, schwitzender, übergewichtiger Vertreter des white trash, obendrein Alkoholiker. Hitchcock transformiert die Hauptfigur in den jungen, gut aussehenden, ebenso schüchtern wie sympathisch wirkenden Anthony Perkins. Die Überraschung am Ende ist umso größer.

Bloch schreibt – unbeeindruckt von den drei Hollywood-Sequels mit Perkins – seine eigenen Romanfortsetzungen. „Psycho II“ (1982) misslingt ihm gründlich, was vor allem daran liegt, dass er Norman Bates bereits zu Beginn der Geschichte bei einem Autounfall sterben lässt. Bloch denkt an einen ähnlichen Überraschungseffekt wie damals in Hitchcocks Filmklassiker, als der Star Janet Leigh alias Marion Crane bereits im ersten Drittel des Films ermordet wurde. Aber Psycho ohne Norman Bates?

Erstaunlich, dass Bloch noch einen draufsetzt und 1990 seine Psycho-Trilogie mit „Psycho-Haus“ vollendet. Dieser dritte Roman ist immerhin besser als der zweite; man kann ihn durchaus als selbstkritische, ironische Reflexion über Popkult, Mythen und Entmystifizierung interpretieren.

Robert Bloch stirbt am 23. September 1994 an Krebs. In seinem letzten Interview wird er, wieder einmal, auf den Verkauf der Filmrechte an Hitchcock und die geringe Summe von 9000 Dollar angesprochen. Der zeitlebens unterschätzte Schriftsteller, den Stephen King für den „besten psychologischen Horror-Autor“ hält, nimmt es längst mit Galgenhumor. „Es hätte schlimmer kommen können“, sagt Bloch. „Das ursprüngliche Angebot lag bei 5000 Dollar.“