Zwischen Himmel und Hölle: Deller zeigt Ausstellung im Bonner Kunstverein

Zwischen Himmel und Hölle : Deller zeigt Ausstellung im Bonner Kunstverein

Turner-Preisträger Jeremy Deller zeigt sein emotionales Beethoven-Projekt im Bonner Kunstverein: Ein Video mit dem Beethoven-Orchester und Kindern aus der Region.

„Das eine ist der Himmel, das andere die Hölle“, sagt Jeremy Deller zu seinen beiden Videos. Oder anders ausgedrückt: „Hier ist die Aufklärung, dort das Dunkel.“ Dabei haben beide Filme mit Beethoven zu tun: Die siebte Sinfonie ist die Hauptprotagonistin in dem Video „Wir haben die Schnauze voll“. In „Putin’s happy“, dem anderen Film, folgt auf auf die Hymne „God save the Queen“ Beethovens „Ode an die Freude“. Was aber dann passiert ist eine echte Tragödie, gespickt mit Aggressionen, düsteren Ressentiments, dumpfem Nationalismus, blankem Rassismus, Fake News und Parolen voller Hass – eine bittere, apokalyptische Sinfonie über den Brexit, mit der Kamera aufgenommen bei Demonstrationen in London. Warum heißt das Video „Putin’s happy“, Putin ist glücklich? Deller: weil er dank der Entwicklung ist.

Fassungslos angesichts der Hasstiraden steht man vor der 45-Minuten-Doku im Bonner Kunstverein. Vom Nebenraum her dringen Fetzen der siebten Sinfonie ans Ohr. Himmlische Klänge, wie Deller erzählt. Mit Beethovens Musik hatte der 53-jährige Brite bislang kaum zu tun. „Ist nicht so meine Musik“, sagt er. Klar kenne man Beethoven aus dem Film „Clockwork Orange“ (Teile der neunten Sinfonie), meint er und erinnert auch an das Konzert, das die junge Gruppe Kraftwerk im Beethovenjahr 1970 in Mauricio Kagels „Musiksalon“ in Aachen gegeben hatte. In Dellers hinreißender musiksoziologischer Doku „Everybody in the Place“ über die 1980er und 1990er und den Siegeszug der House-Musik spielt Kraftwerk eine zentrale Rolle. Ja, und Kagels genialen Fluxus-Film „Ludwig van“ (1970) kennt Deller auch.

Beethovens Siebte entdeckt

Doch mit der Musik des Komponisten, speziell mit seiner siebten Sinfonie, kam er erst 2019 intensiv in Berührung, als Michelle Cotton, damals Direktorin des Bonner Kunstvereins, inzwischen am Mudam in Luxemburg tätig, und Volker Zander, Musiker und Kurator aus Köln, Deller für ein Beethoven-Projekt gewannen. Die Beethoven Jubiläumsgesellschaft und die Stiftung Kunst der Sparkasse in Bonn sprangen als Financiers ein. Das Beethoven Orchester unter Dirk Kaftan und Schüler aus Köln und Bonn kamen kurz vor den Sommerferien im ehemaligen Emi-Studio in Köln, Probenraum des Gürzenich-Orchesters,  für die Filmarbeiten zusammen.

Eine emotionale Collage eröffnet den Film: Das Postkartenidyll vom Siebengebirge mit Drachenfels und Schloss Drachenburg begegnet rauchenden Kühltürmen und Windrädern, Bildern vom Braunkohletagebau und Bonner Verkehrsgewühl. Musiker stimmen ihre Instrumente, Schüler kommen mit dem Bus angefahren, schleichen sich später barfuß in die Probe von Kaftan und dem Beethoven Orchester, lauschen konzentriert den ersten Takten aus dem zweiten Satz der Siebten, fangen an zu tanzen.

Später wird man den stürmischen vierten Satz hören und verfolgen, wie die Kinder wie wild durch den Raum jagen. Deller zeigt wunderbare Studien einzelner Musiker, besucht die Schüler zu Hause, verfolgt, wie sie Transparente basteln und bemalen, wie sie sich auf eine Demo von „Friday’s for Future“ vorbereiten. Auf einem Plakat steht „Wir haben die Schnauze voll“, gleichzeitig der Titel, des sehr emotionalen, dichten 15-Minuten-Films. Am Ende posiert jeder der Jugendlichen vor dem blauen Vorhang.

Der Versuch, die Welt zu retten

„Die waren cool wie Profis“, meint Deller, der in seiner Karriere wiederholt mit jungen Darstellern gearbeitet hat. 2004 wurde Deller unter anderem für eine Arbeit zu den Beziehungen zwischen Acid-House und Brass-Band-Musik mit dem renommierten Turner-Prize ausgezeichnet, 2013 vertrat er Großbritannien bei der Kunstbiennale in Venedig mit einem atemberaubenden, sehr politischen Ensemble.

In Bonn lässt er nun zwei Welten aufeinanderprallen. Die von Beethovens Siebter umhüllter Idylle junger Menschen, die zum Teil zum ersten Mal in ihrem Leben so eine Musik erleben, sich dann aufmachen, zumindest demonstrierend die Welt zu retten. Und die pessimistische Bestandsaufnahme über den letztendlich verlorenen Kampf der Pro-Europäer, zu denen Deller sich zählt. Eines hat er aus dem Bonner Projekt gelernt: „Diese Musik könnte ich bis ans Ende meines Lebens hören.“

Bis dahin bietet sich ein Aufenthalt in dem ganz in rotes Licht getauchten Chill-Raum „A is for Beethoven“ an, in dem man das Stimmen von Instrumenten hört und an der Wand den Reflex eines Laserstrahls sieht, der durch eine Beethoven-Schneekugel geleitet wurde. Freude schöner Götterfunken.

Bonner Kunstverein; bis 26. April. Di-So 11-17 Uhr. Eröffnung: 15. Februar, 14 Uhr. Kuratorenführungen mit Volker Zander am 29. Februar, 4. und 25. April, jeweils 12 Uhr