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Bonner Sommerkino vom 16. bis 26. August: Das ist das Programm der 34. Stummfilmtage in Bonn

Bonner Sommerkino vom 16. bis 26. August : Das ist das Programm der 34. Stummfilmtage in Bonn

Bei den 34. Bonner Stummfilmtagen im Arkadenhof des Bonner Universitätshauptgebäudes geht das berühmteste Wagenrennen der Filmgeschichte über sieben Runden. Ben Hur ist einer der Höhepunkte des Programms mit 15 Filmen an elf Tagen.

Es war damals eine Sensation, und sie ist es bis heute: 42 Kameras zeichnen zehn Minuten lang eine der spektakulärsten Verfolgungsjagden der Filmgeschichte auf. Das Spektakel – ein Wagenrennen nach römischem Reglement – geht im Circus von Jerusalem über sieben Runden. Die Wagenlenker dort unten sind nur zum Teil gedoubelt. Die Pferde allerdings müssen gelegentlich durch neue ersetzt werden. Denn Tierschutz ist 1925 – als mit „Ben Hur“ der teuerste und aufwendigste Stummfilm aller Zeiten gedreht wird – kaum ein Thema.

Dabei sind die immensen Produktionskosten noch nicht einmal der Tatsache zuzuschreiben, dass mitten unter den Zuschauern auch Hollywood-Größen wie John und Lionel Barrymore, Joan Crawford, Douglas Fairbanks senior, John Gilbert und Lillian Gish, Samuel Goldwyn, Harold Lloyd und Mary Pickford jubeln. Das sind bloß Cameo-Auftritte, Das ist kein Problem.

Nein, preistreibend sind vielmehr die Dreharbeiten in der Nähe von Rom , die insgesamt zwei Jahre dauern und zwei Regisseure „verschleißen“, bevor Fred Niblo auf diesem Stuhl Platz nimmt; einer der Großen seiner Ära, der später auch die Karriere einer gewissen Greta Garbo ein gutes Stück voranbringen wird. Mit „Ben Hur“ jedenfalls hat er das große Ganze im Blick: eine Handlung, die nicht nur Auge und Ohren gefallen, sondern den Zuschauer tief im Innern berühren soll; ohne Jesus auf der Leinwand jemals direkt zu zeigen.

Alle Filme verdienen besondere Aufmerksamkeit

Viele Sequenzen sind bereits im Zweifarbtechnicolor-Verfahren aufgenommen; ebenso wegweisend wie kostspielig. Sie bleiben (bis auf wenige Ausnahmen) vor allem den biblischen Szenen vorbehalten.

Aufgrund der hohen Produktionskosten beginnt der Film tatsächlich erst in den 1930er Jahren Gewinn einzuspielen. Und diese Summe bleibt mit 26.000 Dollar zudem recht überschaubar. Dennoch lohnte sich das Projekt für Louis B. Mayer, Samuel Goldwyn und Irving Thalberg denn es etablierte den Ruf von MGM als mächtigstem Studio, das in den folgenden Jahrzehnten Hollywood dominiert. Zwei Kopien von „Ben Hur“ existieren heute noch; eine in Prag, eine in den USA.

Und eine der beiden ist am 24. August im Arkadenhof des Bonner Universitätshauptgebäudes zu sehen. Zweifellos ein Höhepunkt im 34. Jahr der Internationalen Stummfilmtage – Bonner Sommerkino vom 16. bis 26. August. Kuratiert wird das Programm von Stefan Drößler, dem Leiter des Filmmuseums München und Mitbegründer der Stummfilmtage. Er stellt auch das Rahmenprogramm im Landesmuseum – zusammen und lädt die Restaurateure aus den jeweiligen Filmarchiven dorthin ein.

Besondere Aufmerksamkeit und voll besetzte Reihen verdienen alle 15 Filme, die an elf Tagen zu sehen sein werden; kurze und abendfüllende, Komödien und Dramen. Und wie jedes Filmfestival, das etwas auf sich hält, haben auch die Stummfilmtage ihre Stars. Sie lauten 2018 Laurel & Hardy (mit der wohl ausuferndsten Tortenschlacht der Filmgeschichte), Charlie Chaplin und Buster Keaton (dessen „Flitterwochen“ das Festival eröffnen) sowie William S. Hart, der mit „Planwagenfahrt nach Santa Fe“ die Figur des Lonely Rangers geschaffen hat: das Role Model für John Wayne und Clint Eastwood. Nicht zu vergessen Louise Brooks, Brigitte Helm und Greta Garbo, die am 22. August ihren großen Auftritt hat: Zuerst in der zwölf Minuten langen Dokumentation „Unser Kronprinzenpaar in Hollywood“, die 1926 gedreht wurde und nun erstmals außerhalb Schwedens gezeigt wird. Gustaf Adolf und seine Frau Louise besichtigen das Studio von MGM und begegnen Stars wie Ramon Novarro – Darsteller des Judah Ben Hur – , der Schauspielerin Lillian Gish und dem Produzenten und Gründer von MGM, Louis B. Mayer.

John Gilbert und Greta Garbo aus „Flesh and the Devil“ (Es war) galten damals als Traumpaar schlechthin; vor und hinter der Kamera. Der dritte Hollywood-Film der Schwedin begründet durch die fulminante Kameraführung von William Daniels das Image der „Göttlichen“. Zu erwähnen wäre noch, dass er die seinerzeit längste horizontale Liebesszene enthält, die – ebenso wie das Wagenrennen – zehn Minuten lang dauert, und dass der Name der Garbo alsbald den ihres (Film)Partners in den Schatten stellen sollte.

Ein Part wie das Fausts „Gretchen“ wäre allerdings nichts für sie gewesen. Und er war auch nichts für Hollywoods „Sweetheart“ Mary Pickford, die auf Anraten ihrer Frau Mama von der Kindsmörderin lieber die Finger ließ. Zumal Pickfords Ehemann Douglas Fairbanks den Mephisto scheute, da er durch ihn ernsthaften Imageschaden befürchtete. Stattdessen drehte Pickford mit Ernst Lubitsch 1923 „Rosita, die Straßensängerin“.

Ein Blick hinter die Kulissen

Den „Faust“ übernahm 1926 Friedrich Wilhelm Murnau. Und die Verfilmung des legendären Stoffes mit John Barrymore, Emil Jannings (Mephisto) und der Camilla Horn war nach wie vor für einen handfesten Skandal gut, wie interessierte Leser monatelang aus deutschen Zeitungen erfahren konnten. Die von dem Literaturnobelpreisträger 1911, Gerhard Hauptmann, verfassten Zwischentitel waren Drehbuchautor Hans Kyser ein Dorn im Auge. Er wehrte sich, und er setzte sich durch. Das Filmmuseum München hat nun erstmals den Film mit Hauptmanns Titeln rekonstruiert, die Rhythmus und Charakter der Bilder deutlich verändern. Wie das im Detail aussieht, zeigt Stefan Drößler ei seinem Vortrag mit Bildern und Filmfragmenten am 19. August im Landesmuseum. Der Film folgt abends im Arkadenhof.

Ein Blick hinter die Kulissen ist auch „Die Stadt ohne Juden“ von Hans Karl Breslauer wert. Nikolaus Wostry, Leiter des Filmarchiv Austria, erzählt anhand von Filmausschnitten am 26. August, die Geschichte eines „Romans von übermorgen“. So jedenfalls nannte der aus einer jüdischen Familie stammende und später konvertierte Hugo Bettauer – Journalist, Schriftsteller und Herausgeber einer „Wochenschrift für Esskultur und Erotik“ – sein 1922 veröffentlichtes Werk, das ebenso wie die Verfilmung 1924 auf heftigen Widerstand in konservativen Kreisen stieß. Nur wenige Monate nach der Uraufführung am 25. Juli 1924 in Wien wurde der Autor des Romans von dem Nationalsozialisten Otto Rothstock in seinem Büro erschossen.

Der Film, der bald darauf in Vergessenheit geriet, wurde 1991 im Nederlands Filmmuseum in Amsterdam wiederentdeckt, auf VHS kopiert und im Oktober 2008 in der Reihe „Der österreichische Film“ als DVD herausgegeben. Da das Originalmaterial bereits starke Zersetzungserscheinungen aufwies, handelte es sich dabei um eine verkürzte und stark nachbearbeitete Version. Im Oktober 2015 fand ein Filmsammler auf einem Pariser Flohmarkt eine vollständige Kopie, die im Frühjahr 2016 dem Filmarchiv Austria übergeben wurde.

Die über Crowdfunding gesammelten 75 000 Dollar ermöglichten eine sorgfältige und werkgetreue Restaurierung. Deutsche Premiere soll diese Fassung am 28. November 2018 in der Hamburger Elbphilharmonie feiern. Das Bonner Sommerkino zeigt den Film schon jetzt und beschließt damit die Saison 2018.