Besonderes Augenmerk auf Beethoven: Das ist das Jahresprogramm der Bundeskunsthalle 2020

Besonderes Augenmerk auf Beethoven : Das ist das Jahresprogramm der Bundeskunsthalle 2020

Die Bundeskunsthalle untersucht 2020 grundsätzliche Themen und zeigt Künstler mit Doppelleben. Mit Ausstellungen über Beethoven und Programm für Liebhaber der Musik klinkt sich die Bonner Institution in das Beethoven-Jubiläumsjahr ein.

Die Bundeskunsthalle steigt kommende Woche ins Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 ein. Kurz vor dem Tauftag des Komponisten eröffnet das Haus die große biografische Schau „Beethoven. Welt. Bürger. Musik“. Bis Ende April 2020 wird die Ausstellung profunde Einblicke in das Leben, die Werke und die Rezeption des Bonner Tonsetzers geben. Aber auch danach setzt die Bundeskunsthalle partiell auf Musik und auch auf Beethoven.

Mit der Ausstellung „Doppelleben. Bildende Künstlerinnen und Künstler machen Musik“ berührt die Institution ein Phänomen, das uns fast das gesamte 20. Jahrhundert beschäftigt: Bildende Künstler mit einer hohen Affinität zur Musik. „Großformatig projizierte Videos von Konzert-, Studioauftritten und Performances vermitteln das Gefühl, live dabei zu sein“, verspricht die Bundeskunsthalle. Pro­tagonisten wie Marcel Duchamp, dem Erfinder des „Ready Made“, und die Futuristen, die die Sy­nergie von Malerei, Bewegung und Musik thematisierten, sind ebenso unter den „Dopelleben-Künstlern“ wie Yves Klein und die Fluxuskünstler Nam June Paik und Yoko Ono, A. R. Penck, Hanne Darboven, Gerhard Rühm oder Hermann Nitsch. Vertreter des Proto-Punk wie Captain Beefheart und Alan Vega sind Vorläufer der zahlreichen Künstlerbands der 1980er-Jahre, in denen unter anderem Albert Oehlen, oder Pipilotti Rist gespielt haben. Die stilistisch wieder heterogenere Szene seit den 1990er-Jahren ist unter anderem durch Jutta Koether, Stephen Prina, Carsten Nicolai oder Emily Sundblad vertreten. Die Bundeskunsthalle kooperiert bei dieser Schau mit dem mumok Wien, das die Schau auch konzipiert hat.

Beethoven-Monument von Max Klinger in Bonn

Max Klingers berühmtes, seinerzeit hoch umstrittenes Beethoven-Monument steht im Mittelpunkt einer großen Klinger-Ausstellung, die von August bis Jahresende die zweite Hälfte des Jubiläumsjahrs bespielt. Klinger (1857–1920) war ein herausragender Grafiker und Bildhauer der Spätromantik und des Symbolismus. Und er war ein sehr moderner Künstler. Angeregt von Richard Wagner, strebte er die Überwindung von Gattungsgrenzen im Sinne eines Gesamtkunstwerks an, in dem Malerei, Skulptur, Architektur – möglichst auch die Musik – zu einer harmonischen Einheit verschmelzen. Die Schau behandelt auch die ideologische Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten. Die Bundeskunsthalle kooperiert mit dem Museum der bildenden Künste Leipzig.

Jerusalem-Porträt: Die Apokalyptischen Reiter über Jerusalem (Ausschnitt) aus einer niederrheinischen Historienbibel, um 1457-1460. Foto: Ruth Schacht

Die grandiose Martin-Kippenberger-Ausstellung begleitet uns noch bis zum Februar in der Bundeskunsthalle und schafft sozusagen mit ihren kritischen Fragen zum Zustand der Gesellschaft die künstlerische Grundlage für eine in der Geschichte der Bundesinstitution eher unübliche Themenschau. Mit „Wir Kapitalisten. Von Anfang bis turbo“ gibt sich die Bundesinstitution ungewohnt politisch. Auf dem Prüfstand steht der Kapitalismus als nicht nur ökonomisches System, sondern als „Gesellschaftsordnung, die unser Denken, Fühlen und Dasein seit Jahrhunderten prägt“, wie es in einer Ankündigung heißt.

Die Schau betrachte aus einer kulturhistorischen Perspektive die grundlegenden Eigenschaften des Kapitalismus: Rationalisierung, Individualisierung, Akkumulation, Geld und Investitionen sowie typische kapitalistische Dynamiken wie ungebremstes Wachstum und schöpferische Krisen. Diese „DNA des Kapitalismus“ forme die menschliche Identität und Geschichte. Man darf gespannt sein, wie kritisch (oder unkritisch) die Bundesinstitution das Thema Kapitalismus beleuchtet.

Von der Verschmelzung der Künste: Christian Falsnaes „Force“, Installation im Krefelder Kaiser Wilhelm Museum, 2018. Foto: Volker Döhne

Die Programmschiene der Ausstellungen mit  Gegenwartskunst wird unter anderem mit dem 36-jährigen in Berlin lebenden Künstler Julius von Bismarck bespielt, der  an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft arbeitet. „Seine künstlerischen Reflexionen von Universum, Mensch und Natur sind eng mit der Frage und Definition der menschlichen Wahrnehmung verbunden“. Unlängst hat er im Pariser Palais de Tokyo eine faszinierende Schau über Mensch und Ozean gezeigt.

In der Zeitschrift „Monopol“ sagte er dazu: „Heute betrachtet der stadtwohnende Mensch den Ozean als Opfer unseres Handelns. Wir sind die Täter, die ihn mit Mikroplastik und unseren Abfällen belasten. Eine zweite riesige Ökowelle findet als gesamtgesellschaftliches und nicht mehr als Nischennarrativ statt. Der Ozean wiederum zeigt uns sein Bedrohungspotenzial durch Flutwellen und dem steigenden Meeresspiegel.“ Von Bismarck zeigt Skulpturen, Rauminstallationen, Videos und Fotografien.

Stipendiaten beschäftigen sich mit Umweltfragen

Die globale Klima- und Umweltthematik, aber auch Migration und Vielfalt beschäftigen auch vierzehn Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich mit der Ausstellung „Fragments from now for an unfinished future“ präsentieren. Zu sehen sind Arbeiten von Saskia Ackermann, Darío Aguirre, Yevgenia Belorusets, Cihan Cakmak, Soso Dumbadze, Öncü Hrant Gültekin, Raisan Hameed, Carsten Kalaschnikow, Ksenia Kuleshova, Dariia Kuzmych, Sebastian Mühl, Neda Saeedi, Amir Tabatabaei und Vilmos Veress. Kuratorinnen der Schau sind Beate Eckstein von der Ebert-Stiftung und die ehemalige Direktorin des Bonner Kunstvereins,  Annelie Pohlen.

„Sate of The Arts. Die Verschmelzung der Künste“ liefert Erklärungen für eine Reihe aktueller Ausstellungen. Es geht um das Phänomen der Verschränkung von darstellender und bildender Kunst zu Kombinationen aus bildender Kunst, Tanz, Performance, Poesie und Musik. Seit den 1960er-Jahren läuft dieser Prozess. „Im Jahr 2020 ist die Erweiterung der künstlerischen Medien in alle denkbaren Bereiche längst gängige Praxis geworden“, heißt es.

 Auch die Schiene der kulturhistorischen Ausstellungen wird 2020 fortgesetzt. Die Bundeskunsthalle knüpft damit unter anderem an die ambitionierte Reihe der „Jerusalemer Gespräche“ an: Schlicht „Jerusalem“ heißt das Porträt dieses biblischen Ortes, geprägt von Symbolen und Mythen, multireligiös und multikulturell.

Der Klinger. Foto: Bundeskunsthalle

„Die Einzigartigkeit und Komplexität dieser Stadt liegt vor allem in der gemeinsamen Geschichte der drei Religionen – des Judentums, des Christentums und des Islam – und ihren heiligen Stätten“, heißt es in der Ankündigung des Hauses, „ wohl keinem anderen Ort wurden so viele Darstellungen gewidmet, die jedoch weniger die reale Stadt als vielmehr bestimmte Idealvorstellungen wiedergaben“.

Den zahllosen Jerusalembildern in der europäischen Kunst und Kulturgeschichte und ihren Darstellungsformen ist diese Ausstellung gewidmet.

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