Internationales Musikfestival in Bonn: Das erwartet Besucher bei "Over The Border" 2019

Internationales Musikfestival in Bonn : Das erwartet Besucher bei "Over The Border" 2019

Die vierte Ausgabe des Bonner Festivals „Over The Border“ präsentiert im März und April 130 Musiker aus aller Welt. Erwartet werden 5000 Besucher vor acht Bühnen. Sieben davon stehen in Bonn, eine in Köln.

Bonn vor 25 Jahren. Die Stadt befindet sich im Umbruch. Sie verliert das „Haupt“ im Beinamen, ist plötzlich nur noch Bundesstadt. Parlament und Teile der Regierung packen ihre Koffer nach Berlin. Die blanke Angst geht um: Wer geht noch? Und was kommt? Erste Namen fallen: Wüsten, Fledermäuse und seltsame Konventionen. Bonner, die bleiben, müssen sich an neue Begriffe gewöhnen, weil sie ihnen Hoffnung machen: „Nachhaltigkeit“, „Diversität“ und ein geheimnisvolles „Freiwilligenprogramm“. Doch die Saat geht auf.

Rund 20 Einrichtungen der Vereinten Nationen haben sich mit etwa 1000 Mitarbeitern in den zwei Dekaden am Rhein angesiedelt. Die Sekretariate organisieren ehrenamtliche Helfer in Krisengebieten und den Schutz bedrohter Tierarten. Nachhaltigkeit und Diversität steht auf vielen Fahnen. Migration ist ein zentrales Thema.

Zu dieser politischen Ausrichtung passt die Philosophie einer Veranstaltungsreihe, die den Fokus auf die kulturelle Vielfalt richtet. Das Festival „Over The Border“ präsentiert bei seiner vierten Ausgabe im März und April 13 Konzertabende mit 130 Musikern aus 25 Ländern. Das Programm verteilt sich auf acht Bühnen, sieben in Bonn, eine in Köln. Und: Die Vereinten Nationen machen mit.

Musik als universelle Sprache

Der Bonner Veranstalter Manual Banha hat mit dem Reggae-Star Gentleman, dem Wundergeiger Ara Malikian und dem Ensemble Quadro Nuevo zwar auch große Namen verpflichtet, doch bei diesem Festivalformat spielen gesellschaftspolitische Gesten und Botschaften ebenso eine Rolle.

Beim Konzert des regionalen Kollektivs Local Ambassadors im Pantheon beispielsweise informiert die Uno-Flüchtlingshilfe über ihr Hilfsprogramm „Building Homes, Not Walls“. Zu den weiteren Gästen gehören der libanesisch-syrische Pianist Aeham Ahmad und die somalische Moderatorin Khadra Sufi.

Der Musiker Mu Mbana aus Guinea-Bissau begibt sich ins Epizentrum einer multinationalen Stadt: In der Bonn International School veranstaltet er einen zweitägigen Workshop und spielt ein Konzert. Und der Mauretanier Ibrahim Thiaw schreibt das Vorwort im Programmheft.

Ibrahim Thiaw ist kein Musiker, sondern neuer Exekutivsekretär der Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) mit Hauptsitz in Bonn. Wüstenbildung, sie entsteht nicht zuletzt durch klimatische Veränderungen und treibt Menschen in die Migration. Auch da schließt sich ein Kreis. Denn mit den Menschen wandert die Musik. Als universelle Sprache, die nichts Böses im Schilde führt, die jeder versteht, auch ohne Wörterbuch. „Musik geht über Grenzen hinweg“, schreibt Ibrahim Thiaw. „Und sie bringt die Menschen zusammen.“

Was passt zusammen?

Manuel Banha hat sein Festivalprojekt vor drei Jahren gestartet. Damals kamen 2500 Besucher zu sechs Konzerten. Ein guter Anfang, der das internationale Bonn und potente Sponsoren auf den Plan rief. In den beiden Folgejahren wurden jeweils mehr als 5000 Besucher gezählt.

Wie aber entsteht ein solches Festival? Wie organisiert man an einem Schreibtisch in der Bonner Kaiserstraße 13 Programmpunkte mit 130 Musikern aus aller Welt? Nun, Manuel Banha veranstaltet das ganze Jahr über Konzerte in Kölner und Bonner Clubs, überwiegend Weltmusik. Seine Netzwerke sind permanent aktiviert. Beim Festival setzt er Schwerpunkte, die historische oder musikalische Entwicklungen sichtbar machen. Das ist der eigentliche Kick: Was passt zusammen, was ist relevant?

Der Bonner mit portugiesischen Wurzeln besucht zudem regelmäßig die Musikmesse Womex. Der international bedeutendste Branchentreff im Segment Weltmusik wird jährlich in einer anderen europäischen Stadt ausgerichtet. Bei der Womex 2015 in Budapest kam ihm die Idee für das Festival. Dort hat Banha auch die stimmgewaltige Sängerin Joyce Candido aus Brasilien kennen gelernt. Sie spielt am 23. März dieses Jahres in der Bonner Pauluskirche. Es ist ein Konzert mit Konzept, die „Kolonie“ Brasilien trifft auf das „Mutterland“ Portugal.

Joyce Candido singt zeitgemäßen Bosa Nova, die Instagram-Queen Cuca Roseta führt den Fado in die Zukunft. Beide Künstlerinnen geben Einzelkonzerte mit der Option auf ein gemeinsames Finale. Eine vergleichbare geo-kulturelle Linie zieht Banha am Eröffnungsabend: Lucibela (Kapverden) und Karyna Gomes (Guinea-Bissau) sind dem kreolischen Kulturkreis verpflichtet.

Gentleman als Headliner

Superstar des Festivals ist sicherlich der Kölner Reggae-Sänger Gentleman, der sich seit Jahren in Jamaika inspirieren lässt. Zurzeit weilt er indes auf Hawaii und schreibt Songs für sein erstes deutschsprachiges Album.

Der libanesische Geiger Ara Malikian hat in seiner zweiten Heimat Spanien eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Er kommt mit einer achtköpfigen Band nach Bonn. Möglicherweise spielt Malikian seinen Titel „Misirlou“: Die Nummer basiert auf einem Thema aus dem Film „Pulp Fiction“, auf YouTube stehen 3,7 Millionen Abrufe zu Buche. Auf 1,7 Millionen bringt es Gaye Su Akyol. Die Sängerin aus Istanbul packt gesellschaftlich relevante Themen an.

Gesellschaftlich relevant, das trifft auch auf ein Inklusionsprojekt in der Harmonie zu: Die Münchener Profiband Quadro Nuevo gibt zwei Konzerte mit Vollgas. In diesem Ensemble der Musikschule Fürth werden junge Talente mit Behinderung zu Musikern ausgebildet. Der Fürther Schulleiter Robert Wagner findet das „gemeinsam genial“.

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