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Kultur in Belgien: Das bietet die Kulturstadt Lüttich

Kultur in Belgien : Das bietet die Kulturstadt Lüttich

Lüttich in Belgien punktet als Kulturstandort. Und das nicht nur wegen Georges Simenon. Dessen Sohn John war einen Tag zu Gast in der Geburtsstadt des Maigret-Autors.

John Simenon ist mehr als nur Sohn von Beruf. Ja, er ist der Sohn des großen belgischen Schriftstellers Georges Simenon (1903-1989); ja, er ist für das im Züricher Kampa Verlag und bei Hoffmann & Campe erscheinende Werk seines Vaters zuständig; ja, er pflegt in Lausanne ein Georges-Simenon-Archiv. Aber der 1949 in den USA geborene John Simenon kann auf ein Leben unabhängig vom Erfinder des Maigret zurückblicken. Er machte sich unter anderem als Filmemacher einen Namen.

In Lüttich, der Geburtsstadt von Georges Simenon, ist John selten anzutreffen. Am vergangenen Wochenende jedoch hatte er den Urlaub mit Familie in Südfrankreich für einen Tag unterbrochen, um eine Gruppe deutscher Journalisten bei der Tour „Auf Simenons Spuren“ zu begleiten, die Sylvia Binner in unserer Sommerserie „Rheinland für Entdecker“ (GA vom 6. August) beschrieben hat.

Prägnante Kurzsätze

Die Begegnung mit dem Sohn bleibt ebenso in Erinnerung wie die „Tour Simenon“. John sieht aus wie ein attraktiv in die Jahre gekommener Rockstar, man könnte sagen Lou Reed in sympathisch. Er ist geistreich und produziert gern trockene Pointen und prägnante Kurzsätze – mal auf Französisch, mal auf Englisch.

Was hat den Vater zu seiner Maigret-Figur inspiriert? „On ne sait pas.“ Weiß man nicht. Mehr als 30-mal sei Georges Simenon umgezogen: „Lui plus que moi.“ Der Vater öfter als der Sohn. Nicht jedes Detail des ausufernden Werkes ist ihm geläufig: „I don't know everything.“ Angeblich hat er auch nicht alle Bücher des Vaters gelesen, dafür einige Werke mehrfach.

John Simenon verbirgt sein immenses Engagement gewöhnlich hinter einer coolen Fassade. Doch dann wird er plötzlich persönlich, schwärmt von der Beziehung zum Vater („wonderful relationship“) und schwört Stein und Bein, dass ihn keine noch so banale Frage zu Georges Simenon langweile: „Das würde bedeuten, dass mein Vater langweilig wäre.“

Er träumt von einem „Simenon Center“. Vielleicht klappt es mit einer Kooperation in Italien, wo der Autor verehrt werde. „It may happen. I'm optimistic“, sagt John. Von seinem Vater ist der Satz überliefert: „Ich fühle mich überall, wo ich bin, als Lütticher.“ Dem Sohn, der in den USA und England studiert hat und nun in der Schweiz lebt, muss eine solche Empfindung fremd sein. Aber ihm sind Momente der Ergriffenheit anzumerken, wenn er auf den Spuren des Vaters durch das Viertel Outremeuse flaniert. Hier, wie auch auf der anderen Seite der Maas, bewahrheitet sich, was die Stadtführerin Helene Bings so formuliert: „Der Lütticher feiert gern“. Sie bringt es auf die Formel: „Laisser-faire et savoir-vivre“ als Lebensprinzip der rund 200 000 Einwohner. Bings kennt die „wunderbar versteckten Ecken“ der fünftgrößten Stadt Belgiens, die im Zweiten Weltkrieg zu 60 Prozent zerstört wurde. Architekturliebhaber und Baustil-Detektive kommen auf ihre Kosten, viele Epochen sind im Stadtbild vereint. In der Impasse de la Couronne 9 entdeckt man das Restaurant „Le Thème“, das seine Speisekarte wechselnden Mottos anpasst.

Museen und eine Oper

Lüttich punktet aber auch als Kulturstadt. Mit dem wunderschön in einem Park gelegenen Museum La Boverie und mit dem Stadtmuseum Le Grand Curtius, das die Stadt einem Waffenhändler verdankt. Das drückte sich in den von ihm in Auftrag gegebenen Bauten aus. Bings: „Er wollte zeigen, dass er reich war.“ Ein Waffenmuseum bietet Lüttich folglich auch. Und das in einem ehemaligen Kloster untergebrachte Musée de la Vie wallonne. Dort lernt man die Kultur der frankophonen Wallonen kennen, deren ursprüngliche Sprache nur noch zwei Prozent der Menschen sprechen und vier Prozent verstehen. Im Musée Grétry wird André-Modeste Grétrys (1741-1813) gedacht, des Erfinders der komischen Oper.

Große Oper hat die Stadt auch im Programm, Plakate weisen auf bevorstehende Premieren hin. Die Königliche Oper der Wallonie und Das Königlich-Philharmonische Orchester Lüttich haben einen exzellenten Ruf zu verteidigen. Theater auf Wallonisch kann man im Théâtre du Trianon erleben, am 12. und 13. Oktober steht zum Beispiel die Komödie „Toc Toc“ von Laurent Baffie auf dem Spielplan.

An der Place Saint-Barthélemy, unweit der romanischen Kirche gleichen Namens, steht das Stahlkunstwerk „Les Principautaires“ von Mady Andrien aus dem Jahr 1992. Es spiegelt die Geschichte der Stadt mit Figuren aus dem Klerus und, wir sind in Lüttich, feiernden Menschen. Das Taufbecken in der Kirche Saint-Barthélemy gehört zu den sieben Schätzen Belgiens.

Ein Schatz Frankreichs, wenn man das so sagen kann, nämlich Gérard Depardieu, soll in einem neuen Film von Patrice Leconte den Kommissar Maigret verkörpern. Es handelt sich um eine Adaption des 1954 erschienenen Romans „Maigret et la jeune morte“ („Maigret und die junge Tote“). Die Dreharbeiten sollen Ende des Jahres beginnen.

Bis zum Filmstart lässt sich die Zeit bestens verbringen mit den neu aufgelegten Romanen des Krimimeisters Simenon – und mit einem Besuch in seiner Stadt Lüttich. Man ist schnell da.