Kunterbunter Lozziwurm: Darum lohnt sich das "Playground"-Projekt der Bundeskunsthalle

Kunterbunter Lozziwurm : Darum lohnt sich das "Playground"-Projekt der Bundeskunsthalle

Wissen Künstler, respektive Bildhauer, was für Kinder gut ist? Auf jeden Fall eher als so mancher fantasiearmer kommunaler Stadt- und Spielplatzplaner – wie die Realität, mehr noch die Bundeskunsthalle in ihrem „Playground“-Projekt zeigen.

Gegen städtische Ödnis setzten Künstler skulpturale Erlebnishöhlen, bunte Spiellandschaften, Orte, in denen man in ästhetisch zeitgeistiger Umgebung Spaß haben kann. Nach dem sehr gefragten, Ende Mai eröffneten „The Playground Project. Outdoor“ auf dem Museumsplatz und dem Dach der Bundeskunsthalle mit Skateboard-Halfpipe, Wasserspielen, Bonner Rutsche, Tischkicker, einem Karaoke-Container und viel mehr, kommt jetzt die Indoor-Variante, die sich dem Spiel als sozialem und ästhetischem Lern- und Erfahrungsfeld widmet.

Teil zwei der Ausstellung sieht sich als historische Kulturgeschichte des Spielplatzes – Enklave und geschützter Raum, in dem Kinder mehr oder weniger aufbewahrt, im besseren Fall pädagogisch vorteilhaft bespielt werden, im allerbesten Fall experimentierend Spaß und Herausforderungen aller Art finden können. Damit das Ganze nicht so akademisch-trocken wird, hat der größte Ausstellungsraum der Bundeskunsthalle ein Dutzend Mitmachstationen, kurz: Er wird selbst zum Spielplatz mit dem raumgreifenden, grandiosen, bunten Lozziwurm von 1972, den der Schweizer Künstler Ivan Pestalozzi erfand, mit den Wippen und Karussells des deutschen Designers Günter Betzig, Klettergerüsten und einem Holzturm, in dessen Erdgeschoss es sich kuscheln lässt.

Diese hohe Erlebnisqualität gab es vor einem knappen Jahrhundert noch nicht. Anfang des 20. Jahrhunderts sah die Situation anders aus, das zeigen historische Fotos aus Berlin, Washington und New York. Sandkasten, an Baugerüste erinnernde Kletterparcours und martialische Gerätschaften, die auf jedem Kasernenhof gepasst hätten – sehr viel umfangreicher war das Spielplatzinventar nicht.

Spielskulpturen und Spiellandschaften

Die Dänen sind seit den 1940er Jahren Vorreiter mit ihren abstrakten Spielskulpturen, die sich bald zu großen Spiellandschaften erweitern. In der Ausstellung lernen wir Visionäre und Praktiker kennen, etwa den Architekten Aldo van Eyck aus Amsterdam, der mit seinen Kletterbögen und Turnstangen bekannt wurde und der in Holland kleinste Lücken der Bebauung in Spielinseln verwandelte. Joseph Brown, ehemaliger Profiboxer und Künstler aus Princeton, gilt als Erfinder von bespielbaren Seilstrukturen. Der Tokioter Architekt Mitsuru Senda ist nicht nur ein Meister ausgeklügelter Spiellandschaften, er hat die Bedürfnisse der Kinder auch erforscht, seine Dissertation dreht sich um Spielplätze. Senda hat die wichtigsten Komponenten einer guten Spielstruktur definiert: „Das Spiel soll sich kreisförmig entwickeln können, es muss Momente des Schwindels oder des Nervenkitzels geben sowie Möglichkeiten zum Verstecken und Abkürzen bieten.“

Die von Gabriela Burkhalter und Susanne Annen realisierte Ausstellung glänzt vor allem durch erstklassiges historisches Fotomaterial, etwa zur Dokumentation der Spielsituation des aus dem Boden gestampften Märkischen Viertels in Berlin mit seinen Eternit-Spielwürfeln, die die Presse hämisch mit Kaninchenkäfigen verglich. Die Wabenform der Wohnbebauung findet sich im Spielgerät wieder.

Immerhin steht die 50.000-Bewohner-Trabantenstadt auch für eine Revolution: Hier wurde 1967 mit Unterstützung eines Londoner „Playworkers“ der erste Abenteuerspielplatz Deutschlands eröffnet. Kreativität ist hier gefragt, Experimentierlust und Mut.

Während man in der Schau Bilder wohlgemeinter, aber trister urbaner Spielghettos von van Eyck passiert, führt der Weg im Zuge der 1968er-Bewegung weiter in die Spielplatz-Avantgarde mit interaktiven Systemen und dem Spielebus, der zu den Kindern fährt. 1968 bemalen Kinder die ehemalige Villa von Heinrich Himmler, Hitlers Reichsführer SS, in München-Bogenhausen. „Kinder – hier könnt ihr klecksen“, berichtete die Presse. Damals gründete sich auch die Gruppe Keks (Kunst, Erziehung, Kybernetik, Soziologie). Der Spielplatz wird zum Lebens-Labor, in dem Kinder ihre Umwelt erleben.

So weit die Historie. Und die Gegenwart? Hier bleibt „Playground“ stumm. Die Bundeskunsthalle kneift, wenn es darum geht, die aktuelle Spielplatzsituation in Deutschland kritisch zu dokumentieren mit den vielen öden Spielwüsten, den von Hunden frequentierten Sandkästen und dem Fixerbesteck unter der Rutsche

Bundeskunsthalle; bis 28. Oktober. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr, Katalog 34 Euro.

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