Flexible Kulturbotschafter

Theater Bonn und Beethoven Orchester begeistern in Antibes

Auf der Bühne des Anthéa in Antibes: Beethoven Orchester, erster Geiger Mikhail Ovrutsky und Dirigent Dirk Kaftan.

Auf der Bühne des Anthéa in Antibes: Beethoven Orchester, erster Geiger Mikhail Ovrutsky und Dirigent Dirk Kaftan.

ANTIBES. Das Theater Bonn und das Beethoven Orchester waren auf Gastspielreise im südfranzösischen Antibes. Im ausverkauften Anthéa begeisterten sie das Publikum.

Keine Frage, Picasso wusste zweifellos, wie es sich gut leben und arbeiten lässt. In Antibes, einer 75 000-Einwohner- Stadt an der Mittelmeerküste zwischen Nizza und Cannes, dort, wo das Cap d'Antibes in das Mittelmeer hineinragt und sich die Reichen und Schönen dieser Welt ein Stelldichein geben. Einst lud die Stadt ihn ein, dort zu leben und zu arbeiten, mittlerweile ist das direkt am Meer gelegene Musée Picasso ein Touristenmagnet. Aber nicht nur bildende Kunst und Kommerz florieren am Cap, auch die Musik lebt gewissermaßen in Saus und Braus.

„Anthéa“ heißt das Zauberwort: ein Veranstaltungszentrum mit zwei Sälen, von denen der größere rund 1200 Sitzplätze hat. Vor fünf Jahren wurde das am Rande der historischen Altstadt liegende Gebäude eröffnet, das rund 400 kulturelle Veranstaltungen im Jahr anbietet und mit einer ausschließlich mit Gastspielen arbeitenden Programmpolitik eine Auslastung von 92 Prozent vorweisen kann.

Der Laden läuft: Der Publikumsandrang ist ungebrochen, es gibt auf der Homepage des Anthéa sogar eine Tauschbörse für Karten. Die wird der ein oder andere Gast vermutlich auch beim Gastspiel des Beethoven Orchesters und des Theaters Bonn in Antibes genutzt haben, denn sowohl das Sinfoniekonzert des Orchesters als auch beide Aufführungen von Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ waren restlos ausverkauft.

Eine logistische Meisterleistung

Vor fünf Jahren war das Kulturzentrum mit eben dieser Oper eröffnet worden, zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten bekam sie das Publikum noch einmal zu sehen – dieses Mal in einer Inszenierung von Andreas Homocki, die zwar schon mehr als 20 Jahre auf dem Buckel hat, in ihrer Reduktion auf das Wesentliche aber immer noch zeitlos wirkt. Diese nach Antibes zu verfrachten – und wieder zurück, denn auch in Bonn läuft die Wiederaufnahme noch dreimal – war eine kleine logistische Meisterleistung. Mit vier LKW hat sich das Technik-Team der Bonner Oper auf den Weg gemacht, darin das Bühnenbild, Kostüme und natürlich auch ein Großteil der Instrumente des Beethoven Orchesters.

Der Aufbau erfolgte in Zusammenarbeit mit dem kleinen, engagierten Team des Hauses, eine Kooperation, die, wie von allen Seiten zu hören war, reibungslos funktionierte – wie überhaupt das ganze Gastspiel des Beethoven Orchesters und des Bonner Theaters.

Daniel Benoin, der Direktor des von einem schlanken Team von gut 30 Mitarbeitern geführten Hauses, war jedenfalls voll des Lobes für die Gäste aus Bonn, wo er im Übrigen kein Unbekannter ist. In den 90er Jahren inszenierte er am Bonner Schauspiel. Auch Generalintendant Bernhard Helmich und Generalmusikdirektor Dirk Kaftan waren beide sichtlich angetan vom hypermodernen Musentempel und der Gastfreundschaft der ebenso effizient wie professionell arbeitenden französischen Kollegen. Sie haben hier nicht nur im übertragenen Sinn ein offenes Haus vorgefunden: Das Café in der obersten Etage ist öffentlich zugänglich, und von der Terrasse auf dem Dach bietet sich ein geradezu spektakulärer Blick vom Ligurischen Meer bis hin zu den letzten Ausläufern der französischen Seealpen.

Eine knackig-prägnante Ouvertüre

So ließen diese überaus positiven Erlebnisse auch manche logistische Unannehmlichkeit vergessen, etwa die geringe Zahl der Umkleiden oder der extrem schmale, dafür aber gut 40 Meter breite Orchestergraben – ein Planungsfehler, der bald beseitigt werden soll. Diese Herausforderung meisterte das Beethoven Orchester aber mit bewundernswerter Flexibilität, ebenso wie es sich auf die gänzlich andersartigen akustischen Verhältnisse auf der Bühne beim sonntäglichen Sinfoniekonzert einzustellen vermochte.

Dirk Kaftan dirigierte eine knackig-prägnante Ouvertüre zu der Mozart-Oper „Die Hochzeit des Figaro“, Ludwig van Beethovens „Eroica“ und das „Poème“ von Ernest Chausson, bei dem sich nicht nur das Orchester in satten, aber subtil facettierten Klangfarben präsentierte, sondern auch der erste Geiger des Orchesters, Mikhail Ovrutsky, als in jeder Hinsicht brillanter Solist von internationalem Format glänzte. Auch die „Traviata“, die man an den Vorabenden gegeben hatte, wurde vom Publikum enthusiastisch gefeiert. Olesya Golowneva (Violetta) und Pavel Valuzhin (Alfredo) gaben stimmlich ausgezeichnete Hauptdarsteller ab. Den stärksten Applaus erntete aber ein Bonner: Giorgos Kanaris, der seinen Giorgio in Höchstform sang. Und auch der Chor der Bonner Oper zeigte in Antibes wieder einmal, warum er zu den stärksten Aktivposten dieses Hauses gehört.

Insgesamt kann das gemeinsame Gastspiel von Beethoven Orchester und Theater Bonn als voller Erfolg gewertet werden: Alle Termine waren ausverkauft, Publikum, Veranstalter und Musiker waren durchweg begeistert. Hier konnte sich die Bonner Kultur offiziell von ihrer besten Seite präsentieren. Sie hat diese Chance genutzt.