Stadt mit den Ohren sehen

Stadtklangkünstler Akio Suzuki stellt Parcours in Bonn vor

BONN. Ein Hör-Parcours des Künstlers Akio Suzuki macht den Gang durch Bonn zum akustischen Ereignis. Auf zwei Routen kann man sich die Stadt erlaufen.

Für ihn sei es so wie eine „persönliche Sinfonie der Stadt“, sagt Akio Suzuki mit einem freundlichen Lächeln. Dann stellt er sich auf den „oto-date“-Punkt, schließt die Augen und lauscht in die Stadt hinein, nimmt die Stimmung in sich auf. Bonn hört sich immer wieder anders und neu an, diese Erfahrung hatte der Japaner schon 2014 als Teilnehmer des „Festivals Stadtklangkunst Bonn hoeren“ gemacht. Da legte er einen Hör-Parcours mit 24 Stationen („oto-date“ bedeutet Echopunkt) durch die Stadt. Jeder Punkt war durch ein markantes Symbol gekennzeichnet: ein Kreis mit zwei großen stilisierten Ohren, in die sich der Stadthörer hineinstellen kann. Auf der Berliner Museumsinsel, in Turin und Straßburg war Suzuki schon mit „oto-date“ aktiv.

Als die Beethovenstiftung Bonn den Japaner Anfang dieses Jahres als „Stadtklangkünstler Bonn 2018“ präsentierte, stand für den Kurator Carsten Seiffarth außer Frage, dass man das Projekt „oto-date“ revitalisieren sollte. So wurden fast alle Punkte wieder von Schutz und Unkraut befreit und neu gemalt. Auf zwei Routen kann man sich die Stadt erlaufen – zwei mal acht Echopunkte, hinzu kommen zwei Stationen am Kunstmuseum.

Am vergangenen Samstag stellten Suzuki und Seiffarth „oto-date bonn 2018“ vor. Startpunkt war Adrienne Goehlers äußerst sehenswerte Nachhaltigkeitsausstellung „Zur Nachahmung empfohlen!“ in der ehemaligen Volkshochschule in der Kasernenstraße. Goehler hatte Suzuki für eine Arbeit in die Ausstellung eingeladen.

Jeder Echopunkt hat seinen eigenen Charakter, das macht den Gang durch die City zum akustischen Ereignis. Wobei man dabei auch die Augen öffnen solle, rät der 77-jährige Japaner. Am Annagraben gerät er ins Schwärmen: Rücken an Rücken stellt er sich mit seiner Dolmetscherin auf den doppelten Echopunkt. Sie blickt in die graue Scheibe des Alexanderhauses, die auch die Geräuschkulisse reflektiert, er blickt in die Idylle der Schützenstraße, taucht ein in das gleichmäßige Grundrauschen, und lauscht dem Vogelgezwitscher.

Sehr schöne poetische Assoziationen

Wenige Schritte weiter bietet sich eine bizarre Konstellation, die Suzuki alle Konzentration abfordert. „Hier muss ich die Ohren aktivieren.“ Wir hören das von ferne heranrollende, dunkle Geräusch eines Autos, das sich der Ausfahrt der Friedensplatzgarage nähert. Eine Etage höher öffnet sich die Architektur des Landgerichtsneubaus zur Oxfordstraße und zu einem An- und Abschwellen des vorbeisurrenden Verkehrs.

Suzuki spricht bei seinen „oto-date“-Stationen auch von „Zen-Punkten“. Das sind Orte der Meditation, die den documenta-erprobten Klangkünstler bisweilen zu sehr schönen poetischen Assoziationen verleiten. Deren tieferer Sinn dann vom Rauschen der Straße fortgetragen wird. Vor der Garagenausfahrt sagt er: „Für mich ist das wie ein Blick in die Zukunft. Das mag ich.“

An einer markanten, spitz wie ein Tortenstück zulaufenden Stelle zwischen Thomas-Mann-Straße und Berliner Freiheit sinniert der Japaner, wie schwierig es ist, diese „zwei verschiedenen Welten“ der zwei Straßen zu trennen, indem man die Wahrnehmung teilt und dann wieder zusammenführt. Vom Berliner Platz, wo sich die U-Bahn in die Sinfonie der Stadt einklinkt, bis zum Kunstmuseum, wo man oberhalb des Cafés das Klangbiotop Museumsplatz auf sich wirken lassen kann, reicht Suzukis an Entdeckungen – er nennt sie Fokus- und Gefühlspunkte – reicher Parcours (der Plan kann unter www.bonnhoeren.de abgerufen werden).

Am 26. August kommt mit einer Performance im Kurpark Bad Godesberg eine weitere temporäre Station dazu. Akio Suzukis Klangkünstlerjahr endet dann mir einer Ausstellung im Kunstmuseum Bonn, die am 5. September eröffnet wird.