Das Ende einer Ära

Schauspielchefin Nicola Bramkamp blickt zurück

Die Koffer sind gepackt: Nicola Bramkamp vor ihrem Abschied.

Die Koffer sind gepackt: Nicola Bramkamp vor ihrem Abschied.

Bonn. Im Interview blickt Bonns Schauspielchefin Nicola Bramkamp auf ihre fünfjährige Amtszeit 
zurück: auf Erfolge wie "Bonnopoly" und ihre größte Niederlage, die sie mit der Schließung der Halle Beuel erlitt.

An diesem Freitag feiert das Schauspiel in den Kammerspielen mit der Revue „Starlight Exzess“ den Abschied von Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp, die nach fünf Jahren das Theater Bonn verlässt. Im Anschluss an diese bereits ausgebuchte Show steigt ab 22 Uhr noch eine große Party für alle bei freiem Eintritt eingeladen sind mitzufeiern. Zuvor blickt Bramkamp im Interview mit dem General-Anzeiger auf ihre Arbeit zurück. Die Fragen stellte Bernhard Hartmann.

Wie oft haben Sie sich Volker Löschs Inszenierung von Ulf Schmidts WCCB-Stück „Bonnopoly“ angesehen?

Nicola Bramkamp: Das ist immer eine Frage der Perspektive: Aus dem Zuschauerraum, von der Seitenbühne, als heimliche Beobachterin aus der Tonkabine... Auf jeden Fall recht häufig. Auch, um die Reaktionen der Zuschauer und das stetige Anwachsen des Bürgerchores zu beobachten. Es ist ein großartiges Ensemble hier in Bonn und bei „Bonnopoly“ geben die Schauspieler mal wieder alles. Das kann man gar nicht oft genug sehen!

Wie viel von Ihrem Ideal von dem, was zeitgenössisches Theater leisten muss, finden Sie in diesem Stück wieder?

Bramkamp: Mir ist es wichtig, dass Theater auf aktuelle brennende Fragen reagiert, die Menschen miteinander in den Dialog bringt und bewegt. Das ist uns bei diesem Stück alles gelungen. Es ist toll, wenn Theater Stadtgespräch ist. Auch, wenn nicht allen gefällt, was Volker Lösch, vor allem auch im zweiten Teil, politisch aufs Tablett bringt. Aber genau darum geht es ja in der Demokratie: diskutieren, ringen, mitgestalten. Und diesen partizipativen Aspekt finde ich sehr gut. Es ist schon etwas Besonderes, wenn das Theater für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt seine Bühne öffnet und die Menschen einlädt, ihre Utopie von Bonn zu verkünden.

Als Sie nach Bonn kamen, war eines ihrer Anliegen die Vernetzung des Theaters mit der Stadt. Wie schwierig hat sich das gestaltet? Sind Sie mit dem Ergebnis unterm Strich zufrieden?

Bramkamp: Ich bin sehr zufrieden mit der Vernetzung in die Stadt, mit den Kooperationen und Allianzen mit anderen Kulturinstitutionen wie der Bundeskunsthalle, dem Beethovenfest, dem Rhizom und vielen anderen. Unser Anspruch war es darüber hinaus, Menschen zu erreichen, die nie oder sehr selten ins Theater gehen. Das ist uns durch die Abende von Volker Lösch wie zum Beispiel „Nathan“ und „Bonnopoly“ gelungen. Aber auch durch viele ungewöhnliche Projekte, wie zum Beispiel Young Planet oder dem Kunstcamp, wo wir Angebote für geflüchtete Jugendliche und Bonner Schüler gemacht haben.

Und natürlich nicht zu vergessen unser Nachhaltigkeitsfestival „Save the world“. Da haben wir mit den Wissenschaftsinstituten, der UN, den NGOs eng zusammen gearbeitet und mit dieser Arbeit Neuland betreten. Bonn als UN- und Wissenschaftsstadt hat hier unglaublich viel zu bieten! Überrascht hat mich, wie schwer es ist, junge Leute, vor allem auch Studierende, nach Bad Godesberg zu locken. Deshalb bin ich froh, dass nach Jahren der Planung jetzt endlich das Semesterkulturticket eingeführt wird. Das war in der Realisierung leider sehr langwierig.

Sie gehen gern dahin, wo es weh tut: Dafür steht „Bonnopoly“ ebenso wie der „Nathan“ nach Lessing, der mit Spieltexten von Muslimen in den Kammerspielen aufgeführt wurde und auch die Salafisten-Szene thematisierte. Thomas Melle hat in „Bilder von uns“ den Missbrauch in einer Bonner Schule thematisiert. Welche positiven und negativen Reaktionen haben Sie darauf erhalten?

Bramkamp: „Nathan“ hat viele Menschen eher versöhnt und Vorurteile gegenüber den Musliminnen und Muslimen abgebaut. Es hat die Zuschauer nachdenklich gemacht, das gleiche passierte bei „Bilder von uns“. Da gab es sehr positive Reaktionen. Bei „Bonnopoly“ ist das extrem spannend: Jede Vorstellung ist ausverkauft, wir könnten das sicher noch Jahre spielen. Aber natürlich gefällt nicht jedem in Politik und Verwaltung, wie detailliert und wie tief wir hier bohren und buchstäblich „im Schlamm wühlen“. Und auch die Diskussion darüber, was Bonn für eine Perspektive entwickeln soll, wird hitzig geführt.

Würden Sie sagen, dass das Theater in Ihrem Sinne tatsächlich zum „Stadtgespräch“ geworden ist?

Bramkamp: Ja, bei einigen Inszenierungen sicher. Da haben wir richtig was angestoßen. Aber vor allem in den ersten Jahren ging es beim Thema Theater in Stadt und Presse eigentlich immer nur um einsparen und klein schrumpfen. Über die Kunst wurde wenig geredet. Das hat mich sehr irritiert und zuweilen richtig geärgert. Theater ist doch kein Spielball für kulturpolitische Grabenkämpfe. Und vor allem kein Konkurrent vom Sport. Leider war das viel öfter Stadtgespräch als unsere Stücke. Da mussten wir oft schon sehr laut brüllen auf der Bühne, um gehört zu werden.

Ihr politisches Engagement geht über die eigentliche Theaterarbeit hinaus. In diesem Jahr hatten Sie gemeinsam mit der Schauspielerin Lisa Jopt zur Konferenz „Burning Issues“ eingeladen, um Arbeitsbedingungen von Frauen am Theater zu diskutieren. Wie wichtig ist eine solche Diskussion? Werden Sie dieses Engagement weiterverfolgen?

Bramkamp: Ein Theater leiten heißt ja, neben der Kunst auch Arbeitsbedingungen zu gestalten. Und was wir auf der Bühne verkünden, sollten wir dahinter auch ernst nehmen. Da gibt es noch viel zu tun. Und da werde ich mich weiter engagieren, nicht nur für die Gleichstellung von Frauen. Überhaupt geht es darum, die Arbeitsbedingungen für die häufig prekär beschäftigten Künstlerinnen und Künstlern zu verbessern. Und für den Erhalt der Theater und die Verbesserung der Strukturen zu kämpfen.

Welche Nachteile haben Sie selbst als Frau und Mutter am Theater erfahren?

Bramkamp: Es ist nicht immer leicht, sich als Frau, vor allem als junge Frau, Gehör zu verschaffen. Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen, das ist der Balanceakt, den viele Frauen machen müssen. Auffällig ist am Theater die ungleiche Bezahlung von Männer und Frauen. Gerade im Kulturbereich ist Deutschland europäisches Schlusslicht. Davon bin beziehungsweise war ich natürlich auch betroffen.

Wie hat sich die Schließung der Halle Beuel auf Ihre Theaterarbeit ausgewirkt?

Bramkamp: Das war ein großer Verlust und für mich einer der wichtigsten Auslöser, meinen Vertrag nicht zu verlängern. Die Halle Beuel war das Herzstück des Kulturkonzeptes 2022 von Kulturdezernent Schumacher. Es war mein Auftrag zum Amtsantritt, eine interdisziplinäre Belebung dieses Areals zu konzipieren und darauf habe ich mich sehr gefreut. „Save the World“, das Kunstcamp mit Geflüchteten und Schülern, die „Genießt es...“-Partys, die spektakulären Inszenierungen wie zum Beispiel „Herz der Finsternis“ und „Königsdramen“, das alles war Teil eines größeren Plans, der dann ein jähes Ende fand.

Wie hat Ihr Ensemble darauf reagiert? Ist es nicht eine enorme Einschränkung seiner Möglichkeiten?

Bramkamp: Das Ensemble war total konsterniert und vor den Kopf gestoßen. Die Entscheidung wurde ohne unsere Beteiligung, also ohne das Anhören des Schauspiels getroffen. Alleine das war schon ein Affront, den man erst einmal wegstecken musste.

Generalintendant Bernhard Helmichs Interesse liegt eher bei der Oper. War es schwierig, sich bei ihm immer Gehör zu verschaffen?

Bramkamp: Das liegt in der Natur der Sache. Wenn die Luft eng wird, der Druck groß, bleibt wenig Zeit für konstruktive Diskussionen. Ich nehme ihm das persönlich nicht übel, fand es in der Sache aber eine fatale Entscheidung zur einseitigen Last des Schauspiels.

Bei der Auslastung ist ja durchaus noch Luft nach oben. Hätten Sie im Nachhinein dem Publikum mehr Klassiker anbieten sollen?

Bramkamp: Interessanterweise sind es gerade die Romanbearbeitungen wie „Unterleuten“, „Hiob“ und „Buddenbrooks“ sowie Projekte wie „Waffenschweine“, „Bonnopoly“ und „BND – Big Data is watching you“, die die höchste Auslastung hatten. Klassiker wie „Schmutzige Hände“ von Sartre oder selbst „Romeo und Julia“ blieben da hinter den Erwartungen zurück. Es ist also eher eine Frage der Inszenierung als der Stoffe. Und übrigens: unsere Auslastung ist sehr zufriedenstellend. Ökonomisch stehen wir super da: Wir haben den Einnahmerekord in der Geschichte des Schauspiels erreicht.

Reizt es Sie, nach Bonn noch einmal ein Theater zu leiten?

Bramkamp: Ja, klar. Und natürlich weiter die Welt retten. Das ist ja meine nächste Station: das Kulturprogramm bei der nächsten Weltklimakonferenz der UN in Polen.