Progressive Zeitreise

Riverside, Fish und Jethro Tull rocken den KunstRasen

Die Classic Rocknacht auf dem KunstRasen.

Auf dem Bonner KunstRasen fand am Samstagabend die Classic Rocknacht statt. Auf der Bühne: Riverside, Fish und Jethro Tull.

Der einfachste Weg ist nicht immer der beste. Schon gar nicht in der Musik, wo unerwartete Wendungen und neue Perspektiven oft spannender sind als die hinlänglich ausgetretenen Wege. Auf dem KunstRasen haben nun drei Formationen eine kleine Zeitreise durch die Geschichte des Progressive Rock ermöglicht: die polnische Band Riverside, die sich in den vergangenen 15 Jahren einen festen Platz in der aktuellen Szene erspielt hat; Solo-Künstler Fish, der in den 80ern mit Marillion die zweite Welle jener experimentierfreudigen Spielart maßgeblich beeinflusste; und Jethro Tull, die mit ihrem spiritus rector Ian Anderson in den 70ern zur Speerspitze einer Genre-übergreifenden Musik zählten. Aufregende Klänge, die nichts von ihrer Faszination verloren haben – und die zumindest von manchen durchaus noch geschätzt werden.

Schon um 17 Uhr legt mit der seltsam ziellosen niederländischen Rock-Formation Vanderlinde die erste Band los, die sich von Indie-Pop bis Hardrock bei so ziemlich allem bedient, was irgendwie klingt, als könnte man es gebrauchen. Dabei bleibt die Musik aber zu unstet, so als wüssten Vanderlinde nicht so genau, was sie eigentlich wollen. Das können sich Riverside, die eine halbe Stunde später auf die Bühne kommen, dagegen nicht vorwerfen lassen. Obwohl die Stimmung der rund 3000 Besucher des KunstRasens nicht zuletzt wegen einsetzenden Regens zunächst noch verhalten ist, legen der fantastische Bassist und Sänger Mariusz Duda, Drummer Piotr Kozieradzki und Keyboarder Michal Lapaj zusammen mit Tourgitarrist Maciej Meller von der ersten Sekunde an kraftvoll los und erzielen vor allem mit den düsteren Songs ihres aktuellen Albums „Wasteland“ eine fast schon hypnotische Wirkung.

Längst sind die Vier Porcupine Tree näher als Dream Theater, erzeugen aber mit ausladenden Klanggewittern und immer wieder neuen Überraschungen eine reizvoll dräuende Atmosphäre. Spannend, wenn man sich darauf einlässt. Das Publikum tut es: Auch wenn die Polen weder den durchgehend brachialen Soundtrack für ein ekstatisches Schütteln des mehr oder minder wallenden Haupthaars noch die radiotauglichen Gute-Laune-Grooves von derzeit angesagten Rock-Ikonen wie Volbeat liefern, ist die Menge von dem komplexen Sound überaus angetan.

Dennoch wird es auf dem Platz noch einmal lauter, als Fish die Bühne betritt. Der Schotte hat sich über die Jahre eine kleine, aber loyale Fan-Gemeinde erspielt, die den 61-Jährigen bei seinem letzten Konzert als Europäer auf dem KunstRasen feiert. Der überzeugte Brexit-Gegner greift bei seinem Auftritt vor allem auf neuere Songs wie etwa „Man With A Stick“ zurück, dürfte sich aber gerade bei dieser Nummer nicht wundern, dass er mal wieder mit Peter Gabriel verglichen wird - dazu gibt es schlichtweg zu viele Parallelen zum Werk des ursprünglichen Genesis-Frontmanns. Beim Publikum kommt die epische Musik von Fish auf jeden Fall hervorragend an, und als er dann auch noch Klassiker wie das überwältigende "Vigil In A Wildernis of Mirrors" oder den Marillion-Hit "Lavender" auspackt, gibt es ohnehin kein Halten mehr.

Weiter geht es in der Zeit zurück, mehr als 50 Jahre in die Vergangenheit, hin zu Ian Anderson und zu Jethro Tull. Ersterer ist auch heute noch ein brillanter Querflötist, der immer wieder mit angewinkeltem Bein sein Instrument in neue Sphären entführt und dabei seine 71 Jahre zumindest teilweise vergessen lässt. Die merkt man eher beim Gesang, der immer wieder schwächelt und zunehmend einem Knarzen ähnelt. Zum Glück haben Jethro Tull schon immer mehr Wert auf die instrumentalen Passagen gelegt. Und das nutzt Anderson geschickt aus, arbeitet sich systematisch an der Chronik seiner Band ab, beginnt mit Raritäten wie „Dharma For One“ und wendet sich erst in der zweiten Hälfte des Konzerts den großen Hits wie „Songs From The Wood“ oder „Aqualung“ zu. Schon nach 80 Minuten ist er damit durch – wenig für ein einzelnes Konzert, aber völlig ausreichend für diesen abwechslungsreichen Abend.