Museum in Bonn

Das Haus der Geschichte feiert Geburtstag

„Wir sind das Volk“: Das Kapitel zum Mauerfall mit Trabi, bemalten Mauerfragmenten und TV-Bildern vom Mauerfall am 9. November 1989 zählt zu den emotionalsten Momenten der Dauerausstellung.

„Wir sind das Volk“: Das Kapitel zum Mauerfall mit Trabi, bemalten Mauerfragmenten und TV-Bildern vom Mauerfall am 9. November 1989 zählt zu den emotionalsten Momenten der Dauerausstellung.

Vor 25 Jahren wurde das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn von Bundeskanzler Helmut Kohl eröffnet. Wir sprechen im Interview mit dem Präsidenten der Stiftung, Hans Walter Hütter.

Das Bonner Haus der Geschichte feiert Geburtstag: Vor 25 Jahren wurde dieses Museum eröffnet, ein Geschichtslabor in stetiger Entwicklung: Geschichte will möglichst aktuell und auf dem neuesten Stand reflektiert und erzählt werden. Hans Walter Hütter, seit 2007 Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, ist von den Anfängen an dabei, hat den Erneuerungsprozess der Dauerausstellung geprägt und begleitet, weiß, was es bedeutet, sich dem gewandelten Rezeptionsverhalten eines sehr heterogenen Publikums anpassen zu müssen. Mit Hütter sprach Thomas Klieman.

„Der Leitgedanke, Zeitgeschichte in Geschichten zu erzählen, spiegelt sich in der Ausstellung“. Dieser Satz steht in dem sehr gelungenen neuen Buch über die Dauerausstellung des Hauses der Geschichte. Wie hat sich dieses „Geschichte erzählen“, dieses Narrativ, in den letzten 25 Jahren verändert?

Hans Walter Hütter: Zunächst möchte ich auf die Konstanten eingehen. Geblieben ist, dass wir bereits sehr früh unsere Zielgruppen bewusst ins Auge gefasst haben. Und wir erzählen Geschichte nicht abstrakt, sondern personalisiert, durch persönliche Geschichtserlebnisse. Hierbei wollen wir informieren, aber auch Emotionen ansprechen und zur Meinungsbildung anregen.

Was hat sich verändert?

Hütter: Das Rezeptionsverhalten der Besucherinnen und Besucher hat sich signifikant verändert. Hierbei spielen die digitale Welt und die Lesegewohnheiten wichtige Rollen. Immer weniger Texte werden in der Ausstellung gelesen, Informationen werden auch während des Ausstellungsbesuches immer häufiger unmittelbar aus dem Internet geholt. Auf diese Veränderungen muss man reagieren. Die Ausstellungssprache und -gestaltung haben sich entwickelt. Nach wie vor sind die einzelnen Objekte Kern unserer Ausstellungen. Doch der Rahmen, das Umfeld, in dem die Objekte präsentiert werden, haben eine neue Form.

Wie geht man damit um?

Hütter: In der Vergangenheit wurden Objekte in unseren Ausstellungen in einem opulenteren Umfeld präsentiert. In jüngerer Zeit wird das Angebot eher reduziert, konzentriert. Die Aufmerksamkeit wird so direkter auf das Thema, die zentrale Botschaft hingeführt. Insgesamt ist die Ausstellungssprache klarer geworden.

Welche Rolle spielen die O-Töne, die Beiträge von Zeitzeugen in der Ausstellung?

Hütter: Wir haben schon von Beginn an in unseren Ausstellungen Zeitzeugen in kurzen Beiträgen zu Wort kommen lassen. 2011 haben wir eine eigene Zeitzeugenlinie in die Dauerausstellung integriert. Durch das vor zwei Jahren geschaffene Zeitzeugenportal ist die personenbezogene Geschichtserzählung in unseren Ausstellungen noch verstärkt worden.

Die Ausstellung umfasst 70 Jahre. Das sind drei Generationen. Wie werden Sie denen gerecht?

Hütter: Wichtig ist, für den einzelnen Betrachter einen Bezug zu seiner Lebenswirklichkeit, einen Gegenwartsbezug zu schaffen. Der eine Gast wird eher durch Zeitzeugen angesprochen, der andere durch herausgehobene Objekte. Durch den zeitlichen Abstand kann sich auch die Aufmerksamkeit für ein Thema verändern. Dann bietet sich an, eine andere Gestaltung zu wählen, ohne zwangsläufig die Vermittlungsziele zu ändern. Hierbei ist die große Kunst, aus der Fülle der Themen zielgruppenorientiert auszuwählen und zu reduzieren.

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“, dieser Ausspruch von Helmut Kohl ist in Zeiten von Fakenews, alternativen Fakten und einer aufkommenden Rechten, die die historische Unwissenheit von Teilen der Bevölkerung für ihre ideologischen Ziele ausnutzt, von erschreckender Aktualität. Wie politisch sind Geschichte, ihre Deutung und Präsentation?

Hütter: Zunächst: Geschichte ist die Konstruktion von Vergangenheit in der jeweiligen aktuellen Gegenwart, so ist Geschichte immer auch politisch. Wir konstruieren in unserer Lebenswirklichkeit aus der Masse des Vergangenen Geschichte, die wir letztlich zeigen. Die Art der Präsentation, die Schwerpunktsetzung spielen hierbei eine gravierende Rolle. Museen haben eine doppelte Funktion: Sie vermitteln Geschichte in einer Auswahl, sie schaffen und transportieren Geschichtsbilder. Hierdurch tragen Einrichtungen auch eine große Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft.

Wie meinen Sie das?

Hütter: Ein gutes historisches Fachbuch erreicht heute Auflagen von 3000 bis 5000 Exemplaren. Der historische Roman hat häufig viel höhere Auflagen, hat dadurch die Qualität, ein Geschichtsbild zu schaffen, das allerdings möglicherweise gemessen an wissenschaftlichen Standards fragwürdig ist. Doch der Roman erreicht viele Menschen, der Film noch mehr. „Ben Hur“ etwa prägte trotz zahlreicher nachgewiesener historischer Fehler das Geschichtsbild der Antike für Generationen. Im Haus der Geschichte zählten wir seit der Eröffnung mehr als 13 Millionen Besucherinnen und Besucher allein in der Dauerausstellung. Diese Menschen haben mit anderen darüber gesprochen, die Medien haben breit berichtet. Damit hat ein Haus dieser Art eine in der Breite und in der Tiefe agierende Wirkung. Historische Museen vermitteln Vergangenheit in Geschichtskonstrukten und schaffen hierdurch ein eigenes Geschichtsbild.

Dabei gab oder gibt es doch bestimmt Versuche von Seiten der Politik, Einfluss auf die Deutung der Geschichte zu nehmen. Unausrottbar ist der Vorwurf, Helmut Kohl habe versucht, aus dem Haus der Geschichte ein Kohl-Museum zu machen, das seine Interpretation der Historie transportiert.

Hütter: Der Initiator des Hauses der Geschichte, Helmut Kohl, hat nie Einfluss genommen auf Inhalte und Methoden des Museums. Das Konzept ist auf breitem politischem und gesellschaftlichem Konsens entstanden. Die Multiperspektivität ist ein wichtiges Prinzip des Hauses: Die Ausstellungen und Veranstaltungen wollen auf wissenschaftlicher Basis Informationen vermitteln und zur Meinungsbildung anregen. Wir werden permanent von Tausenden Augen und Köpfen kontrolliert, die Besucherinnen und Besucher würden eine einseitige Präsentation nicht akzeptieren. Hinzu kommt die unentwegte Beobachtung durch die traditionellen wie auch elektronischen Medien. Und unsere Gremien: Jede Ausstellung diskutieren wir ausführlich mit dem Wissenschaftlichen Beirat. Dort sind unterschiedliche Generationen, Fachrichtungen und wissenschaftspolitische Ausrichtungen vertreten. Das Gleiche gilt für den Arbeitskreis gesellschaftlicher Gruppen. Das Kuratorium entscheidet über die Grundlinien des Programms, greift aber operativ nicht ein.

2017 haben Sie bei einem unserer Gespräche gesagt: Nach dem Umbau ist vor dem Umbau. Wann ist denn die nächste Rochade in der Dauerausstellung? Und was ist geplant?

Hütter: Anfang 2019 haben wir im Haus mit dem Gedankenaustausch begonnen: Wie soll eine zeitgemäße historische Ausstellung in dieser Größe aussehen, die für erneut 20 Jahre auf Besucherinteresse stößt? Die ersten Meinungen hierüber gingen sehr weit auseinander. Doch eines wurde deutlich: Das Objekt wird weiterhin im Vordergrund stehen! Aber in welchem Umfeld, wird noch zu diskutieren und zu entscheiden sein. Wir müssen die veränderten Rezeptionsgewohnheiten ebenso berücksichtigen wie verändertes Freizeitverhalten und selbstverständlich auch die aktuellen Forschungsergebnisse. Nach dem Jubiläum werden wir uns erneut zusammensetzen, im folgenden Jahr die Diskussion mit den Gremien beginnen. Dann nimmt das Projekt Fahrt auf. Von heute an gesehen wird die Erneuerung der Dauerausstellung in Bonn in vier bis fünf Jahren zu realisieren sein, die nötige Finanzierung vorausgesetzt.

 

 

Ist die Ausstellungshalle nicht irgendwann zu klein für so viel Geschichte?

Hütter: Nein, überhaupt nicht! Die Aufmerksamkeit der Gäste ist nach rund zwei Stunden in aller Regel erschöpft. Die Herausforderung ist, neu zu gewichten. Die begrenzte Fläche ist auch ein heilsames Instrument in der Diskussion. Wir fragen uns: Ist die chronologische Anordnung immer noch für die Zielgruppen am besten geeignet? Wenn auch die Chronologie in der Geschichte ein eingeübtes Strukturelement ist, könnte auch eine thematische Gliederung erfolgen. Oder Kombinationen von beiden? Ich will auf jeden Fall mehr partizipative und interaktive Elemente integrieren. Das Gesamterlebnis Ausstellung soll gestärkt werden. Mein Ziel sind vernetzte Geschichtslandschaften, analog und digital.

Die Stiftung Haus der Geschichte hat in den letzten Jahren expandiert, ist mit dem Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig, dem Tränenpalast und der Kulturbrauerei in Berlin präsent. Sind weitere Erweiterungen geplant?

Hütter: Derzeit nicht. Das Haus in Leipzig haben wir 1999 eröffnet und 2018 die Dauerausstellung dort völlig erneuert. Der Tränenpalast verzeichnet wachsenden Zuspruch, hatte im vergangenen Jahr mehr als 300 000 Besuche auf 500 qm Fläche. Die Schau in der Kulturbrauerei ist schon überarbeitet, beide Ausstellungen in Berlin sind noch einige Jahre up to date. Man darf auch nicht die historischen Orte vergessen, die wir in Bonn betreuen: Im Bundesrat haben wir z.B. 2016 die Ausstellung „Unser Grundgesetz“ eröffnet.

Am 15. Dezember werden Sie 65. Was dann, Herr Präsident?

Hütter: Wir haben noch viel zu tun.

Sie hätten Lust auf mehr?

Hütter: Die Erneuerung der Dauerausstellung in Bonn, das neue Zen-traldepot und ein umfangreiches Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm erfordern die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen.

Also noch kein Abschied?

Hütter: Warten wir ab.