Klasse statt Masse

Christine Prayon begeistert im Pantheon

Subversiver Spott: Kabarettistin Christine Prayon.

Subversiver Spott: Kabarettistin Christine Prayon.

Bonn. Sie besitzt Furor und leidenschaftlichen Spott, und sie hat hinter aller Skurrilität sehr ernsthafte Anliegen. Christine Prayon begeisterte im Pantheon.

Ein Abend mit Christine Prayon steckt voller Überraschungen. Auch für den, der glaubt, die Künstlerin inzwischen recht gut zu kennen. So richtet die Schauspielerin und Kabarettistin zu Beginn ihrer jüngsten Vorstellung im Pantheon ein Geleitwort ans Publikum. „Ich spiele das Programm seit fast neun Jahren, und es gibt ganz viele Varianten davon“, sagt die Wahl-Stuttgarterin. „Wenn ich im Zug sitze und zum nächsten Veranstaltungsort fahre, überlege ich immer, welche Variante ich spielen soll.“ Und in Bonn stehe sie vor einer besonderen Herausforderung. Auch, weil sie eine gebürtige Bonnerin ist.

Vorhersehbares „Bestätigungskabarett“ wolle sie dem geneigten Auditorium in dem „subversiven, linksextremen Widerstandsnest“ namens Bonn keinesfalls zumuten, erklärt Christine Prayon. Sie sieht sich knapp neun Jahre nach der Uraufführung der „Diplom-Animatöse“ mit mannigfaltigen Erwartungshaltungen konfrontiert. Die mit dem Prix Pantheon, dem Deutschen Kabarettpreis und dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnete Künstlerin hat als festes Ensemblemitglied der ZDF-Satiresendung „heute show“ eine große Anhängerschar hinzugewonnen.

Bedient nicht den Massengeschmack

Den Massengeschmack bedient Prayon aber ebenso wenig wie die Jünger von Birte Schneider, wie ihre Kunstfigur in der „heute show“ heißt. Die passionierte Schwimmerin (ganz am Ende des Programms wird sie wieder im Badeanzug Mario-Barth-Zeilen deklamieren) irritiert und demaskiert, sie besitzt Furor und leidenschaftlichen Spott, und sie hat hinter aller Skurrilität sehr ernsthafte Anliegen.

Die erste Hälfte des Abends widmet sie ihrer Bühnenfigur Scarlett Schlötzmann, die nur anfangs einen unterbelichteten Eindruck hinterlässt. Anhand von Tagebucheinträgen und Briefwechseln aus unterschiedlichen Lebensjahren erschafft Prayon das tragikomische Porträt einer irrlichternden, geschundenen und kämpferischen Frau – und schwenkt damit über zu einer feministischen Bestandsaufnahme. Kabarettkollegen von ihr betrachteten die Emanzipationsdebatte als erledigt, seit Angela Merkel Kanzlerin ist, berichtet Prayon. So einfach macht sie es sich wahrlich nicht: „Feminismus ist kein Randgebiet.“

In der zweiten Hälfte demonstriert sie ihre enorme Wandlungsfähigkeit. Die abgerockte Chansondiva als Fassade, hinter der Identitäten und Chronologien auf links gedreht werden – brillant. Die Karikatur eines italienischen Machos (als Chiffre stellvertretend für tradierte männliche Muster), zwischen Eiscafé-Casanova und Campingplatz-Papagallo angelegt – bitterböse. In der Zugabe schließlich zeigt Christine Prayon, was sie von den Legionen süßlicher junger Frauen hält, die durch die Mechanismen der Poetry-Slam-Branche zu neuen Kabaretthoffnungen stilisiert werden. Eine superbe Abrechnung mit einem Genre, in welchem die Mittelmäßigkeit zur Kunstform erhoben wird.