Manfred Osten hat Geburtstag

Bonner Goethe-Experte, Musiker und Jurist wird 80

Gelehrter und Jurist: Manfred Osten.

Gelehrter und Jurist: Manfred Osten.

Bonn. Der Bonner Goethe-Experte, Musiker und Jurist Manfred Osten wird 80 Jahre alt. Als Diplomat lernte er die asiatische und afrikanische Kultur kennen. In Australien spielte er Tutti-Bratsche in der Oper.

Wer sich im Alter von 79 Jahren aufmacht, ein Buch über das Glück zu schreiben, mit dem kann es das Leben nicht ganz schlecht gemeint haben. Der Bonner Autor und Gelehrte Manfred Osten hat dies im vergangenen Jahr getan. Und wie so häufig schon zuvor war Johann Wolfgang Goethe ihm Inspiration und Gegenstand seiner Ausführungen: „'Gedenke zu leben! Wage es, glücklich zu sein!' – oder Goethe und das Glück“ , heißt das 120 Seiten schmale Bändchen (Wallstein, 18 Euro). An diesem Freitag wird der frühere Diplomat und langjährige Generalsekretär der in Bonn ansässigen Alexander-von-Humboldt-Stiftung 80 Jahre alt und blickt auf ein Leben zurück, dessen Reichtum sich nicht in Geld, sondern in der Fülle des Erlebten ermessen lässt. Wobei ihm Goethes Schriften bis heute treue Weggefährten sind.

Ostens Faszination für Goethe reicht bis in die früheste Kindheit zurück. Sein Vater, der, um nicht verrückt zu werden, den „Faust“ und andere Klassiker während eines sehr langen Lazarett-Aufenthalts nach einer Verwundung im Ersten Weltkrieg auswendig gelernt hatte, rezitierte gern daraus, wenn er sich mit dem Sohn an der Hand auf den Weg von dem Heim der Familie im mecklenburgischen Ludwigslust zu seiner Arbeitsstelle, dem Wasser- und Schifffahrtsstraßenamt in Grabow, machte.

Es mag vielleicht verwundern, dass der junge Mann trotz dieser nachhaltigen Prägung das Studium der Philosophie, Musikwissenschaften und Literatur ins Nebenfach drängte und – wegen der vielfältigeren beruflichen Perspektiven – die Rechtswissenschaften zum Hauptfach erkor. Sein Abitur hatte Osten, dessen Familie 1952 mit vier Kindern in die Bundesrepublik geflüchtet war, in Bad Iburg gemacht. Das Studium führte ihn dann nach Hamburg, München und nach Luxemburg, wo er internationales Recht belegte. Philosophie, Dichtung und Musik blieben dem wissenshungrigen jungen Mann immer Referenzen im Denken und Handeln, auch in seiner Dissertation „Über den Naturrechtsbegriff in den Frühschriften Schellings“, in der er klug seine intellektuellen Neigungen verknüpfte.

Mit seinen Überlegungen zur Wahl seines Hauptstudienfachs sollte Osten richtig liegen. Seit 1969 war er 25 Jahre lang im diplomatischen Dienst, der ihm zu dem Glück verhalf, die Welt kennenzulernen, mit Stationen in Frankreich, Kamerun, im Tschad, in Ungarn, Australien und Japan. Dort, wo es ihn hin verschlug, lebte er nicht wie in einem Kokon, sondern nahm Anteil. Er lernte die afrikanische Gelassenheit und Lebensfreude zu schätzen und vertiefte sich in die japanische Kultur. In seinem Buch „Die Erotik des Pfirsichs“ (Suhrkamp) porträtierte er zwölf japanische Schriftsteller.

In Australien besuchte als stellvertretender Generalkonsul gemeinsam mit seiner Frau Ute regelmäßig die Oper in Melbourne, verfolgte die Vorstellungen allerdings nicht von der Diplomatenloge (wenn es dort so etwas geben sollte) aus, das Paar saß vielmehr im Orchestergraben: Er tat dort im Nebenberuf zwei Jahre lang als Tutti-Bratschist Dienst, sie spielte die Violine.

Dass Osten mit Frau und drei Kindern alle paar Jahre den Wohnort wechseln musste, hielt ihn nie davon ab, der fortschreitenden Beschleunigung des Lebens kritisch gegenüberzustehen. Auch da wurde er bei Goethe fündig. In seinem Buch „Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit“ (Insel Verlag) von 2003 verweist er auf geradezu visionär hellsichtige Gedanken des Dichters, der 1825 an seinen Freund Zelter schrieb: „Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren.“ Osten identifiziert Goethe mit solchen Gedanken sehr überzeugend als Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts.

Manfred Osten ist ein gern gesehener Moderator und Gesprächsgast sowohl in kulturellen und wissenschaftlichen Zirkeln als auch im Fernsehen. Allein in mehr als 30 Sendungen war er Interview-Gast in Alexander Kluges Kulturmagazin „10 vor 11“.

Doch auch die Musik ist immer ein wesentlicher Teil seines Lebens geblieben. Nach wie vor spielt er die Bratsche und ist in seiner Wahlheimat Bonn zudem als Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde des Beethoven Orchesters und Ehrenvorsitzender des Vereins Schumannhaus präsent. Letzterer richtet ihm an diesem Freitagabend einen Empfang aus. Es wird musiziert und – natürlich – geredet. Ostens Gesprächspartner ist der Philosoph Peter Sloterdijk, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbindet. Auch dies dürfte Osten als ein Glück empfinden.