Neue Emotionen: Ausstellung in Koblenz zeigt Arbeiten von Tony Cragg

Neue Emotionen : Ausstellung in Koblenz zeigt Arbeiten von Tony Cragg

Das Koblenzer Museum Ludwig zeigt Arbeiten des in Wuppertal lebenden, britischen Bildhauers Tony Cragg, dessen Skulptur "Mean Average" die Bonner Innenstadt schmückt.

Wann ist eine dieser in unendlichen, parallel aufgetürmten zerlaufenden Formen für den Bildhauer Tony Cragg überhaupt beendet, so stellt sich eine nicht zu beantwortende Frage. Tony Cragg, Bildhauer, Kunstprofessor und Träger des englischen Turner-Preises, des vielleicht wichtigsten europäischen Kunstpreises, beantwortet sie gern. „Ein Ende gibt es nicht, das Einzige, was mich interessiert und was immer aufregend bleibt, ist doch, dass man einfaches Material in der Hand hat, und dass man damit etwas macht, das mit Emotionen zu tun hat. Die Formen entwickeln sich dabei mit der Zeit.“ So erklärt der 1949 in Liverpool geborene Engländer sein Werk, das zur Zeit im polierten Hochglanz von 20 Skulpturen in Bronze, Eisen und Stahl, in Stein oder in Schichtholz und früher auch aus Plastikmüll und Fundstücken, im Ludwig Museum in Koblenz zu sehen ist.

Die perfekten Gebilde stehen in Spannung zu 40 Zeichnungen und Aquarellen, die eher spontan und handschriftlich wirken. Die Werke verteilen sich über zwei Etagen in dem schönen alten Deutschherren-Ordenshaus am Deutschen Eck in Koblenz. Und man sieht, beides ist bei Tony Cragg vorhanden: ein filigranes Beharren und Nachspüren von Formvarianten in den Zeichnungen und ein Schleifen, Auflösen und konturloses Ineinanderübergehen bis zu dem Punkt, wo ein neues Ganzes in einer Plastik gewagt wird. Alles aber hat mit Dynamik zu tun.

Psychologie und Soziologie

Titel wie „Me and Me“ (2012) docken an die Psychologie oder an die Soziologie an, Titel wie „Box“ (1999, Bronze) oder „Constructor“ (2007) an die Technik und Zivilisation. Bei „Hedge“ wird die Natur assoziiert, bei „Resonance“ die Musik.

Doch die Betrachter fühlen sich ebenso an den Windschliff in Sandsteinschichten erinnert, an geglättetes Gestein unter Wasser oder auch an menschliche Profilköpfe oder gar an zerfließende Türme aus Teig, an Amorphes und sich wieder Zusammenschließendes, für das es keine Namen gibt, was Bezeichnungen wie „Untitled“ auch bestätigen, denn jeder Name legt fest und das ist eigentlich falsch. „Zwischen Material und Gedanken“ verlaufe eine neue Formfindung, „neue Experimente führen zu neuen Worten, zu einer neuen mit Emotionen angereicherten Sprache“, so der philosophische Künstler, der heute in Wuppertal lebt und in Bonn spätestens 2014 durch die sechs Meter hohe Plastik „Mean Average“, die seitdem auf dem Blumenmarkt steht, bekannt wurde.

Gesellschaftskritik

Eine weitere Frage im Werk dieses nicht festzulegenden Künstlers gilt der Gesellschaftskritik. „In der Industrie macht man die einfachsten Formen“, erklärt der einst an den Kunstakademien Düsseldorf und Berlin lehrende Kunstprofessor, „und die Bildhauerei arbeitet wirklich dagegen, das ist wichtig“. Von unserer austauschbaren Städtearchitektur hält er gar nichts, aber befragt, was er sagen würde, wenn ein Architekt eine seiner vielfach zerklüfteten Plastiken zu einem gebauten Haus machen würde, meint der englische Künstler augenzwinkernd: „Das könnte doch niemand bezahlen.“ Man sieht aber auch einmal mehr in dieser Ausstellung die Lebendigkeit der Ludwig-Museen überhaupt, denn diese Ausstellung wurde im Frühjahr in der Fondación Ludwig de Cuba in Havanna gezeigt.

Bis zum 22. Oktober, Koblenz, Danziger Freiheit 1, geöffnet Di-Sa 10.30 bis 17 Uhr, Katalog in Vorbereitung.

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