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Beethoven-Marathon: Alle Neune

Beethoven-Marathon : Alle Neune

Mit einem Kraftakt startet das Jubiläumsjahr zum 250. Geburtstag von Beethoven: Das Beethoven Orchester spielt alle neun Sinfonien an einem Tag. Dazu gibt es noch Kabarett, Tanz, Theater und Konzerte - insgesamt 90 Termine.

Für Liviu Casleanu war es ein Zieleinlauf der besonderen Art. Nicht nur, dass der Konzertmeister gemeinsam mit dem Dirigenten Stephan Zilias das Beethoven Orchester (BOB) als Spielmacher im ausverkauften Bonner Opernhaus bis zum heroischen Siegestaumel der fünften Sinfonie Beethovens souverän anführte, es war zugleich auch sein letzter Arbeitstag.

Nach der Marathonstrecke von 33 Dienstjahren verabschiedete Casleanus Chef, Bonns Generalmusikdirektor Dirk Kaftan, den großartigen Geiger schweren Herzens in den Ruhestand: Ein bewegender, emotionaler Moment nach einem ereignisreichen Beethoven-Marathon zum Abschluss der Auftaktwoche zum Beethoven-Jubiläum mit allen neun Sinfonien, der zehn Stunden zuvor im Steigenberger Grandhotel auf dem Petersberg seinen vergleichsweise leisen Anfang genommen hatte.

„Wer ist auf diese bescheuerte Idee gekommen“, habe er sich am Morgen gefragt, berichtete Kaftan kurz vor dem Startschuss dem Publikum in der vollbesetzten Rotunde des Hotels. Dann habe er in den Spiegel geschaut und sich selbst gesehen... Zu dem Zeitpunkt hatte Kaftan freilich schon die Generalpoben zur sechsten und neunten Sinfonie, die am Abend neben der Fünften gespielt werden sollten, hinter sich gebracht.

Während also Bonns ehemaliger Opernkapellmeister Zilias die Probenarbeit mit der fünften Sinfonie fortsetzte, fuhr Kaftan mit einem Kammerensemble den Petersberg hoch, um zu Beginn des Marathons die dritte Sinfonie, die „Eroica“, in der klanglich abgespeckten Version einer ersten privaten Aufführung von 1804 im Wiener Palais Lobkowitz zu präsentieren. Aus der organisatorischen Not eine künstlerische Tugend zu machen ist nicht nur in diesem Fall gelungen.

Kammermusikalisches Erlebnis „Eroica“

Über den Tag verteilt waren die neun Sinfonien, flankiert von 80 weiteren Veranstaltungen in der ganzen Stadt, immer wieder in neuem Licht, in Varianten, Überschreibungen und mit Ergänzungen zu erleben. Im Fall der „Eroica“ mochte man zwar vor allem im Trauermarsch die emotionale Wucht des großen Orchesters vermissen, dafür aber hörte man ganz wunderbare Details, die Kaftan mit seinen Musikern zum Beispiel zu Beginn des Finalsatzes delikat herausarbeitete.

Dieser erste Teil war als klangliche Antiklimax aufgebaut. Nach der kammermusikalischen „Eroica“ folgte Karl Friedrich Ebers‘ Arrangement der ersten Sinfonie für eine Nonett-Besetzung, an deren Ausführung unter zupackender Leitung von Konzertmeister Mikhail Ovrutsky allerdings elf BOB-Musiker beteiligt waren. Danach übernahm als BOB-Stellvertreter der Bonner Pianist Fabian Müller, der allein am Klavier eine sensationelle Interpretation von Beethovens Sinfonie Nr. 7 in der Fassung von Franz Liszt hinlegte. „War doch anstrengend“, stellte er lapidar fest, als er am späten Abend im Opernhaus vorbeischaute, nachdem er sie im Beethoven-Haus ein zweites Mal  gespielt hatte.

Mit einem kleinen Zeitpuffer für einen Snack und ein Erfrischungsgetränk ging der Marathon unter Leitung des Dirigenten Alexander Rumpf um 17 Uhr in der ebenfalls nahezu ausverkauften Telekom-Zentrale weiter. Auf dem Programm: Beethovens Achte in einer sehr schrägen „Überschreibung“ für orientalische Instrumente, Klavier und Sinfonieorchester des anatolischen Komponisten Kemal Dinç, die den Witz der Sinfonie auf sehr eigene Weise klanglich fortführt. Nicht nur, dass die klassische Klangfarbe durch die exotischen Instrumente erweitert wurde, auch die Architektur der Sinfonie wurde immer wieder aufgebrochen, durch wilde Klaviersoli oder elektronische Verfremdungen. Die Sinfonie Nr. 4 erklang im Anschluss dann fast konventionell, obwohl sie durch die Verteilung der Bläser im Raum eine neue klangliche Dimension erhielt.

Die Aufführung der zweiten Sinfonie, für die sich das BOB auch für Laienmusiker öffnete, stellt den Marathon-Hörer dann vor eine Gewissensfrage: Da zwischen dem Ende der Sinfonie in der Telekom-Zentrale an der B9 und dem Beginn des Finales im Opernhaus das Zeitfenster nur 15 Minuten offenstehen würde, mussten wir die Marathonstrecke ein wenig abkürzen und die Zweite bedauerlicherweise links liegen lassen. Der Andrang im Opernhaus war dann ebenfalls enorm. Zur Sinfonie Nr. 6, der „Pastoralen“, schuf die Sandmalerin Aljona Voynova live ineinanderübergehende Bilder, die an die Bühnenrückwand projiziert wurden. Das Ergebnis war handwerklich beeindruckend, künstlerisch allerdings arg kitschig und fehlplatziert.

Die Neunte erklang dann mit enormer Wucht, für die ein riesiges Vokalensemble sorgte, das aus dem Opernchor, dem Philharmonischen Chor der Stadt Bonn und einigen in bunte landsmannschaftliche Trachten gewandeten Mitgliedern des Chors der Deutschen Welle bestand. Das Solistenquartett überzeugte mit Stimmen, die Bonner Operngängern wohlvertraut sind: Anna Princeva, Emma Sventelius, Mirko Roschkowski und Tobias Schnabel. Zusammen mit dem Beethoven Orchester gelang ihnen unter Kaftans Leitung eine packende und mitreißende Interpretation der Sinfonie.

Für einige im Publikum ein Abschluss, der nicht mehr zu überbieten gewesen wäre. Doch wer danach noch blieb, um die Fünfte unter Zilias zu erleben – und das war die große Mehrheit – wurde mit einer von Zilias souverän angeführten brillanten und temperamentvollen Interpretation belohnt. Es gab Standing Ovations, die erst Kaftan unterbrach, um seinen Konzertmeister zu würdigen. Wer wollte, konnte im Anschluss noch zu Klängen eines DJs im Foyer in die Verlängerung gehen.