Im Kino: Abschied von der DDR

Im Kino : Abschied von der DDR

„Adam und Evelyn“ nach dem Roman von Ingo Schulze kommt am Donnerstag ins Kino. Die politischen Veränderungen werden nicht sichtbar, sondern allenfalls als Radiomeldungen hörbar

Das Jahr ist 1989. Adam (Florian Teichtmeister) lebt in einer ländlichen DDR-Idylle. Jakobine Motz’ Kamera nimmt in den ersten Einstellungen des Films „Adam und Evelyn“ Naturimpressionen auf, ein pittoreskes Haus kommt ins Bild, eine Schildkröte bewegt sich gemächlich. Entschleunigung wird inszeniert.

In seiner Dunkelkammer entwickelt Adam Fotos von Frauen. Die Kamera bestimmt sein Leben und mehr noch die Schneiderei. Beides verbindet er mit einer einfühlsamen Hinwendung zu seinen Kundinnen. „Die Weiber kamen zu ihm, und er hat sie schön gemacht. Und wenn sie dann schön waren, hat er sie gebumst.“

Die nüchterne Bilanz stammt aus dem Mund von Adams Freundin Evelyn (Anne Kanis) – und aus der Feder des Autors Ingo Schulze, auf dessen Roman „Adam und Evelyn“ Andreas Goldsteins und Jakobine Motz’ Film basiert. Roman und Kinoadaption verbinden das Private mit dem Politischen, die Beziehungskrise und den sich anbahnenden Untergang der DDR.

Der Rahmen, den Goldstein und Motz (Buch und Regie) zeichnen, erscheint konventionell. Nach einem Streit verlässt Evelyn Adam mit einer Freundin und einem Westler in Richtung Ungarn. Adam reist in seinem Wartburg 311, Baujahr 1961, dem Mercedes des Ostens, hinterher. Während der Film das Thema Kabale und Liebe variiert und mit Verwicklungen, Irrungen und Wirrungen aufwartet, verändert sich die Außenwelt in diesem heißen Sommer 1989 auf dramatische Weise.

Die Konstruktion des auf leise Weise intensiven Films beruht auf den Prinzipien Langsamkeit, Verknappung und Aussparung. Goldstein und Motz, die auch für den Schnitt verantwortlich zeichnet, lassen Bilder sprechen und setzen atmosphärische Akzente. Knapp sind die Dialoge, oftmals stumm die Autofahrten.

So entstehen intime Szenen, die ihren Reiz aus dem Kontrast zwischen dem Bewusstsein und Handeln der Figuren und dem Veränderungsfuror um sie herum gewinnen. Die Veränderungen werden nicht sichtbar, sondern allenfalls als Radiomeldungen hörbar.

Widersprüchliche Heimat

Mit verhaltener Melancholie verabschieden sich die Filmemacher von der DDR. „Die DDR war trotz oder gerade wegen aller Beschwernisse eine widersprüchliche Heimat geworden. Sie bot Identität im Widerspruch. Der Staat selbst wurde nur in der Bundesrepublik infrage gestellt“, glaubt Andreas Goldstein. Die Ankunft im Westen empfindet Adam konsequent als Enttäuschung. Zu viel Überfluss, zu viel Hässlichkeit.

Anne Kanis und Florian Teichtmeister gewinnen als kongeniales Gegensatzpaar Profil. Den Konfrontationen des selbstzufriedenen Phlegmatikers und der gegen die Widrigkeiten des Alltags aufbegehrenden jungen Frau verdankt der Film seine komischen Momente.

Gleichzeitig transportiert „Adam und Evelyn“ eine Ahnung davon, was es 1989 hieß, die Heimat zu verlieren. Und welche Hoffnungen und Illusionen dabei entstanden. „Jetzt können sie das ganze Geld für sinnvolle Sachen verwenden, nicht nur hier, überall auf der Welt. Bald muss man nur noch dreißig Stunden arbeiten, und statt anderthalb Jahre zur Armee zu gehen, machen alle ein Jahr was Nützliches“, sagt Evelyn am Ende des Films.⋌Brotfabrik

Mehr von GA BONN