CD-Tipps

Tanz den Wittgenstein

Bonn. Vorgehört: Sechs neue, spannende und entspannte Alben von Musikern, die im kommenden Jahr beim zehnten Jazzfest Bonn zu erleben sind

Der Vorverkauf fürs Jubiläums-Jazzfest Bonn läuft, das Programm ist umfangreich und mit jungen Namen gespickt, Orientierung tut Not. Etliche Musiker und Gruppen sind mit neuen Programmen und Alben im kommenden Jahr vom 17. bis 31. Mai in Bonn zu Gast. Es lohnt sich, schon mal vorzuhören.

Geheimtipp ist der falsche Ausdruck für die Münchner Jazzrausch Bigband, einer Studentenband, die einst im Club Rausch & Töchter spielte, jetzt aber nach einer internationalen Tournee und dem zweiten Album unbedingt das Attribut Aufsteiger des Jahres verdient. „Dancing Wittgenstein“, so der Titel der neuen CD, begeistert mit irrem Tempo, klasse Sound und Bigband-Qualitäten, aber eben auch Elementen, die weit über das klassische Bigband-Spektrum hinausreichen. Chef-Arrangeur und -komponist Leonhard Kuhn mixt Elektronisches und Techno-Beat mit schönen, satten Bläsergruppen. Patricia Römers Stimme ist wie geschafften für die Öffnung vom Jazz zum Hip-Hop. „Dancing Wittgenstein“ ist, wie der Name es verrät, absolut tanzbar. Die Band gilt als „weltweit erste Haus-Bigband eines Techno-Clubs“ – sie tritt regelmäßig im Münchner Club Harry Klein auf.

Das von Kuhn und dem Posaunisten Roman Sladek angeführte Jazzrausch-Ensemble – das unter anderem auch ein Bruckner-Programm im Repertoire hat – erobert derzeit die deutsche Festivalszene. So gesehen kommt der Auftritt beim Jazzfest Bonn (24. Mai, Opernhaus) genau richtig.

Jazzrausch Bigband: Dancing Wittgenstein (JRBB)

Er ist ein Italiener in Paris, ein bekennender Europäer und einer der wenigen Jazzer, die ihre Musik und ihre Reputation dazu nutzen, politischen Inhalten und schwierigen Themen Gehör zu verschaffen: Der exzellente Jazz-Bassist, tolle Komponist und Bandleader Riccardo Del Fra rückt mit seinem neuen CD-Projekt die Flüchtlings- und Migrationsproblematik ins Zentrum des hervorragenden Albums „Moving People“. Del Fra zum Deutschlandfunk Kultur: „In unseren Stücken geht es um wichtige, aber auch oft sehr traurige Themen. Aber die Leute gehen aus den Konzerten mit neuer Energie und auch mit Hoffnung. Wir wollen mit unserer Musik Dinge ausdrücken, die die Leute sehr berühren, ihnen aber auch zugleich Kraft geben, reagieren zu können.“ Das junge Sextett des 62-jährigen Römers glänzt mit ruhigem, elegantem Jazz, fesselnden Soli und einem sehr runden Sound. Der Grundtenor ist dem Thema angemessen eher melancholisch und sehnsüchtig, die Titel, die Flucht, Gefahr und existenzielle Not thematisieren, stimmen auf die „Moving People“ und ihre Schicksale ein. Das Sextett ist fabelhaft, als Gast ist der sensationelle Gitarrist Kurt Rosenwinkel zu hören. Del Fra spielt am 19. Mai im Pantheon.

Riccardo Del Fra: Moving People (Cristal Records)

„Dancing In The Cage Of Soul“ gibt schon mal die Marschrichtung, das Klima vor: Atemberaubendes Tempo, Bläserklänge zwischen Balkan und Alpenland, ein entfesseltes röhrendes, quietschendes, quengelndes Gewirr mehrerer Saxofone, treibendes Schlagzeug eine traumhafte Basslinie. Was die sehr junge Formation aus Österreich mit ihrem zweiten Studioalbum vorlegt, ist schlichtweg phänomenal. Shake Stew um den Bassisten Lukas Kranzelbinder legt mit „Rise and Rise Again“ ein ganz starkes Album vor.

Eine CD zum Träumen, denn nur dann und wann geht es hitzig zu, oft aber auch sehr wehmütig und sentimental wie in der Ballade „Goodbye Johnny Staccato“. „No Sleep My King?“, eingeführt vom fetten Sound des Kontrabasses, eröffnet ein spannendes Klangfeld mit exotischer Percussion, einem unheimlichen Grummeln und Bläserchorälen.

Bei zwei Stücken hat sich die Band einen außergewöhnlichen Musiker eingeladen, den jungen Tenorsaxofonisten Shabaka Hutchings, Brite mit karibischem Hintergrund. Shake Stew ist am 19. Mai im Pantheon zu hören.

Shake Stew: Rise and Rise Again (Traumton Records)

„Die Bottroper Inderin“ heißt das Start-Stück der CD „Jo“: grelles, wildes E-Gitarrensolo, verträumtes Saxofon, entspanntes Piano und fließende Beats. Von Bottrop keine Spur. Von der Inderin ebenfalls nicht. Auch in der nächsten Nummer „Der Schwadronierer“ sucht man nach einem Hinweis auf die Musik. Fehlanzeige. Dafür wunderbar packender Jazz, der zwischen Attacke und unglaublich sinnlichen, meditativen Passagen oszilliert.

Was der in Köln lebende Schlagzeuger Jo Beyer (Jahrgang 1991) auf seiner Debüt-CD mit seinem Quartett vorlegt, ist beeindruckend. Die Vier haben hörbar Spaß bei der Konstruktion und Dekon-struktion von Nummern wie „Saure Weingummizungen“, beim Improvisieren und Ensemblespiel. Der Bogen reicht von der eingängigen Jazzballade bis zum weiten Experimentierfeld für Klänge und Stilistik. Prädikat Überraschung. Beim Jazzfest ist Jo Beyer am 21. Mai in der Brotfabrik zu Gast.

Jo Beyer: Jo (Unit Records)

Manches Stück ist verrauscht, fortgespült, bevor man sich richtig hineingefunden hat. Genau diese Flüchtigkeit der Eindrücke, dieses Eintauchen in den Moment ist Florian Webers Thema. Er taucht ab, lässt sich vom Strom der Klänge mitreißen: „Lucent Waters“ heißt die neue CD des exzellenten Jazzpianisten, der in Bonn schon vielfach sein Können und fulminantes Spiel hat aufblitzen lassen.

Es ist seine bereits zweite Aufnahme beim Edel-Label ECM. Die erste hatte er 2016 mit dem Trompeter Markus Stockhausen. Jetzt hat er sich ein erstklassiges internationales Quartett ins Studio geholt. Mit dem großen Ralph Alessi an der Trompete, der Bassistin Linda May Han Oh und Nasheet Waits am Schlagzeug. Ein sehr ruhiges, konzentriertes Album, in dem Weber seine pianistische Klasse ausspielen kann, aber auch die übrigen Quartett-Mitglieder glänzen. Der Sound ist überragend und die Stücke halten, was Titel wie „Brilliant Waters“, „Melody Of A Waterfall“, „Butterfly Effect“ und „Fragile Cocoon“ versprechen: Flirrende, kurze, vergängliche Momente höchster Spannung und tiefster Emotion. Weber ist mit seinem Quartett am 25. Mai bei Jazzfest im Telekom-Forum zu hören.

Florian Weber: Lucent Waters (ECM)

„Ich frage mich, woher der Gedanke kommt, dass gebügelte Musik das ist, was die meisten Leute interessiert. Ich glaube, das Publikum ist viel offener, als die Industrie es einschätzt.“ Die Schweizer Sängerin Lucia Cadotsch gibt sich gerne kritisch. Und „gebügelt“ ist ihre Musik weiß Gott nicht. Eher gegen den Strich gebürstet. Mit einer klaren, manchmal aber auch seltsam entrückten Stimme nimmt sie sich in „Speak Low“ Standards von Billie Holiday, Nina Simone und Kurt Weill vor und stellt sie mit ihren tollen Musikern Otis Sandsjö und Petter Eldh auf den Kopf, dass es nur so eine Freude ist. So hat man die Standards noch nicht gehört. Ein Ereignis. Am 22. Mai tritt sie in der Brotfabrik auf.

Lucia Cadotsch: Speak Low (yellowbird enja). Karten für das Jazzfest gibt es in den Bonnticket-Shops des General-Anzeigers sowie im Internet auf www.ga-bonn.de/tickets.