Ruhrtriennale

Der Klang der Welt in Bochum

Die Melancholie des Alltags: Szene aus „Universe, Incomplete“ in Bochum.

Die Melancholie des Alltags: Szene aus „Universe, Incomplete“ in Bochum.

Bochum. Christoph Marthalers beeindruckender Ives-Abend „Universe, Incomplete“ bei der Ruhrtriennale. Erstmals wurde überhaupt die komplette Jahrhunderthalle in Bochum bespielt

Eine Aufführung von Charles Ives' „Universe Symphony“ stellte sich der mit ihm befreundete amerikanische Komponistenkollege Henry Cowell so vor: „Mehrere unterschiedliche Orchester, mit großen Konklaven singender Männer und Frauen sind in Tälern, an Abhängen und auf den Gipfeln zu postieren; sechs bis zehn unterschiedliche Orchester untergebracht auf mehreren Berggipfeln, jedes in einem eigenen, unabhängigen Zeitlauf in Bewegung, die einander nur treffen, wenn ihre Zeitzyklen zusammenfallen.“ 4520 Musiker, so imaginierte Cowell, sollten an einer Aufführung des Werkes beteiligt sein.

Bei dieser Beschreibung erhält man eine leise Ahnung davon, was Ives mit seiner Sinfonie erschaffen wollte, nämlich nicht weniger als ein musikalisches Abbild des Universums in seinen räumlichen und zeitlichen Dimensionen. 17 Jahre lang, von 1911 bis 1928, arbeitete er an seinem Werk, und doch hinterließ er nicht mehr als nur ein überwiegend aus Skizzen bestehendes Konvolut von nur 48 Seiten.

Ergänzung mit anderen Werken des Komponisten

In den 1990er Jahren haben die Komponisten Larry Austin und Johnny Reinhard aus dem Ives-Fragment eine 37- beziehungsweise eine 64-minütige Fassung erstellt. Die neue Version, die nun in einer szenischen Produktion durch Regiestar Christoph Marthaler bei der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle zu bestaunen ist, bringt es auf deutlich mehr als zwei Stunden. Marthaler und der Dirigent Titus Engel schlagen einen völlig anderen Weg ein als ihre Vorgänger, die die Skizzen zu einem geschlossenen Werk vervollständigten.

Für die Bochumer Aufführung ergänzen sie die Leerstellen des Fragments mit Musik aus anderen Werken des Komponisten, sodass eine assoziative Kette von musikalischen Eindrücken an den Ohren des Publikums vorüberzieht, ein Ives-Potpourri, das sich ganz wunderbar mit Marthalers szenischer Realisierung deckt.

Vielleicht um einen Eindruck von der Monumentalvision des Werks herüberzubringen, wird in „Universe, Incomplete“, wie sie die Produktion nennen, erstmals überhaupt die komplette Jahrhunderthalle bespielt. Ein riesiger Raum mit einer extrem breiten Zuschauertribüne, in den Marthalers langjährige Ausstatterin Anna Viebrock die vorhandenen Stahlträger-, pfeiler und -brücke um diverse, teils ganz alltägliche Versatzstücke ergänzt. Eine Tribüne mit roten Kinosesseln, Kirchenbänke, eine bonbonfarbene Fußgängerbrücke wie von einem Kirmesplatz und eine unendlich lange Tafel mit zahllosen Stühlen. Auf den Schienen davor fahren immer wieder Wagen mit Musikern und anderen Darstellern vorbei, oder auch mal eine komplette Hütte.

Die Melancholie des Alltags und die großen Tragödien der Menschheit

Zu Beginn sieht man die Gruppe der Darsteller vor einer Art Grenzhäuschen warten, bevor sie einzeln in die neue Welt eintreten, wo sie in den kommenden Stunden Komödie spielen und Tragödien durchleiden, ein dürrer graubärtiger Mann in Schwarz rennt immer wieder mit einer Tube durch die Szene, Gruppen von Menschen verknoten sich und lösen sich voneinander. In einer Szene laufen Paare eilig über die Bühne, wobei der Hintere dem Vorderen auf die Schulter tippt, der aber nicht reagiert. Sie erzählen von der Unmöglichkeit der Kommunikation. Gelegentlich wird auch gesprochen, etwa surreal anmutende Texte von Gerhard Falkner und Martin Kippenberger. Zwei Pianisten spielen auf weit entfernt voneinander platzierten Klavieren Musik aus Ives Quarter-Tone pieces. Und immer wieder ist von Daten wie dem 11. September (Anschlag auf das World Trade Center) oder 15. März (Atomkatastrophe von Fukushima) die Rede. Marthaler verknüpft hier auf genialische Weise die Melancholie des Alltags und die großen Tragödien der Menschheit.

Zu Beginn der Aufführung dirigiert Titus Engel von einer Stahlbrücke oberhalb des Publikums aus ein Ensemble aus diversen Schlagwerkern, das sich auf verschiedenen Ebenen im Raum verteilt. Es ist der recht gut überlieferte Prolog zur „Universe-Symphony“, in dem Ives mit unabhängig voneinander pulsierenden Rhythmen experimentiert. Das Ergebnis ist ein beeindruckendes Raumerlebnis. In Bochum lotet man durchaus in Ives Sinne die Grenzen des Aufführbaren aus.

Der Besetzungszettel führt neben den 14 szenischen Darstellern und den kompletten Bochumer Symphonikern noch das Musikensemble Rhetoric Project, das Schlagquartett Köln sowie zahlreiche Studentinnen und Studenten diverser Musikhochschulen auf. Sie spielen zusammen, zeitversetzt, oft auch zeitgleich gegeneinander, wenn zum Beispiel das in Knickerbockern auftretende Rhetoric Project mit Marschmusik gegen die unsichtbar in einem Seitenraum versteckten Bochumer Symphoniker mit anlärmt.

In einer wunderbaren Szene kommen die mehr als hundert Bochumer Symphoniker durch die Hütte auf den Schienen und spazieren im Gänsemarsch zu ihren Plätzen neben der Zuschauertribüne. Am Ende intonieren sie hier Charles Ives' wohl bekanntestes Stück, das magische „The Unanswered Question“. Es ist nach fast zweieinhalb Stunden voller Rätsel und Anspielungen ein programmatischer Schluss. Das Publikum im Saal ist beeindruckt von dieser Performance, ein Erfolg, den die derzeit sehr unglücklich agierende Ruhrtriennale-Chefin Stefanie Carp dringend benötigt.

Weitere Aufführungen: 22. und 23. August. Karten und Infos: www.ruhrtriennale.de