"The Beginning of Nature"

Australian Dance Company zu Gast in der Bonner Oper

Ornament der Körper: Tanztheater aus Australien zu Gast.

Ornament der Körper: Tanztheater aus Australien zu Gast.

Bonn. Die Australian Dance Company war mit „The Beginning of Nature“ zu Gast in der Bonner Oper. Garry Stewarts Choreografie lässt sich auch als Dokument der Zivilisationskritik lesen.

Wenn sieben Tänzerinnen und Tänzer jeweils Hand an Ellbogen ihre Unterarme aneinander legen und damit eine elegant fließende Wellenbewegung erzeugen, macht das einen hübschen Effekt. Und weil sie alle in grüne, knielange Kleider gehüllt sind, assoziiert man mit diesem Fluss leicht Natur. Tatsächlich erzählt das Stück, mit dem das in Adelaide beheimatete Australian Dance Theatre am Freitag bei den Highlights des Internationalen Tanzes in der ausverkauften Bonner Oper gastierte, von der Natur, von Werden und Vergehen, Leben und Tod, von Menschen, Tieren, Pflanzen.

Garry Stewart, der das 1965 gegründete Ensemble seit knapp zwanzig Jahren leitet, hat mit „The Beginning of Nature“ eine Choreografie geschaffen, die Tanz, Musik, Sprache, Licht und Raum in einen gleichsam sinfonischen Zusammenklang bringt. Am Anfang befinden sich die Tänzer unter einem leuchtenden Lichtkegel und einem riesigen schwarzen Ring, der über der Bühnenmitte schwebt und den Kegel umschließt.

Sprache der Aboriginesaus den Adelaide Plains

Die von Brendan Woithe komponierte minimalistische Musik schwillt an und mündet in einem ersten gewaltigen dynamischen Spannungshöhepunkt in den Gesang zweier Frauenstimmen. Sie singen in einer Sprache, die wir nicht verstehen. Es ist die Sprache der Kaurna, eines Aborigines-Stammes aus den Adelaide Plains. Sie war lange vergessen und wäre es heute noch, wenn nicht zwei deutsche Missionare sie Mitte des 19. Jahrhunderts aufgezeichnet hätten. Rund 150 Jahre später dienten die Einträge der Missionare dem Ethnologen Jack Buckskin als Basis für die erfolgreiche Rekonstruktion. Buckskin wirkte auch aktiv am Libretto des im Juli dieses Jahres uraufgeführten Stücks mit. Der Dreiklang aus minimalistischer Musik, Natur und indigener Sprache erinnert atmosphärisch an Godfrey Reggios Kultfilm „Koyaanisqatsi“ mit der Musik von Philip Glass.

Und man kann auch Garry Stewarts Choreografie als Dokument der Zivilisationskritik lesen, indem sie die Natur in einem permanent gefährdeten Zustand zeigt. Die Tänzer bewegen sich oft wie ein einziger lebender Organismus, wie Zellen, die plötzlich zu Haufen verschmelzen, manche Muster, die sie blitzschnell mit ihren muskulös-geschmeidigen Körpern bilden, wirken, als würde man dem fließenden Formspiel eines Kaleidoskop zusehen.Die Präzision der insgesamt neun Tänzerinnen und Tänzer ist dabei verblüffend. Gelegentlich verschwimmen allerdings die Grenzen zwischen Tanz und „Cirque du Soleil“-Artistik.

Alles geschieht mit beeindruckender Präzision

Dennoch: Die Choreografie verschmilzt auf beeindruckende Weise mit der Musik, die Woithe aus elektronischen Sounds, stark rhythmisch geprägten Streicherklängen (die vom Zephyr Quartett eingespielt wurden) und den live vorgetragenen Gesangslinien von Georgia Hall und Heru Pinkasova zusammengesetzt hat. Alles auf der Bühne geschieht mit beeindruckender Präzision. Wenn etwa sechs Tänzerinnen und Tänzer sich zu einem zweistöckigen Turm aufbauen und die Frauen auf den Schultern der Männer im Kreis gehen, wenn sie virtuos mit grünen Stöcken hantieren, wenn sie springen und wirbeln wie Breakdancer, selbst wenn ein Paar einen langen Kuss zelebriert.

Es gibt viele rituell anmutenden Szenen, in denen sie etwa Steine zu Boden kullern lassen oder einen Baum mit Wurzelballen auf die Bühne tragen. Mitunter kommt auch die europäische Kultur ins Spiel, glücklicherweise aber nicht nur als Bedrohung: Einmal tanzt eine Tänzerinnen ein Solo zu einer fast klassisch anmutenden Geigenkadenz. Das Publikum war von der Vorstellung völlig begeistert.