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Lutz van der Horst im GA-Interview: Horst aber fair

Lutz van der Horst im GA-Interview : Horst aber fair

Vor allem für Politiker gibt es kaum ein Entrinnen, wenn Lutz van der Horst mit Mikrofon und Kamerateam bei Parteitagen auftaucht und vorzugsweise prominente Volksvertreter mit unangenehmen Fragen bedrängt. Der 40-jährige Kölner ist seit 2009 als Außenreporter der satirischen ZDF-Sendung "Heute-Show" im Einsatz. Im Interview mit GA-Autor Adrian Arab spricht van der Horst indes auch über seine Vergangenheit als peinlicher "Blasehase" von Stefan Raab.

GA: Herr van der Horst, beginnen wir mit Ihrer Frisur. Steckt hinter dem Strubbelkopf eine Botschaft?

Lutz van der Horst: Bis in die neunziger Jahre trug ich einen Mittelscheitel - so wie die berühmten Boybands damals. Irgendwann machte man sich darüber lustig, ich musste also meinen Haarschnitt ändern.

GA: Und?

Van der Horst: Hat nichts gebracht. Jetzt machen sich erst recht alle darüber lustig.

GA: Sie haben Anglistik und Germanistik studiert. Wie kamen Sie von der Uni zur Comedy?

Van der Horst: In erster Linie habe ich studiert, um meine Eltern zu beruhigen. In Wahrheit wollte ich immer praktisch arbeiten. Das Studium habe ich nachlässig betrieben und mich mehr darauf konzentriert, meine Rundfunkkarriere voranzutreiben, zunächst beim Bürgerfunk in Köln, dann bei 1Live. Irgendwann hat "TV Total" angefragt, ob ich für die tägliche Show schreiben möchte. Adieu Studium!

GA: Bei der Kölner Produktionsfirma Brainpool haben Sie Gags geschrieben, für die andere gefeiert wurden. War das nicht frustrierend?

Van der Horst: Das ist eine Typfrage. Für die meisten Autoren ist es nicht frustrierend, weil gar nicht das Interesse besteht, vor der Kamera zu stehen. Bei mir war das anders, ich wollte unbedingt ins Fernsehen. Das Schreiben war eine Art Sprungbrett. Bei Stefan Raab bekam ich schnell die Möglichkeit, als Blasehase Bestandteil des Programms zu sein.

GA: Im rosa Hasenkostüm haben Sie Passanten genarrt. Wie kam es zu dieser Rolle?

Van der Horst: Die Idee kam in einer Redaktionssitzung. Es wurde die Frage in den Raum geworfen, wer sich als Hase verkleidet und an einer Möhre bläst. Ich muss der Letzte gewesen sein, der Nein gesagt hat. Mir war immer klar, dass ich jede Möglichkeit nutzen würde, um vor die Kamera zu kommen - auch wenn der Blasehase extrem peinlich war.

GA: Was sagen Ihre Eltern heute zu Ihrem Werdegang?

Van der Horst: Für den Blasehasen haben sie sich geschämt. Heute sind sie stolz darauf, was ich tue. Außer ich rede wieder über den Blasehasen. So wie jetzt gerade.

GA: Seit 2009 stellen Sie als Außenreporter der "Heute-Show" satirische Fragen an Politiker, Passanten oder Demonstranten. Haben Sie sich jemals für seriösen Journalismus interessiert?

Van der Horst: Ich will Unterhalter sein. Seriöse Formate sind nichts für mich. Weder kann ich es durchhalten, noch macht es mir Spaß, dauerhaft seriös zu sein. Ich liebe diesen Bruch, in dem eine scheinbar ernste Situation ins Komische abgleitet.

GA: Gibt es Parteien mit einem besonderen satirischen Potenzial?

Van der Horst: Die AfD war eine wunderbare Ablöse für die FDP.

GA: Warum ist die AfD lustig?

Van der Horst: Was ich der AfD hoch anrechne ist, dass bis vor kurzem noch alle auf den Parteitagen mit mir geredet haben. Das hat leider nachgelassen, aber das kann auch an mir liegen.

GA: Nur zu reden, muss nicht automatisch lustig sein, oder?

Van der Horst: Ich gehe besonders gerne zu Parteien, die nicht unbedingt meine eigenen Überzeugungen vertreten. Je sympathischer man eine Partei findet, desto schwerer fällt es, sich über sie lustig zu machen. Eine Partei, der ich fern stehe, kann ich besser satirisch ausschlachten.

GA: Welche Partei beweist am meisten Humor?

Van der Horst: Am meisten redebereit sind die Grünen und die FDP, die kommen teilweise schon selbst auf mich zu. Je größer die Partei, desto schwieriger ist es, mit den Leuten zu reden. Die SPD sperrt mittlerweile ab. Da kommt niemand mehr zu den Abgeordneten nach vorne. Aber auch das wird denen nichts nützen, denn ich warte so lange, bis sie rauskommen - und fange sie ab.

GA: Gibt es überhaupt noch Interview-Partner, die Sie für einen seriösen ZDF-Reporter halten?

Van der Horst: Bei Parteitagen kennt mich mittlerweile so gut wie jeder, weil alle Politiker die "Heute-Show" gucken. Inzwischen ist es sogar so, dass viele Selfies mit mir machen wollen - das ist schon irritierend.

GA: Leitet das nicht den Niedergang für Ihr Format ein?

Van der Horst: Nein. Ich kann trotzdem bissig sein, auch wenn die Leute wissen, dass ich weit entfernt von seriös bin.

GA: Ihre Auftritte in der "Heute-Show" erwecken den Anschein großer Spontaneität. Trügt der Schein?

Van der Horst: Zu den Drehs fahre ich mit einer Idee, die ich mir vorher mit den Autoren ausgedacht habe. Aber es kommt vor, dass sich die Situation vor Ort komplett anders darstellt. Im schlimmsten Fall werfe ich dann alles um und beginne neu. Ich weiß auch nie, wie die Leute reagieren und ob sie überhaupt mit mir sprechen.

GA: Wenn Sie Politiker so stark verwirren, dass sie unvorteilhafte Aussagen treffen, kann das nicht auch entwürdigend sein?

Van der Horst: Nein. Das sind rhetorisch geschulte Menschen. Wenn ich die soweit bekomme, dass sie blödes Zeug erzählen, dann freut mich das.

GA: Ihr Kollege Martin Sonneborn brachte einen Pharmalobbyisten dazu, die eigene Branche schlechtzureden. Besteht nicht die Gefahr, dass der Gesprächspartner seinen Job verliert?

Van der Horst: Man muss sich an dem Punkt halt immer fragen: Ist es das wert? Ich bin ja nicht frei von Skrupeln. Bisher hatte ich noch nicht das Gefühl, jemanden so bloßgestellt zu haben, dass damit große Probleme für ihn verbunden waren.

GA: Sind Sie schon mal mit Gewalt als Reaktion auf Ihre Arbeit konfrontiert worden?

Van der Horst: Nein. Es hilft ungemein, immer eine Kamera dabei zu haben. Wenn mich dann einer angreift, haben wir das wenigstens auf Band. Und es könnte eine spektakuläre Szene sein.

GA: Pflegen Sie auch Freundschaften innerhalb der Politik?

Van der Horst: Ich werde oft gefragt, wie viele Handynummern ich von Politikern habe. Die Antwort ist: keine. Es gibt keine freundschaftlichen Beziehungen. Wer Satire macht, muss eine gewisse Distanz halten. Es gibt aber Politiker, mit denen würde ich durchaus ein Feierabendbier trinken gehen.

GA: Zum Beispiel?

Van der Horst: Wolfgang Kubicki. Oder Claudia Roth.

GA: Glauben Sie, die FDP-Schelte der "Heute-Show" hat die Partei Wählerstimmen gekostet?

Van der Horst: Nein, das glaube ich nicht. Ich trage zumindest keinen Anteil daran. Generell kommen die Politiker in den Einspielfilmen ganz gut weg, zumindest wenn sie Humor beweisen und überhaupt mit mir reden. Das zählt für die Menschen eher als Sympathiepunkt.

GA: Rainer Brüderle erhielt 15 Minuten Studiozeit in der "Heute-Show". Werden Sie zuweilen instrumentalisiert?

Van der Horst: Ich glaube nicht. Oliver Welke macht seinen Job viel zu professionell, um sich instrumentalisieren zu lassen. Trotzdem hat Rainer Brüderle damit gepunktet, auch Selbstironie vorweisen zu können.

GA: Sie kokettieren gerne mit der finanziellen Situation beim ZDF. Würden Sie Intendant Thomas Bellut beim Interview fragen, warum sein Jahresgehalt noch über dem der Kanzlerin liegt?

Van der Horst: Auf jeden Fall. Aber nur, wenn ich den ARD-Vertrag schon in der Tasche hätte.

GA: Gibt es Politiker, die Sie unbedingt noch treffen wollen?

Van der Horst: Angela Merkel. Bisher ist sie immer nur an mir vorbeigelaufen, die sollte gefälligst mal stehen bleiben. Ich habe mehrfach gehört, dass die Kanzlerin gerne die "Heute-Show" guckt, da ist es ihre Pflicht, uns mal ein Interview zu geben.

GA: Wie sehen Ihre Planungen für die Zukunft aus?

Van der Horst: Der nächste Schritt wäre definitiv die eigene Show. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es kein ernstes Format mit mir geben wird. Seriös können andere besser.

GA: Also eine Art "Horst aber fair" auf dem Sendeplatz von Frank Plasberg?

Van der Horst: Von mir aus jederzeit - ich bin bereit.

Zur Person: Lutz van der Horst

Geboren am 20. August 1975 in Köln

Er studiert zunächst Germanistik und Anglistik, verlässt dann aber die Universität, um als Autor bei der Köln Produktionsfirma Brainpool zu arbeiten.

Dort schreibt er Gags u. a. für die Sendung "TV Total", in der er auch erstmals vor die Kamera durfte: Als rosa Hase verkleidet oder in der Rolle des "Günni" dreht er Sketche mit versteckter Kamera und führt Spaßumfragen durch.

Parallel dazu wirkt er als unlustiger Comedian "Jimmy Breuer" beim Radiosender 1Live mit.

Seit Ende 2009 ist Außenreporter der "Heute-Show" im ZDF. Lutz van der Horst wohnt in Köln.

TV-Tipp Heute-Show, freitags 22.30 Uhr, ZDF