Das World Wide Web wird 30: Wie das Internet das Surfen lernte

Das World Wide Web wird 30 : Wie das Internet das Surfen lernte

Vor 30 Jahren, am 12. März 1989, erfand Tim Berners-Lee das World Wide Web. Heute nutzen Milliarden Menschen den Internetdienst. Doch sein Erfinder will das Web nach drei Jahrzehnten neu erfinden.

Vor 30 Jahren noch weitestgehend unbekannt, ist das junge Medium Internet heute allgegenwärtig. Die moderne Welt ist vernetzt und das Netz gibt den Takt vor, mit dem diese Welt pulsiert. Informationen sind jederzeit und überall verfügbar. Sie liefern Nachrichten, echte und unechte, in Echtzeit auf die Bildschirme ihrer Empfänger, steuern Prozesse in der Industrie, regeln Bankgeschäfte und Einkäufe, sorgen für Unterhaltung und den Austausch privater Kommunikation. Kaum ein Lebensbereich wird nicht von der Technologie des weltweiten Netzes berührt.

Seinen Durchbruch verdankt das Internet der Erfindung des World Wide Web im Jahr 1989. Der Cyberraum, bis dahin einer akademischen Elite vorbehalten, wird dadurch für Millionen von Menschen zugänglich. Am Kernforschungszentrum CERN in Genf bringt der 33-jährige Informatiker Tim Berners-Lee eine Idee zu Papier, die zunächst den Austausch unter Forschern über Computernetzwerke dramatisch vereinfachen soll. Schon damals wächst die Informationsmenge exorbitant an, insbesondere an Forschungseinrichtungen wie dem CERN. Den britischen Wissenschaftler treibt die Frage um: Wie soll man dieser Informationsflut Herr werden? Dabei beweist Berners-Lee Weitsicht, denn er überträgt seine Fragen auf die wachsenden Bedürfnisse einer Informationsgesellschaft, für die der weltweite elektronische Austausch von Wissen noch ein kühner Traum ist.

Seitdem das Internet im Jahr 1969 - damals noch Arpanet genannt - mit dem Zusammenschluss von Großrechnern an US-amerikanischen Universitäten und Forschungszentren seinen Anfang nahm, hatten sich bereits 300.000 Computer vernetzt. Mit Internetdiensten wie etwa der E-Mail, die 1971 erstmals ihren Weg durch die Leitungen nahm, und dem 1985 eingeführten Protokoll zur Dateiübertragung FTP, waren die ersten Fundamente für den Austausch bereits gelegt. Doch während die Computer sich immer stärker verknüpfen, bleibt der Wissensschatz davon noch vornehmlich unberührt. Forscher legen ihre Erkenntnisse in statischen Datenbanken ab, in denen im besten Fall nur sie selbst wieder an Informationen kommen.

"Wo wir uns versammeln, besitzt ihr keine Macht mehr"

Berners-Lee will das mit seinem World Wide Web ändern, durch einheitliche Standards und durch sogenannte Hyperlinks - elektronische Querverweise, die Dokumente miteinander verknüpfen. Ein Netzwerk aus Informationen zu schaffen, das ist seine Vision. Als er das Konzept seinem Chef Mike Sendall am 12. März vorlegt, quittiert dieser das Papier mit den Worten: "Vage, aber aufregend." Ob sich die Idee im zähen Mahlwerk des wissenschaftlichen Großbetriebs durchsetzen kann, ist ungewiss.

Damit aus seinem Traum Realität wird, schafft Berners-Lee die Grundlagen für das World Wide Web Anfang der 1990er Jahre selbst - darunter HTML, die Beschreibungssprache für Webseiten, ferner das Transferprotokoll HTTP und den Standard für Internetadressen: URL.

Erste Internetbrowser wie Mosaic, 1993 von dem Studenten Marc Andreesen entwickelt, geben dem neuen Netz eine grafische Oberfläche und senken technische Hürden. Von da an tritt das WWW seinen Siegeszug an und schafft die Grundlage für eine Netzgemeinde, die ab Mitte der 1990er das World Wide Web bevölkert. Unter dem Surren, Fiepen und Krächzen ihrer Analog-Modems wählen sich ihre Jünger in das weltweite Datennetz ein. Viele von ihnen sind beseelt von den neuen Möglichkeiten des Cyberraums. Ihr Netzwerk soll die schöne neue Welt von Hierarchien, staatlicher Kontrolle, Überwachung und Tyrannen befreien.

"Wo wir uns versammeln, besitzt ihr keine Macht mehr", ruft 1996 der Internetaktivist John Perry Barlow aus. Die Verlinkungen der Internetseiten untereinander erlaubt es den Netzpionieren, von einer Seite zur anderen zu springen. Die Bibliothekarin Jean Armour Polly tauft das Wellenreiten durch das Netz in einem Artikel 1992 als "Surfing the Internet", weil ein Surfer auf ihrem Mauspad sie daran erinnert. Das Netz wird zum Surfbrett für Wissbegierige.

Rasantes Wachstum

1995 starten der Internet-Händler Amazon, der Online-Marktplatz Ebay und der Webseiten-Katalog Yahoo ihre Angebote. Ein neues Geschäftsmodell führen die Entwickler Larry Page und Sergey Brin 1997 mit einem Studentenprojekt ein, dass sie auf den Namen Google taufen. Es ermöglicht die Stichwortsuche im Internet, wobei passend dazu Werbeanzeigen eingespielt werden. Heute generiert der Konzern einen Umsatz von 137 Milliarden US-Dollar und beschäftigt rund 100.000 Mitarbeiter.

Das rasante Wachstum der jungen Internetkonzerne löst 1999 Begeisterung an der Börse aus, weltweit stürzen sich Anleger auf die Aktien der sogenannten Dotcom-Unternehmen, bis im März 2000 die Spekulationsblase platzt. Das Netz erholt sich jedoch schnell davon. Ab 2001 wird die frei zugängliche Internet-Enzyklopädie Wikipedia zur Konkurrenz für gedruckte Nachschlagewerke und greift einen Grundgedanken des WWW auf: Wissen soll für alle Menschen frei und kostenlos zugänglich sein. Das 2004 gegründete soziale Netzwerk Facebook und der 2006 gestartete Kurznachrichtendienst Twitter prägen wenig später eine Zeit mit, die im Internet als das Web 2.0 bezeichnet wird. Meinungen und Inhalte von Nutzern rücken in den Mittelpunkt, das Netz wird interaktiv.

Heute ist mit mehr als vier Milliarden Menschen ein Großteil der Weltbevölkerung online, das Netz schafft allmählich Zugang bis in die letzten Winkel der Welt. Fast 2,3 Milliarden Nutzer zählt allein Facebook. Google erhält knapp vier Millionen Suchanfragen - pro Minute. Täglich werden mehr als 290 Milliarden E-Mails versendet und empfangen. Das weltweite Datenaufkommen beträgt im Jahr 2018 rund 33 Zettabyte - auf DVDs gepresst würde diese Datenmenge einen Turm ergeben, der mehr als viermal bis zum Mond reicht. Bis 2025 soll sich die Menge verfünffachen.

Die Neuerfindung des Webs

Ohne die weltumspannende Struktur des World Wide Web wäre diese Entwicklung undenkbar. Doch das globale Netz hat längst auch seine Schattenseiten nach außen gekehrt. Das Internet ist für viele Menschen zu einem Raum für Angst, Hass und Repression geworden.

So schlägt beispielsweise China den Weg in die IT-Diktatur ein und nutzt das Internet, um das Verhalten seiner Bürger zu belohnen oder zu sanktionieren. Seit Edward Snowdens Enthüllungen ist bekannt, wie der US-Geheimdienst NSA Menschen weltweit über das Netz ausspäht. Und Russland werden reihenweise Cyberattacken vorgeworfen. Zudem haben sich die großen Netzkonzerne den Überfluss an Daten im Internet zunutze gemacht. Google, Facebook und Amazon verwalten riesige Datenschätze auf ihren Servern. Während die IT-Giganten ihre Nutzer gläsern werden lassen, wissen diese meist kaum etwas davon.

All das treibt auch den WWW-Erfinder Berners-Lee um, der mehrfach für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. "Das Netz ist zu einem Motor von Ungleichheit und Spaltung geworden", sagte er im Oktober, "beeinflusst von Mächtigen, die es für ihre eigenen Ziele nutzen." Nun arbeitet der Mann, der als Vorsitzender des World Wide Web Consortium über die Standards des WWW wacht, an dessen Neuerfindung. Eine neue technische Basis namens "Solid" soll die Datenhoheit an die Netzbürger zurückgeben. Ob Berners-Lee sich mit seiner neuen Vision aber wird durchsetzen können, ist - wieder einmal - ungewiss.

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