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Interview mit Richard Blundell: "Der Euro ist nicht für alles verantwortlich"

Interview mit Richard Blundell : "Der Euro ist nicht für alles verantwortlich"

Der britische Wirtschaftswissenschaftler Richard Blundell wurde am Samstag in Bonn mit dem IZA-Preis für Arbeitsökonomie ausgezeichnet. Im GA-Interview sprach er über die Finanz-Krise, Mindestlöhne und eine Finanztransaktionssteuer.

Als Brite, als Bürger eines Nicht-Euro-Staates, betrachten Sie die Euro-Krise eher mit Erleichterung, weil Ihr Land noch seine eigene Währung hat, oder doch eher mit Sorge, weil auch Großbritannien die Auswirkungen zu spüren bekommt?
Blundell: Ich bin wie viele in der Wissenschaftscommunity in London eher pro-europäisch. Aber wir sehen jetzt, dass der Vorteil einer eigenen Währung doch größer ist als gedacht. Der wichtigste Punkt ist aber nicht, dass Großbritannien noch das Pfund hat, sondern dass das Land selbst über seine Wirtschafts- und Steuerpolitik bestimmen kann. Das macht es für die Briten etwas einfacher, mit der Krise umzugehen.

Also kommen die Briten insgesamt besser durch die Krise?
Blundell: Nun ja. Alle europäischen Staaten haben ja ganz ähnlich Probleme. Auch Großbritannien ist hoch verschuldet und kämpft mit hoher Arbeitslosigkeit und schwachem Wachstum. Die Grundprobleme sind also ganz ähnlich wie in den anderen Euro-Staaten.

In Euro-Staaten wie Griechenland oder Spanien ist die Situation ernster...
Blundell: Das stimmt. Aber Tatsache ist auch, dass die Finanzkrise überall nur als Finanzkrise wahrgenommen wird, die Ursachen in den betroffenen Staaten aber ganz unterschiedlich sind. Spanien zum Beispiel leidet vor allem unter dem Platzen der Immobilienblase, das ganze Land war sehr stark abhängig von der Baubranche. In Großbritannien mit seiner großen Finanzdienstleistungsbranche sind die Probleme wieder andere. Und so muss jeder Krisenstaat für sich betrachtet werden, was einheitliche Lösungsansätze erschwert.

Wehrt sich die britische Regierung deshalb zu Recht mit Händen und Füßen gegen eine stärkere Besteuerung der Finanzindustrie?Blundell: Die steuerlichen Regeln in diesem Sektor sind alles andere als optimal, da müsste dringend gehandelt werden. Allein die Tatsache, dass Finanzgeschäfte nicht mehrwertsteuerpflichtig sind, ist ja kaum zu begreifen. In Großbritannien beträgt die Mehrwertsteuer 20 Prozent, in manchen EU-Staaten ist sie noch höher. Finanzgeschäfte aber werden davon gar nicht erfasst. Warum die Finanzindustrie steuerlich so bevorzugt wird, ist kaum zu begründen. Eine Finanztransaktionssteuer wäre also dringend erforderlich.

Aber das ist nicht die Position der britischen Regierung.
Blundell: Sie haben nach meiner Meinung gefragt. Die britische Regierung wehrt sich gegen die Finanztransaktionssteuer, um den Bankenstandort London zu schützen. Das Problem ist, dass Finanztransaktionen natürlich relativ problemlos in andere Staaten verlagert werden können, wenn die Bedingungen dort günstiger sind. Meiner Ansicht nach führt die steuerliche Bevorzugung der Finanzindustrie die britische Wirtschaft aber in ein erhebliches Ungleichgewicht.

Wird die Euro-Krise langfristig verhindern, dass die Briten und andere Nicht-Euro-Staaten der gemeinsamen Währung beitreten?Blundell: Im Moment ist die Einheitswährung wirklich nicht besonders populär in Großbritannien und anderswo. Ich persönlich sehe auch nicht den großen Vorteil des Euro, genauso wenig übrigens wie einen entscheidenden Nachteil einer gemeinsamen Währung. Ich denke, den Euro jetzt für alle Probleme im Zusammenhang mit der Finanzkrise verantwortlich zu machen, ist dennoch eher dem populären Wunsch nach einfachen Antworten geschuldet. Um die Frage zu beantworten: Ich denke, für die Briten kommt ein Euro-Beitritt in absehbarer Zeit nicht in Frage.

Wie lange werden wir denn noch mit der Euro-Krise zu tun haben?
Blundell: Da wage ich keine Prognose. Wir dachten auch, dass die Wirtschaftsflaute in den USA und Großbritannien schon längst hätte vorbei sein müssen, aber sie dauert viel länger an als erwartet. Letztlich sind diese Probleme, das schwache Wachstum in den USA und die Schuldenkrise, eng miteinander verbunden. Was mir etwas Sorgen bereitet: Es ist zurzeit kein Innovationsschub erkennbar, der einen Wachstumsschub und ein Ende der Rezession bewirken könnte. Sehen Sie, eine Krise hat oft eine zerstörerisch-kreative Wirkung. Überholte Dinge werden hinweggespült und durch neue, moderne ersetzt. Dieses kreative Element ist leider zurzeit nicht erkennbar.

Sind auch für Sie als Wissenschaftler keine Wege aus der Krise erkennbar?
Blundell: Es handelt sich um ein globales Phänomen, das macht die Bewältigung so schwierig. Bewährte Rezepte funktionieren nicht. Ein Beispiel: Ein Austeritätsprogramm, also Einsparungen, Konsolidierung, Gesundschrumpfen, Erhöhung der Produktivität, hilft nicht besonders weiter, wenn die wichtigsten Wirtschaftspartner denselben Weg gehen.

Genau das ist der Vorwurf, der von einigen Euro-Staaten gegen Deutschland erhoben wird: Das Land tue zu wenig für das Wachstum, die Löhne seien zu niedrig, Deutschlands bereichere sich auf Kosten seiner Nachbarn. Teilen Sie diese Einschätzung?Blundell: Das ist mir zu simpel. Es ist bestimmt nicht ganz falsch, dass ein Teil des deutschen Erfolges auf der Nachfrage nach deutschen Produkten in Ländern wie Spanien oder Griechenland beruht, eine Nachfrage, die letztlich mit Schulden finanziert wurde. Auf der anderen Seite ist Deutschland mit seiner hohen Produktivität die wirtschaftliche Lokomotive für ganz Europa. Was wir aber ganz klar erkennen müssen, ist die starke gegenseitige Abhängigkeit. Kein Land kann alleine wirtschaften, der Erfolg von Deutschland oder Großbritannien hängt am wirtschaftlichen Erfolg von Staaten wie Frankreich, Spanien oder Italien ab, und umgekehrt. Entsprechend abgestimmt müssen die Politiker handeln, auch wenn das in manchen Ländern nicht besonders populär ist.

Müssten die Staaten Geld in die Hand nehmen, um für das nötige Wachstum zu sorgen?
Blundell: Ja, in Grenzen schon. Nur mit Sparprogrammen eine Rezession zu bewältigen, ist jedenfalls der viel viel härtere Weg. Sparprogramme funktionieren dann gut, wenn woanders Wachstum herrscht. Das Ziel muss sein, Innovationen und Investitionen zu fördern und die Produktivität zu erhöhen. Natürlich dürfen die Haushaltsdefizite dabei nicht ins Endlose steigen, aber Investitionen in wirtschaftliche Kernbereiche sind sicherlich sinnvoll.

Müssten die Löhne in Deutschland höher sein?
Blundell: In Deutschland funktioniert die Festsetzung der Löhne ziemlich gut. Wir beobachten allerdings ein zunehmendes Auseinanderdriften der Arbeitseinkommen, das sicherlich mit den Produktivitätssteigerungen in einigen Teilen der Wirtschaft zu tun hat.

Seit Jahren wird in der Bundesrepublik über einen flächendeckenden Mindestlohn diskutiert - ein Weg, um das Auseinanderdriften der Einkommen abzufedern?
Blundell: Die negativen Effekte von Mindestlöhnen sind geringer, als viele Wissenschaftler und Politiker dachten. Dass also hohe Mindestlöhne automatisch zu höherer Arbeitslosigkeit führen, ist weniger der Fall als ursprünglich befürchtet. Auf der anderen Seite können Mindestlöhne Arbeitnehmer tatsächlich gegen Lohndumping, das ja auch in Deutschland zu beobachten ist, schützen. Allerdings gibt es meiner Meinung nach bessere Wege, um Niedriglöhnern zu helfen, zum Beispiel durch eine geringere Steuerbelastung für kleinere Einkommen.

Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung belegt, dass in der Bundesrepublik Deutschland die Reichen immer reicher werden, während die Armen arm bleiben. Ist das eigentlich auswegloses Schicksal oder kann die Regierung gegensteuern?
Blundell: In den USA oder Großbritannien ist das nicht anders. Die Spitze der Top-Verdiener und Vermögensbesitzer legt überproportional weiter zu, während der Wohlstand der anderen nur wenig oder gar nicht zunimmt. Das liegt daran, dass die großen Vermögen vor allem durch Aktien- und Kapitalerträge gewonnen haben und hoch qualifizierte Beschäftigte in einigen Wirtschaftsbereichen außerordentlich hoch bezahlt werden. Es gibt sicherlich einige Möglichkeiten, durch steuerliche Eingriffe hier Ausgleich zu schaffen, zum Beispiel durch Abgaben auf Kapital- und Aktiengewinne. Die Möglichkeit von Steuerflucht und -vermeidung muss man dabei natürlich immer berücksichtigen, hier ist also ein abgestimmtes Handeln der Staaten nötig.

Zur Person
Richard Blundell ist Professor für Politische Ökonomie am University College London und Forschungsdirektor des Instituts für Fiskal-Studien in London. Der 1952 in Shoreham-by-Sea geborene Wirtschaftswissenschaftler machte unter anderem durch Forschungen von sich reden, wie sich Änderungen in der Steuergesetzgebung auf das Arbeitsangebotsverhalten der Haushalte auswirkt. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt von Blundell sind die Auswirkungen von Einkommensungleichheit. Darüber hinaus erarbeitete er Vorschläge für eine umfassende Steuerreform für Großbritannien.

Der Labour-Regierung von Tony Blair diente er als Berater, für seine Verdienste wurde Blundell vielfach ausgezeichnet, unter anderem als Commander of the British Empire (OBE). Klaus F. Zimmermann, der Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), würdigte Blundells "scharfsinnige Datenanalyse und pointierten Politikvorschläge". "Seine wegweisenden Analysen zu den Arbeitsmarktwirkungen von Steuerreformen sind auch für Deutschland hochaktuell", erklärte Zimmermann. Blundell sei Wissenschaftlern in aller Welt ein Vorbild.