Mit Löffel und Rasierzeug in die Gefangenschaft

Mit Löffel und Rasierzeug in die Gefangenschaft

Heinz Otto Fausten aus Sinzig hat seine Erlebnisse vom Ende des Zweiten Weltkrieges zu einem Buch verarbeitet - Dankbarkeit für 60 Jahre Frieden

Sinzig. 7. März 1945: Wir sind noch eine Handvoll Soldaten, die sich nachts in unserem selbstgebauten Bunker in Sinzig treffen. Was machen wir, wenn die Amis kommen, fragt einer. "Frag lieber, was wir tun, wenn uns die SS evakuieren will", so die Antwort. Die ist schon da in Figur eines Sturmführers mit seinem Zug aus dem Raum Aachen.

Für den Fall des deutschen Rückzugs auf die Rheinlinie wird Sinzig und die V-Waffenbasis im Harterscheid unbedingt als Brückenkopf gehalten. Die Einwohner sollen auf das rechte Rheinufer verfrachtet werden. So lautete die Order.

Das Chaos steigerte sich, Tiefflieger schossen auf jeden Zug, jedes Fahrzeug, jeden einzelnen Menschen. Gustav, der in der Kripper Marmeladenfabrik fünf Kilo Apfelkraut ergatterte, wird auf dem Rückweg am Godenhaus dreimal angegriffen: "Während um mich das Gras wegflog, hatte ich nur eine Angst: Sie treffen den Eimer."

Nur durch das verbotene Abhören von Feindsendern wussten die Menschen, dass dies wahrscheinlich der längst erhoffte und doch mit Angst erwartete Tag X war. Ein paar Infanteristen, die in Schützenkette über den Ziemet Richtung Süden trotteten, bildeten die zurückgehende deutsche Front. "Mit bellenden Panzerkanonen geht von Bodendorf her eine amerikanische Angriffspitze neben dem Gleiskörper der Ahrtalbahn gegen Remagen vor", notiert Fausten. Kleine Jungen rannten durch den Hohlweg: "Sie kommen von Westum, die ersten sind schon in der Stadt."

Aus allen Knopflöchern quollen sie nun, Weiße und Schwarze in grünen Uniformen, das Gewehr quer vor den Körper haltend, und jagten alles auf eine Wiese über dem Hohlweg, wo sich alle mit erhobenen Händen zusammendrängten. Dem Gefechtslärm nach hat die amerikanische Spitze den Rand von Remagen erreicht. Der Kampf um die noch stehende Rheinbrücke begann. Wir durften in die Bunker zurück.

"Ich versteckte meine Uniform und vergrub meine Pistole und eine Flasche Whisky beim Eingang", erinnert er sich. In der Hohl rannte alles durcheinander, besuchte die Nachbarn, fiel sich in die Arme: "Es ist vorbei, wir sind noch da."

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Botschaft am nächsten Morgen: "Alle deutschen Soldaten müssen sich auf der Kommandantur melden. Die Kossmänner ziehen mit den Amerikanern von Bunker zu Bunker. Wenn sie einen Versteckten finden, holen sie auch die Familien mit." Ich zog die Uniform an, entschloss mich aber, die Prothese dazulassen, hing den Brotbeutel um, mit Löffel, Seife, Zahnbürste, Rasierzeug und Handtuch, verabschiedete mich und marschierte mit den Gehstützen los, notierte Fausten.

Er ging zur Kommandantur in der Wirtschaft Büntgen. Freundlich und höflich wurde er dort von einem deutsch sprechenden Offizier ausgefragt. Dann wurde er von zwei GIs in einen Jeep gesetzt und zur Ahrbrücke gefahren, weiter Richtung Neuenahr. Es verschlug ihn bis in die Normandie. Erst acht Monate später kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft zurück, noch 52 Kilo wiegend.

"Ich habe das zerstörte Berlin gesehen, Köln, Düren, Koblenz, Mainz, Städte, in denen die Bulldozer die Trümmer rechts und links der Straße zu Wällen aufgetürmt hatten, Städte, in denen das Leben erloschen war. Heute denke ich, Phönix hat sich wirklich aus der Asche erhoben. Ich bin unendlich dankbar für die 60 Jahre Freiheit und Frieden", sagt Fausten heute.

Heinz Otto Fausten ist in Sinzig wirklich kein Unbekannter. Seit seinem ersten Lebensjahr lebt er in der Barbarossastraße. Er ist Jahrgang 1920. Im heutigen Rathaus besuchte er die Schule, lernte unter Konrektor Comes und Hilfslehrer Camps. Nach den Kriegsjahren studierte er in Mainz, wurde Lehrer am Bertha von Suttner-Gymnasium in Andernach.

1969 avancierte er zum Stellvertretenden Direktor am Gymnasium in Linz, um von dort aus die Gründung des Sinziger Rhein-Gymnasiums vorzubereiten. 1971 zog er als Leiter des Gymnasiums in die alte Schule ein, stellte seinen Schreibtisch neben die Schranktür, vor der er mit der Schulklasse 1927 abgelichtet worden war. 1975 war der Neubau des Rhein-Gymnasiums fertig gestellt. Fausten zog um. Bis 1980 leitete er die Geschicke der Schule. Nach seinem Ausscheiden, im Ruhestand, widmete er sich dem Schreiben.

Sein Buch "Wir haben uns die Zeit nicht ausgesucht", erschien 1985. Jetzt, 20 Jahre später, ist es gefragt wie nie, doch es gibt nur noch wenige Exemplare. Einige werden bei der Veranstaltung am 8. März im Sinziger Schloss noch zu bekommen sein. Eine Fotodokumentation unter dem Titel "Die letzten Tage - Kriegsende in der Goldenen Meile" sowie Original-Filmaufnahmen des Kampfes um die Brücke von Remagen sind am internationalen Museumstag im Sinziger Schloss von 11 bis 17 Uhr zu sehen.