Kommentar zur geplanten Rentenreform: Vertrauensverlust

Kommentar zur geplanten Rentenreform : Vertrauensverlust

Die französische Regierung hat im Konflikt um die Rentenreform deutliche Zugeständnisse gemacht und ein Ende der Massenstreiks gefordert. Ein Kommentar.

Endlich sind zumindest die Eckpunkte der Rentenreform in Frankreich bekannt. Zur Versachlichung oder Beruhigung der Diskussion wird das allerdings nicht beitragen. Die Gewerkschaften haben ihre Mitglieder längst auf den Kampf gegen jegliche Veränderung am Status quo eingestimmt und sind bereit, die Auseinandersetzung mit der Regierung auf der Straße auszutragen. Zwar sind nur knapp zehn Prozent der Arbeitnehmer in Frankreich organisiert, getragen wird der Streik allerdings von einer Mehrheit der Franzosen. Doch hier gilt es, genau zu differenzieren. Denn dieselbe Mehrheit der Franzosen ist auch dafür, dass der verwirrende Renten-Dschungel in Frankreich mit seinen unzähligen Sonderregelungen einfacher und – vor allem arbeitenden Frauen gegenüber – gerechter wird.

Den meisten Menschen ist klar, dass das alte Rentensystem nicht mehr die aktuelle Lebenswirklichkeit der jungen Arbeitnehmer widerspiegelt. Kaum jemand wird noch über viele Jahrzehnte in einem einzigen Betrieb arbeiten und allein dort seine Ansprüche anhäufen. Am Ende eines Berufslebens stünde ein verwirrendes Chaos aus verschiedenen Rentenansprüchen. Auch das soll die Reform verhindern.

Der Grund, weshalb die meisten Franzosen den Protest unterstützen liegt eher in einem generellen Vertrauensverlust gegenüber der Regierung und dem Präsidenten. Kaum jemand glaubt, dass Emmanuel Macron daran gelegen ist, die notwendigen Reformen sozial verträglich umzusetzen. Die Menschen befürchten, dass dieser Umbau nur der Anfang eines weiteren Kahlschlags im Sozialsystem ist. Macron hat sich zu Beginn seiner Amtszeit mit sehr wirtschaftsfreundlichen Reformen den Ruf als Präsident der Super-Reichen erworben – das wird ihm nun zum Verhängnis.