Tag der Deutschen Einheit

Kommentar zum Tag der Deutschen Einheit : Neue Fragen stellen

Am 3. Oktober ist Tag der Deutschen Einheit. Den Osten oder den Westen gibt es nicht mehr. Was daraus gemacht wurde ist individuell und unterschiedlich wie das Leben, kommentiert Helge Matthiesen.

Deutschland diskutiert über das Thema Einheit so, als sei in den zurückliegenden 30 Jahren nichts passiert. Da wird Ost gegen West aufgerechnet, da werden die Befindlichkeiten von Ostdeutschen oder Westdeutschen definiert, als sei der Mauerfall gerade einmal einen Monat her. Dabei ist leicht zu erkennen, dass es den Osten nicht mehr gibt, genauso wenig wie der Westen noch vorhanden ist. Es gibt regionale Unterschiede, deren Hintergrund eine geteilte Vergangenheit ist. Was die Menschen in Ost und West in drei Jahrzehnten aus dieser Startvoraussetzung gemacht haben, ist so individuell und unterschiedlich wie das Leben selbst.

Wer tüchtig war und etwas erreichen wollte, hat die DDR oft schon vor dem 9. November 1989 verlassen. Daher gibt es viele Menschen in der ganzen Republik, die gebürtige DDR-Bürger sind, deren Biografie sie aber in viele Positionen gebracht hat. Sie sind in die Welt gezogen, haben geheiratet, haben sich getrennt, haben Kinder bekommen und sind heute weder Ost noch West, sondern sind aktuelle Bürger dieses Landes mit Stärken und mit Schwächen.

Identitätsdebatten führen nur noch jene, die aus regionalen Unterschieden politisches Kapital schlagen wollen. Allen anderen ist gar nicht mehr klar, um was es dabei eigentlich gehen soll. Der starke Aufschwung von Identitätsfragen in den zurückliegenden Jahren hat regionale Identitäten in Deutschland entwertet und Fragen des Geschlechts, der Migration überbetont. Die aktuellen Diskussionen über Ost und West tun so, als seien vor 30 Jahren Zuwanderer aus einer fernen Region nach Deutschland gekommen und hätten sich seitdem nicht verändert. Das ist kompletter Unsinn. Wir sind seit 30 Jahren eine Gesellschaft mit Spannungen, wie sie jedes Land kennt. Ost und West, Ossi und Wessi sind da nicht mehr die richtigen Kategorien, um über die Zukunft nachzudenken.

30 Jahre sind ein guter Zeitraum, um die Erinnerung neu zu justieren, neue Fragen an die Vergangenheit zu stellen. Es kann nicht mehr nur um die Überwindung einer Diktatur durch die Bürgerbewegung und die Menschen in der DDR gehen. Diese Geschichte ist auserzählt, die Interpretationen bieten kaum mehr Neues, die Rollen sind verteilt. Jetzt gehört die Frage in den Mittelpunkt, was danach geschah, wie Deutschland die gewaltige Herausforderung angenommen und gelöst hat, wo aber auch Fehlentwicklungen begonnen haben. Hier ist nicht die Politik, sondern auch die Wissenschaft zuvorderst die Geschichtsschreibung gefordert. Sie muss neue Fragen stellen und Antworten finden, damit das Land nicht stehen bleibt beim Lamento über Unterschiede zwischen Ost und West.

Die gibt es ohne Frage. Aber sie ordnen sich in weit größere Fragen ein. Benachteiligte ländliche Regionen ohne erkennbares Entwicklungspotenzial gibt es im Osten wie im Westen. In Ostdeutschland häufiger und schon deutlich länger. Dort ist es schwieriger, Probleme zu lösen, weil die Zivilgesellschaft von Parteien über Kirche, Gewerkschaften bis hin ins Vereinsleben weit schwächer organisiert und verfasst ist als in Westdeutschland. Es fehlt dort auch an einer politischen demokratischen Bildung, die helfen könnte, eine obrigkeitsstaatliche Prägung zu überwinden, wie sie die SED hinterlassen hat.

Es bleibt die Frage, wie Deutschland weiter über diese Fragen, auch über Unterschiede und Prägungen diskutieren will. Im Stil der Linken oder der AfD, die hier das Erbe der ostdeutschen Partei angetreten hat, wird es keine brauchbaren Resultate geben. Herausforderungen lassen sich nur gemeinsam lösen. "Wir sind ein Volk", skandierten die Menschen 1989 im Osten. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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