Kommentar: Unwort des Jahres 2014 "Lügenpresse": Verpflichtung

Kommentar : Unwort des Jahres 2014 "Lügenpresse": Verpflichtung

Wer von der Demokratie wenig hält, hat mit der Pressefreiheit seine Schwierigkeiten. So ist es kein Wunder, dass der polemische Begriff "Lügenpresse" in das Wörterbuch aller extremen politischen Richtungen der zurückliegenden Jahrzehnte gehörte, inklusive der beiden deutschen Diktaturen und der sie tragenden Parteien.

Wer "Lügenpresse" sagt, macht klar, wie wenig ihm an einer argumentativen Auseinandersetzung, an Fakten und Meinungen anderer liegt. Streit um den richtigen Weg ist das Wesen der Demokratie. Toleranz macht ihn erträglich. "Lügenpresse" bedient die simple Logik des Freund-Feind-Denkens: Wer nicht schreibt, was ich denke, ist mein Feind. Man muss daher nicht Journalist sein, um diese Wahl zum Unwort des Jahres zu begrüßen, es geht um mehr als Nabelschau. Ohne eine freie Presse gibt es keine Demokratie. Es ist kein Zufall, dass der Auftakt aller Diktaturen die Gleichschaltung der Medien bedeutet. Gewaltherrschaft ist mit Pressefreiheit eben nicht zu machen. Extremisten jeder Spielart wissen das nur zu genau.

Damit ist das Thema nicht erledigt, denn die Freiheit der Medien in der Demokratie ist auch eine Verpflichtung. Das Grundgesetz räumt Journalisten Privilegien ein. Die wollen nicht nur verteidigt werden, sondern auch verdient sein. Bei aller Freude über das klare Votum für die Pressefreiheit steht den Medien Bescheidenheit gut zu Gesicht. Denn verhalten sich die Journalisten immer so, wie es die hohen Ideale und das große Wort von der Pressefreiheit fordern? Ein mutiges Bekenntnis ist billig, aber keine Antwort auf die neuen Herausforderungen - die in den meisten Fällen die alten sind. Als nach 1945 die freie Presse in Deutschland wieder zu arbeiten begann, übten die Alliierten nach angelsächsischer Tradition mit den deutschen Publizisten die Trennung zwischen Meinung und Bericht ein. Halten sich Journalisten immer an diese Spielregel? Es lohnt sich auch, an eine weitere alte Tugend zu erinnern, nämlich die der eigenständigen Recherche. Fakten sind nur dann verlässlich, wenn sie ohne Vorurteil recherchiert, geprüft und fair referiert werden. Wer mit den Wölfen heult, macht sich angreifbar. In Zeiten des schnellen Publizierens im Internet ist es keine Nebensache, daran zu erinnern. Vorgänge wie der Fall Wulff sind vielleicht nicht nur Betriebsunfälle, sondern markieren Veränderungen, auf die sich die Medien besser einstellen müssen, wenn sie das Vertrauen der Menschen behalten wollen. Zu ihrem eigenen Nutzen und zum Nutzen der Demokratie.

Sie braucht eine freie Presse, die ihre Aufgabe mit Augenmaß wahrnimmt. Die Debatte um den richtigen Weg der Gesellschaft können nur die Medien organisieren. Ihre Bedeutung gewinnen sie durch Glaubwürdigkeit. Die muss jeden Tag aufs Neue belegt werden. Nur dann verdient die Presse die Unterstützung der Öffentlichkeit. Vielen Dank.