Kommentar zur Feuerpause in Syrien: Trügerische Ruhe

Kommentar zur Feuerpause in Syrien : Trügerische Ruhe

US-Vizepräsident Mike Pence legte am Donnerstag in Ankara einen Plan für den Konflikt in Nordsyrien vor. Doch die Ruhe ist trügerisch, kommentiert Kristina Dunz.

Hunderte Menschen getötet, vermutlich 300 000 vertrieben – das ist der bittere Preis der bisherigen türkischen Militäroffensive gegen die Kurden in Nordsyrien. Und US-Präsident Donald Trump, der den Weg für die Invasion durch den Abzug seiner Soldaten – beziehungsweise durch den Verrat an den Kurden – erst frei gemacht hat, rühmt sich nach der vereinbarten Waffenruhe, dass er beide Seiten „kurz kämpfen“ lassen und sie dann wieder „auseinander gezogen“ habe. Vielleicht findet sich der mächtigste Mann der Welt in solch dunkler Stunde sogar witzig. Aber er gibt – um in seiner Diktion zu bleiben – nur das beschämende Bild eines ziemlich dummen und feigen Aufpassers auf dem Schulhof ab.

 Er hat nicht zwei Seiten auseinandergezogen, sondern zwei Seiten hineinziehen lassen: den syrischen Diktator Assad und Russlands Präsidenten Putin. Besser hätte es für sie nicht laufen können. Die Weltmacht  USA wie auf der Flucht, weil sie es nicht geschafft hat, den eigenen Nato-Partner Türkei von Waffengewalt abzuhalten und den anderen Verbündeten, die syrischen Kurden,  durch Präsenz zu schützen. Das wäre ein echter Vermittlungserfolg gewesen. Es geht hier nicht um eine Rauferei. Es geht um Krieg und die Gefahr eines großen Flächenbrandes, in den Syrien, Russland, Iran, Israel, die Türkei und die anderen Nato-Staaten verwickelt sind. Die jetzige Ruhe kann trügen.

 Die Kurden müssen sich wie nützliche Idioten fühlen, weil sie dem Westen im Kampf gegen  die Terrormiliz Islamischer Staat mit Leib und Leben geholfen haben und in ihrer eigenen Not vom US-Präsidenten allein gelassen wurden.

 Wenn Präsident Erdogan seine Sicherheitszone bekommt, haben die USA letztlich bei der Kapitulation der dortigen Kurden geholfen. Oder diese wehren sich und die Kämpfe könnten eskalieren.

Eine Eskalation ist auch zwischen Türken und Kurden in Deutschland zu befürchten. In deutschen Moscheegemeinden wird Gott für den Krieg in Anspruch genommen, gegen den Kurden hierzulande demonstrieren.

Der Konflikt darf aber nicht in Deutschland  fortgeführt werden. Die beiden Bevölkerungsgruppen stehen sich in einem Land gegenüber, das ihnen Recht und Freiheit garantiert. Ein hohes Gut. Das haben sie zu achten. Beide.

Mehr von GA BONN