Kommentar zur Massenschlägerei in Bonn: Sensibilität bewahrt

Kommentar zur Massenschlägerei in Bonn : Sensibilität bewahrt

Nach dem Großeinsatz am Samstag am Bonner Hauptbahnhof dauern die Ermittlungen an. Auch wenn bei der Massenschlägerei niemand verletzt wurde, besteht keinAnlass, den Vorfall zu bagatellisieren, kommentiert GA-Redakteur Rüdiger Franz.

Zunächst das Positive: Die vermeintliche Massenschlägerei im Bonner Hauptbahnhof am Samstagabend hat nach Lage der Dinge bei niemandem ernsthafte Verletzungen hervorgerufen. Unbeteiligte kamen mit dem Schrecken (und mit verspäteten Zügen) davon. Zugleich besteht kein Anlass, den Vorfall zu bagatellisieren.

Dass Gewaltfreiheit für die radikalisierten politischen Ränder kein zwingendes Dogma ist, weiß man nicht erst seit Samstag. Auch die Ausschreitungen Linksautonomer beim G-20-Gipfel in Hamburg oder erst kürzlich in Leipzig waren kein Fanal im Sinne neuer Grenzüberschreitungen. Die Berichte des Verfassungsschutzes sind seit Jahren voll von Schilderungen davon, wie diffus das Verhältnis zur Gewalt in der links- und der rechtsextremen Szene ist. Es mag am Karma des alten „Bundesdorfes“ liegen, dass ein Vorfall wie jener am Samstag in dieser Weise für Aufsehen sorgt.

Zugleich spricht die Aufregung, die er erzeugte, für eine biedere und friedliebende Sensibilität, die sich die Bonner im Gegensatz zu anderen Großstädtern erhalten haben. Anders gesagt: Läge die Bundesstadt im Ruhrgebiet und dürfte sich zudem im zweiwöchigen Zyklus an der hohen Kunst des Bundesligafußballs (und all seinen Randerscheinungen) erfreuen, wären womöglich ein allgemeines Schulterzucken und eine polizeiliche Kurzmeldung die Folge gewesen.

Aperçu für die politische Feinsensorik: Kritik an zu nachlässiger (!) Polizeikontrolle kommt in diesem Fall just aus jenem Lager, das im vergangenen Jahr gegen Verschärfungen im nordrhein-westfälischen Polizeigesetz sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt hat. Das bedeutet gleichwohl nicht, dass die Vorwürfe gegen die Polizei völlig danebenliegen. Die Antwort auf die Frage, wo die Einsatzkräfte während der Rückfahrt der gegnerischen Lager aus Remagen gewesen sind, ist die Bundespolizei bislang schuldig geblieben. Sollte man sich nach Ende der Kundgebungen darauf verlassen haben, der Rest werde jetzt sicher auch noch irgendwie gutgehen, bestünde Gesprächsbedarf.

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