Kommentar zu Deutschlands Klimaschutz: Mutloser Trippelschritt

Kommentar zu Deutschlands Klimaschutz : Mutloser Trippelschritt

Inzwischen ist die Zeit für das Drehen an kleinen Schräubchen nutzlos verstrichen. Nun fehlt die Zeit für vielerlei: Etwa für durchdachte Zukunftslösungen, eine gesellschaftliche Debatte und für die Samtpfotentour erst recht, meint Wolfgang Wiedlich.

Diese Sätze sind 40 Jahre alt: "Noch ist Zeit, gegen den Klimawandel zu handeln. Politische Entscheidungen dazu können nur ohne Rücksichtnahme auf Wahlperioden bewältigt werden - und mit Mut zur Unpopularität." Sie stammen vom Bonner Klimaforscher Hermann Flohn, einem der weltweit wichtigsten seiner Zeit.

Inzwischen ist die Zeit für das Drehen an kleinen Schräubchen nutzlos verstrichen - Jahrzehnte, in denen von fossilen Energien abhängige Gesellschaften auf Samtpfoten auf einen klimafreundlichen Weg geführt hätten werden können. Nun fehlt die Zeit für vielerlei: Etwa für durchdachte Zukunftslösungen, eine gesellschaftliche Debatte und für die Samtpfotentour erst recht, während der "Mut zur Unpopularität" im demokratischen System vermutlich immer gefehlt hätte. Wie gestern, als die Große Koalition ihren jahrelangen Klimaschutz-Tiefschlaf mit Nachtsitzungen zu kompensieren versuchte. Ja, die GroKo hat sich bewegt, aber sie liest uns weiter das Märchen vor, wonach Klimaschutz sich nicht mit Verboten und angemessenen CO2-Preisen erreichen lässt, sondern nur mit Innovationen und Anreizen. Und wer im Alltag doch den fossilen Entzug spürt, erhält gleich ein Schmerzpflaster - ein Steuergeschenk. Was für eine Fata Morgana: Mit diesen Trippelschritten in die richtige Richtung haben schon die vielen UN-Klimagipfel nichts bewirkt.

Es verblüfft, dass die Zuversicht in die Zauberkräfte des Marktes geblieben ist. Der hat die Natur ausgebeutet oder ganz zerstört - zum Nulltarif. Sozusagen kapitalistisches Gewohnheitsrecht. Das heute unter "Tragik der Allmende" bekannte, gleichwohl uralte Dilemma hatte schon der griechische Philosoph Aristoteles erkannt. Dem Gemeingut, das die meisten Nutzer habe, "wird die geringste Fürsorge zuteil", was der Gelehrte damals an Weiden, Hirten und Vieh beobachtete.

Die Übernutzung natürlicher Ressourcen gilt bis heute: Die Vorteile häufen sich bei Konzernen und Konsumenten an, während die Allgemeinheit die Schäden trägt. Aktuelle Stichworte dazu: Grundwasserqualität, Insektensterben, Antibiotikaresistenz. Auf einem von acht Milliarden Menschen bevölkerten Planeten war es nur eine Frage der Zeit, bis die Kraft des Marktes auch die vermeintlich unendlich große Erdatmosphäre zu einer endlichen Gasmülldeponie machte. Nun quillt sie über.

Das Stoppschild, das uns über die spürbare Erwärmung von Jahr zu Jahr größer erscheint, setzt aber auch Fragezeichen: hinter den Wachstumsfetisch, den gelebten Kapitalismus, die an immer mehr Wohlstand zum Billig-billig-Tarif gewöhnte Gesellschaft.

Das mit der Endlichkeit unserer Welt ahnten wir zwar schon länger, aber wir wollten es nie so ganz genau wissen. Dieses Verdrängen hat auch Denkverbote, regelrechte Tabus, hervorgebracht und mit ihnen einen engen Korridor für "zugelassene" Meinungen. Ausgesperrt werden die klimafreundliche Atomenergie ebenso wie die Beschneidung individueller Freiheiten und damit das Nachdenken über Verbote, zugelassen sind hingegen naive Wissenschaftszweifel, nur weil deren Erkenntnisse stören. Das hat seinen Preis, denn in Deutschland haben wir, nüchtern betrachtet und zumindest übergangsweise, nur die Wahl zwischen Cholera (Atommüll) und Pest (Gasmüll), bis die halbherzig betriebene Energiewende auf den Schultern von Sonne und Wind tatsächlich vollendet ist.

Weil die Politik - quer durch alle Parteien - sich nicht ehrlich macht und nichts mehr fürchtet als Empörungswellen und erboste Wähler, neigt sie zu (zu) optimistischen CO2-Businessplänen und produziert fragwürdige Schnellschüsse und mit dem E-Auto das nächste Umweltproblem. Das rettet uns den Tag, aber nicht die Zukunft. Deshalb klaffen das physikalisch Notwendige und das politisch Machbare auch immer weiter auseinander und ist "Nachhaltigkeit" zur Marketing-Vokabel verkümmert. Während die Politik ihre Kompromisse lobt, kennt die Klimaphysik nicht nur keine, sondern sie macht auch keine.

Doch die Fridays-for-Future-Bewegung und ihren zivilgesellschaftlichen Anschlüsse spenden Hoffnung. Bei Licht besehen, sind die jungen Leute samt Sympathisanten, die für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen marschieren, die neuen Konservativen, auch wenn Teile der vom Klimawandel besonders Betroffenen noch nicht exakt wissen, welche physikalische Realität hinter dem Strom aus der Steckdose spielt. Leider sind die ehernen Konservativen nur noch formal konservativ; in Sonntagsreden sprechen sie von der Bewahrung der Schöpfung, werktags von Ressourcen und Wachstum. "Nur wenn wir den Frieden mit der Schöpfung wiederherstellen", begann CDU-Kanzler Helmut Kohl 1991 einen Satz, den seine Partei heute kaum mehr glaubwürdig vollenden kann. Es naht unweigerlich der Abschied von alten und teils verlogenen Gewissheiten.