Kommentar zu Siemens : Ein hoher Preis

Der Siemens-Konzernchef Joe Kaeser begründet die umstrittenen Signaltechnik-Lieferung für eine geplante Kohlemine mit Vertragstreue. Der Preis für diese Entscheidung ist hoch, kommentiert Kristina Dunz.

Es ist ein eindrucksvolles Beispiel, wie aus einer Mücke der berühmte Elefant werden kann. Offenbar ziemlich arglos haben Verantwortliche bei Siemens im vorigen Jahr der Lieferung einer Signalanlage für eine geplante Kohlemine in Australien zugestimmt. Die Technik ist für eine Bahnstrecke gedacht, auf der die Kohle zum Hafen gebracht werden soll für den Export nach Indien und China. Während Deutschland den Ausstieg aus der Kohle-Energie beschließt, will der indische Konzern Adani in Australien eines der größten Kohlebergwerke der Welt bauen. Siemens ist nun mit dabei. In einem Land, das seit Monaten brennt und in dem die Folgen der Erderwärmung immer sichtbarer werden. Für den Konzern ist das kein Argument.

Siemens-Chef Joe Kaeser gab dem Druck der Klimaschützer nicht nach. Oberste Priorität hat für ihn die Vertragstreue seines Unternehmens. Der Auftrag im Volumen von 18 Millionen Euro entspricht dem Umsatz, den der Dax-Riese alle 20 Minuten macht. Das Geschäft ist so klein, dass der Vorstandsvorsitzende nie davon erfahren hätte, hätte es nicht die Kritik der Klimaschützer gegeben. Aber der Preis für die Entscheidung, an der Lieferung festzuhalten, ist hoch. Denn es geht um den guten Ruf des Unternehmens in Sachen Klimaneutralität.

Kaeser ist es nicht gelungen, den Schaden zu begrenzen. Vier Wochen lang hat er die Proteste in den sozialen Medien und auf der Straße laufen lassen, bis er sich mit der deutschen Galionsfigur von Fridays for Future, Luisa Neubauer, zum Gespräch traf – und damit riesige Erwartungen weckte. Viele haben in Erinnerung, wie Kaeser das Siemens-Werk in Görlitz, das eigentlich geschlossen werden sollte, doch noch rettete und durch Umstrukturierung Arbeitsplätze in der sächsischen Region erhielt sowie Lebensperspektiven für die Bewohner sicherte.

Doch Kaeser musste an dem Adani-Auftrag festhalten, um sich nicht zum Spielball der Fridays-for-Future-Bewegung zu machen. Hätte er das Projekt gestoppt, hätte Luisa Neubauer nach weiteren möglichen kritischen Geschäften geschaut. Sein Angebot, sie könne im Aufsichtsrat von Siemens Energy Verantwortung übernehmen, konnte die 23-Jährige wiederum nicht annehmen, weil sie für ihre Organisation dann erledigt gewesen wäre. Kaeser wird nun ein neues Gremium für Nachhaltigkeit bei Siemens schaffen – mit externen Beratern. Damit das Bewusstsein für kritische Geschäfte geschärft werden möge.